Auf einem Quad kommt sie über den zugefrorenen See angebraust. Der Schnee stäubt auf. Lindsey Vonn ist da. Jacke, Hose, Winterstiefel und selbst die Mütze, alles in Schwarz. Sie hat Verspätung, rund eine halbe Stunde. Aber wer will ihr das schon übel nehmen? Wenn die Speedqueen zur Audienz lädt, dann kommen die Medienvertreter in Scharen.

Über 50 warten am Montag auf sie vor dem Hotel Waldhof am See in St. Moritz. Und manch ein Reporter fragt zwar für ein Selfie mit ihrer Hoheit, aber bringt sonst kaum ein Wort raus. Die Lindsey-Mania hat Züge angenommen, die kaum mehr rational zu fassen sind. Man mag sich gar nicht vorstellen, was los gewesen wäre, hätte sie in der Abfahrt Gold und nicht bloss Bronze gewonnen.

Lindsey Vonn, Sie haben sich ernsthaft über Bronze gefreut. So kennt man Sie gar nicht!

Lindsey Vonn: Die letzten Wochen und Monate waren sehr schwierig, mit meinem Unfall, meiner Hand. Ich wusste schlicht nicht, ob ich unter diesen Bedingungen eine Medaille holen kann. Ich kam praktisch ohne Training hierher und nach den zwei Stürzen in Cortina war das Selbstvertrauen weg. Deshalb hat diese Bronze-Medaille eine so grosse Bedeutung für mich.

Ihnen hat das Selbstvertrauen gefehlt?

Ohne Training ist es schwierig mit dem Timing in den Kurven. Und mir war bewusst, dass ich nicht topfit bin. Deswegen war das Selbstvertrauen nicht da. Trotzdem: Wenn ich am Start stehe, glaube ich, dass ich gewinnen oder eine Medaille holen kann. Dieser dritte Platz hat mir gezeigt, was ich erreichen kann, wenn ich gut vorbereitet bin.

Sie haben ein grosses Risiko auf sich genommen, weil Sie zwei Monate nach dem schweren Bruch zurückkamen. Warum so schnell?

Ich habe lange mit meinem Physiotherapeuten und meinem Arzt diskutiert. Das Risiko wäre gleich geblieben, auch wenn ich erst drei Monate später eingestiegen wäre. So lange ich die Platte drin hab, bleibt das Risiko unverändert. Das wird so sein, bis meine Karriere zu Ende ist. Das gehört von jetzt an dazu, ist Teil meines Lebens.

In Zauchensee hatten Sie einen medizinischen Evakuationsplan. Wird das von nun an immer so sein?

Ja, das ist so. Denn als ich mir den Arm brach, dauerte es zweieinhalb Stunden, bis ich im Spital war. So etwas darf nicht mehr passieren. Deshalb ging eine Mail an alle Physios und Ärzte des US-Skiteams raus. Nun wissen alle, was zu tun ist, falls noch einmal etwas Ähnliches geschehen sollte.

Kurz nach den Rennen in Zauchensee sind Sie in Cortina zweimal gestürzt. Wie hat Sie das beeinflusst?

Es war gut, zu merken, dass ich stürzen kann, ohne mich gleich zu verletzen. Aber es war sicher nicht die optimale Vorbereitung auf die WM in St. Moritz. Ich hoffte, dass ich noch ein weiteres Weltcuprennen hätte gewinnen können. Dann wäre ich auch mit mehr Selbstvertrauen her gekommen.

Trotz Evakuationsplan und Crashtest in Cortina, das Risiko, das Sie auf sich nehmen, ist in den letzten Jahren gewachsen. Wieso tun Sie sich das an?

Ich liebe das Skifahren. Ohne diesen Sport bin ich nicht wirklich glücklich. Wenn ich nicht auf die Ski kann, dann werde ich ganz kribbelig.

Ein Einblick in den Alltag von Lindsey Vonn.

Ein Einblick in den Alltag von Lindsey Vonn.

Sind Sie süchtig?

Nein, das nicht. Aber sagen wir es so: Wenn ich verletzt bin, dann ist das Skifahren meine beste Medizin. Es gibt nichts Besseres, als auf dem Berg zu sein. Daraus ziehe ich die Kraft, um immer wieder zurückzukommen.

Wann sind Sie das letzte Mal aufgewacht ohne Schmerzen?

In den letzten vier, fünf Jahren nicht oft. Das ist sicher.

Wissen Sie, was Sie Ihrem Körper antun? Denken Sie daran, was in 20 Jahren sein wird?

Ich hoffe auf den medizinischen Fortschritt. Darauf, dass ich zwei gesunde neue Knie kriege und vielleicht auch einen neuen Arm (lacht).

Sie leiden auch der Rekorde wegen. Es ist kein Geheimnis, dass Sie die Marke von Ingemar Stenmark, seine 86 Weltcupsiege, knacken möchten. Ein Marcel Hirscher behauptet, dass ihn die Rekorde nicht interessierten. Warum ticken Sie so anders?

Ich bin älter als Marcel, näher am Ende meiner Karriere. Ich denke, das verändert den Blick auf all das, Rekorde kriegen eine andere Bedeutung. Und ich denke, dass die Rekorde auch für Marcel wichtig sind. Ich mache einfach kein Geheimnis daraus. Das erhöht den Druck. Aber mir hilft das, mich motiviert es.

Lindsey Vonn will die Rekorde im alpinen Skisport knacken.

Lindsey Vonn will die Rekorde im alpinen Skisport knacken.

Den wohl grössten Druck auf Sie macht eine junge, sehr erfolgreiche Fahrerin aus Ihrem eigenen Team: Mikaela Shiffrin. Wie gehen Sie damit um?

Mikaela hat sehr viel Talent, schon viele Erfolge gefeiert und ist noch immer sehr jung. Das gibt ihr die Möglichkeit Rekorde zu brechen. Vielleicht irgendwann auch meine. Das kann ich nicht beeinflussen. Aber in erster Linie bin ich glücklich, dass wir einen weiteren Star in unserem Team haben.

Echt jetzt?

Ja, denn das hilft uns bei der Sponsorensuche und damit unserem Sport. So finanzieren wir unsere Trainings. Bei uns in den USA funktioniert das anders als in Europa. Wir kriegen keine Unterstützung von der öffentlichen Hand.

Sie haben es selbst angetönt, Ihre Karriere neigt sich dem Ende zu. Wie lange wollen Sie noch weitermachen?

Vor der Abfahrt am Sonntag habe ich mich selbst gefragt, ob das meine letzte WM-Abfahrt ist. Aber ich denke nicht. Ich mag noch nicht aufhören. Vielleicht sieht es nach Olympia anders aus. Aber im Moment bin ich noch sehr motiviert.

Das müssen Sie auch. Es heisst, keine Fahrerin trainiere härter als Sie. Was heisst das?

Im Sommer trainiere ich zwischen vier und sechs Stunden im Fitnessstudio, sitze oft auf dem Fahrrad. Skifahren bedingt eine heikle Kombination von Koordinations-, Ausdauer- und Krafttraining. Es ist die Vorbereitung für den Winter, für die Tage im Schnee.

Und mentales Training?

Das brauche ich nicht. Warum auch? Ich weiss doch, was ich mache.

Wenn wir schon beim Mentalen sind: Nehmen Sie noch Antidepressiva?

Ja, man kann dieses Medikament nicht einmal nehmen und dann einfach absetzen. Ich brauche es jetzt schon mehrere Jahre. Vielleicht versuche ich es abzusetzen, wenn ich mit dem Skifahren aufgehört habe. Im Moment denke ich nicht viel darüber nach, es gehört zu meinem Leben.