Wenn in London an den Olympischen Spielen Rekorde gebrochen werden, kann man nie ganz sicher sein: Wurde die neue Bestmarke von einem Menschen oder einem Mutanten aufgestellt? Einem genetisch modifizierten Athleten also. «Es kann gut sein, dass Gendoping in London zum Einsatz kommen wird», sagt Perikles Simon, Molekularbiologe und Leiter der Abteilung Sportmedizin an der Universität Mainz.

Bei Gendoping handelt es sich um eine neue Qualität von Doping. Es werden dem Athleten nicht bloss leistungssteigernde Hormone ins Blut gespritzt, sondern neue Gene zugeführt. Gene, die etwa die Muskelkraft steigern oder die Ausdauer erhöhen. Als Mensch geboren, mutiert der Sportler so im Labor zum Über-Athleten.

Wird es bereits gemacht?

Ob das bereits gemacht wird, kann niemand mit letzter Gewissheit sagen. Doch einiges spricht dafür. Bereits 2006 soll sich der deutsche Leichtathletik-Trainer Thomas Springstein nach Mitteln für Gendoping erkundet haben – ein E-Mail gibt Aufschluss darüber. Und der amerikanische Molekularbiologe Lee Sweeney hat bestätigt, dass er bereits Dutzende von Anfragen bekommen habe – von Sportlern und Trainern, die sich für die Gene interessierten, die er seinen Mäusen im Labor gespritzt hat. Durch das fremde Erbmaterial entwickelten die Mäuse ein enormes Muskelwachstum.

Als «Schwarzenegger-Mäuse» gingen die muskelbepackten Nager um die Welt. So manch ein Bodybuilder dürfte ob der Muskelberge der kleinen Tiere neidisch geworden sein. Mäuse mit leistungsfähigen Genen hat im Tierspital der Universität Zürich auch Max Gassmann kreiert. Seine Marathon-Mäuse entpuppten sich als exzellente Dauerläufer.

Bei der Natur funktionierts

Dass Genmanipulation auch beim Menschen wirkt, hat die Natur bereits selber gezeigt. Der Finne Eero Mäntyranta dominierte in den 1960er-Jahren den Langlauf und wurde immer wieder als Dopingsünder verdächtigt. Zwanzig Jahre später entdeckten Forscher eine seltene Mutation in seinem Epo-Gen, die ihm schier übermenschliche Ausdauer verlieh. Bis zu 50 Prozent mehr Sauerstoff konnte sein Blut aufnehmen. Ein ähnlicher Fall ereignete sich vor 12 Jahren: In Deutschland wurde ein Knabe mit extrem ausgebildeter Muskulatur zur Welt gebracht. Die Ärzte fanden heraus, dass er eine Abnormität in einem einzigen Gen hat – in jenem, welches für die Regulierung des Muskelwachstums zuständig ist. Wegen des defekten Gens kann der Körper kein Myostatin produzieren. Dieses Hormon begrenzt das Wachstum der Muskeln.

Doch die Gene des Menschen künstlich zu modifizieren, wie das bei Tierversuchen gemacht wird, das ist gar nicht so einfach. Seit rund zwei Jahrzehnten versucht die Forschung im Rahmen der Gentherapie, gesunde Gene in den Körper zu schleusen, um so defekte Gene zu ersetzen und Krankheiten zu therapieren. Lange vergebens. Doch letzte Woche hat die Gentherapie einen ersten Durchbruch geschafft. Zum ersten Mal hat die Europäische Arzneimittelagentur eine Gentherapie zur Zulassung empfohlen. Damit sollen Menschen, die an einer seltenen Stoffwechselstörung leiden, therapiert werden.

Dopingforscher ist skeptisch

«Ich erwarte, dass die Zulassungen für verschiedene andere Gentherapien bald folgen werden», sagt Perikles Simon. «Und mit jeder Erfolgsmeldung aus der Gentherapie steigt das Risiko, dass ähnliche Methoden für Gendoping missbraucht werden. Auch Matthias Kamber, Direktor von Antidoping Schweiz, glaubt, dass sich Gendoping in den nächsten 10 Jahren verbreitet. Der Dopingbekämpfer macht sich keine falschen Hoffnungen: «Sobald sich Gentherapien durchgesetzt haben, wird sich auch das Gendoping etablieren.»

Weniger dramatisch schätzt Patrick Diel, Dopingforscher an der Sporthochschule Köln, die Lage ein. «Warum sollte ein Sportler seine Gene modifizieren, wenn ihm andere Dopingmethoden zur Verfügung stehen, von denen er weiss, dass sie funktionieren und dass sie relativ risikolos sind?», fragt Diel. Denn dass Genmanipulationen bei einem gesunden Menschen tatsächlich eine Leistungssteigerung bewirken, ist nicht erwiesen – weil damit noch nie an einem gesunden Menschen wissenschaftlich experimentiert worden ist. Das Risiko ist beträchtlich. Denn die Funktionsweisen von Genen sind komplex. Die Epo-Mäuse im Labor des Zürcher Tierspitals lebten nur halb so lange wie gesunde Mäuse. Das Epo-Gen liess sich nicht mehr kontrollieren, die Produktion der roten Blutkörperchen nicht mehr stoppen; das Blut wurde dickflüssig wie Honig. Und die Tiere starben an Leber- und Nierenversagen.

Rekorde zu erzielen wird immer schwieriger

Welcher Mensch würde sich freiwillig solche Gene spritzen? Sportler mit einem unbändigen Siegeswillen vielleicht. In den 90er-Jahren fragte der Sportwissenschafter Bob Goldman Spitzensportler, ob sie bereit wären ein Mittel einzunehmen, das ihnen die olympische Goldmedaille garantiere, auch wenn sie fünf Jahre später daran sterben würden. Das Ergebnis: Die Hälfte der Befragten würde sich auf einen solchen Pakt einlassen.

Siegen ist das eine, Weltrekorde zu setzen, noch einmal etwas anderes. Und das wird immer schwieriger. Der Mensch habe über 99 Prozent seiner Leistungsfähigkeit ausgeschöpft, schlussfolgerten bereits 2007 französische Sportwissenschafter. Dennoch fordern wir von den Athleten immer noch fantastischere Leistungen. Ganz nach dem olympischen Motto: «Höher, schneller, weiter!»

Kein Schreckensszenario

«Wir drängen Athleten leistungssteigernde Technologien geradezu auf», sagt Andy Miah, Leiter des Creative Future Institute an der University oft the West of Scotland. Für Miah sind genetisch modifizierte Athleten kein Schreckensszenario, sondern bloss die logische Konsequenz aus der biotechnologischen Forschung der letzten Jahrzehnte. «Die Wissenschaft wird Fortschritte machen und genetische Modifikationen werden nicht nur bei Kranken zum Einsatz kommen, sondern auch bei Athleten», ist Miah überzeugt. Da die neue Technologie ohnehin angewendet werde, gehe es darum, diese sicher zu machen, damit sich die Athleten nicht in Gefahr begeben. «In einigen Jahren wird das der Fall sein», sagt Miah.

Doch von der Möglichkeit, das Erbmaterial künstlich aufzuwerten, werden nicht nur Leistungssportler profitieren wollen. «Menschen werden die neuen Möglichkeiten nutzen, um sich nach ihren eigenen Vorstellungen zu entwickeln», sagt Miah. «Warum sollten wir uns nicht modifizieren, um zu besseren Sängern, Tänzern oder Poeten zu werden?» Zu perfekten Menschen werde uns das nicht machen. Weil eine Optimierung in einem Bereich eine Schwächung in einem anderen bedeute. «Aber es wird uns zu dem machen, was wir sein wollen.» – Doch wollen wir das denn wirklich, zu Mutanten werden?