Nie mehr seit den Zeiten des Empires, als sie einen Drittel der Welt beherrschten (17. bis Anfang 20. Jahrhundert), waren die Briten so glücklich wie in diesen Tagen. Endlich, endlich heisst es wieder: Rule, Britannia! Am Samstag sangen 70000 die Hymne im Olympiastadion aus vollem Herzen.

«God save our gracious Queen,

Long live our noble Queen,

God save the Queen!

Send her victorious,

Happy and glorious,

Long to reign over us;

God save the Queen.»

Dabei hat alles, ganz ähnlich wie bei den Schweizern, mit Katzenjammer angefangen. Wie die Schweizer gingen die Briten am ersten Tag beim Rad-Strassenrennen leer aus. Nach vier Tagen und 46 von 302 Entscheidungen stand Grossbritannien mit zweimal Silber und zweimal Bronze im Medaillenspiegel auf Rang 21 – hinter Litauen, Kasachstan und Georgien. «The Sun» höhnte auf der Titelseite: «Gesucht: Goldmedaille!». Die grösste Olympia-Delegation der Spiele, die mit 542 Athleten am Eröffnungstag einmarschiert war und als einzige bei allen 26 Sportarten antritt, drohte zum Gespött der Nation zu werden.

Doch die Delegationsleitung liess sich nicht irritieren und verkündete: «Wir sind sehr gelassen, mit dem, was wir haben. Vor uns liegen grosse Tage.» Und tatsächlich: Nun erleben die Britten emotional die Wiederkehr des Empires, das einst über einem Drittel der Welt wachte. Der 3. Platz im Medaillenspiegel ist ihnen nicht mehr zu nehmen, die beste Klassierung seit 1908.

Ähnlich wie die Schweiz

Ein System hat diesen beispiellosen sportlichen Triumph ermöglicht, das in den Grundzügen gar nicht so verschieden von der Sportförderung in der Schweiz ist. Nur mit mehr Geld ausgestattet und dynamischer und durch viel weniger Bürokratie eingeengt. So wie der Schweizer Sport, zusammengefasst in der Behörde «Swiss Olympic», von staatlichen Zuwendungen, der Sporthilfe und den Lotterie-Gewinnen (Sport-Toto), so lebt auch Grossbritanniens Sport von einer staatlichen Lotterie. Das Management liegt bei der staatlichen Organisation «UK Sport» als oberste Sportbehörde.

«UK Sport» stehen pro Jahr rund 150 Millionen Franken zur Verfügung und es pflegt eine Mischung aus Planwirtschaft und Manchester-Raubtierkapitalismus. «UK Sport» finanziert Infrastruktur, Trainer und die Druiden(Mediziner und Sportwissenschafter). Ins Umfeld der besten Sportler werden pro Saison im Schnitt 80000 Franken investiert, um perfekte Trainingsbedingungen zu schaffen. Rund 1200 Athleten bekommen zudem ein Salär von durchschnittlich 45000 Franken. Damit sie wie Profis leben können.

Im Gegenzug wird eine gnadenlose Leistungsausrichtung durchgesetzt. Jeder Chefcoach musste Businesspläne vorlegen und detailliert darlegen, wie er Geld zu Gold zu machen gedenkt. Für Sentimentalitäten hat es keinen Platz. Beispiel: Die Ruder-Freundinnen Sophie Hosking und Hester Goodsell (leichter Doppelzweier) wurden kurz vor Olympia getrennt. Der Cheftrainer ersetzte Goodsell durch Kate Copeland. Das Resultat: Gold. Der Unterschied zur Konkurrenz macht sehr oft die intensive Pflege der Details, die
intensive Suche nach allem, was hilft, besser zu werden. Beispiel: Greg Rutherford holte Gold im Weitsprung. Er wird von einem ehemaligen Assistenztrainer von Carl Lewis betreut und hat seine Technik aus Youtube-Filmen des US-Superstars (neunmal Gold zwischen 1984 und 1992).

Alles für den Erfolg getan

Die Briten haben alles Menschenmögliche getan, um Erfolg zu haben. Deshalb haben sie den Fehlstart überstanden und werden nun von den Wellen des Erfolges zu den erfolgreichsten Spielen seit 1908 (London/ 56-mal Gold) getragen.

Letztlich ist der grösste Entwicklungssprung einer Sportnation in der modernen Geschichte nur durch die Ausrichtung der Spiele im eigenen Land möglich geworden. Noch 1996 hatten die Engländer in Atlanta lediglich einmal Gold und insgesamt 15 Medaillen geholt. Diese schlimmste britische Demütigung seit dem Verlust der amerikanischen Kolonien führte 1997 zur Neuausrichtung der britischen Sportbewegung und zur Gründung von «UK Sports» – bei uns hatten die ersten medaillenlosen Winterspiele 1964 zu einer totalen Reorganisation des Sportes geführt.

Die Entwicklung in England ist auf allen Ebenen durch das Projekt «London 2012» befeuert worden. Bereits bei den letzten Spielen in Peking (2008) feierte das Königreich 19 Olympiasieger und insgesamt 47 Medaillengewinner. Dieses Resultat dürfte nun noch übertroffen werden. Nur eines ist gleich geblieben: der Penalty-Fluch. Das englische Fussballteam schied gegen Südkorea im Viertelfinal nach Penalty-Schiessen aus.