Handball
Guru Guitton: «Ich kann viel bewegen – positiv wie negativ»

Raphael Guitton trifft am Samstag mit Horgen und den weiteren ehemaligen Spielern Philipp Wallisch und Christian Hilkinger in der 1.Liga auf seinen Ex-Verein Dietikon-Urdorf.

Rainer Sommerhalder
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Raphael Guitton in seinem Büro der Zürich Versicherung in Zürich City mit der brasilianischen Meditationsspirale.

Raphael Guitton in seinem Büro der Zürich Versicherung in Zürich City mit der brasilianischen Meditationsspirale.

Rainer Sommerhalder

Der Weg zum Interview mit Handballer Raphael Guitton gestaltet sich geheimnisvoll. Um in sein Büro bei der Zürich Versicherung zu kommen, muss man den Nebeneingang des grossen Gebäudes nahe des Paradeplatzes benutzen. Nur einer der Lifte fährt bis in den sechsten Stock hoch, die anderen stoppen spätestens im fünften Geschoss.

Bereits auf dem langen Gang hört man jemanden perfekt Französisch sprechen. Der Bilingue Guitton verhandelt wortreich mit einem Kunden. Beim Eintritt in das grosse Büro direkt unter dem Dach stechen zwei von der Decke baumelnde kreiselförmige Mobiles hervor. Es sind Meditationsspiralen aus Brasilien.

An der Wand hängt imposant ein Bild des hinduistischen Elefantengottes Ganesha. Der süsse Geruch eines Raucherstäbchens durchdringt den Raum. Man denkt an Mike Shiva und sieht Raphael Guitton, diesen charismatischen Kreisläufer, der als wandelnder Vulkan auf dem Feld jederzeit kurz vor dem Ausbruch steht und bei Auswärtsspielen mit seinem Verhalten Tribünengäste spontan zu Buhrufen animiert. «Das macht mich nur noch geiler», sagt Guitton zu solcherlei Unmutsbekundungen des Publikums.

Raphael Guitton, sind Sie ein Nachfahre von Dr. Jekyll und Mr. Hyde?

Ich glaube, alle Menschen haben zwei Seiten. Handball ist auch ein Kampfsport. Und ich bin ein Spieler, der ein gewisses Aggressivitätslevel erreichen muss, um sein Leistungsvermögen abzurufen. Spüre ich diese Energie, dann kann ich über mich hinauswachsen.

Ihre zwei Seiten wurden letzte Saison beim HC Dietikon-Urdorf spürbar. Zuerst waren Sie der vermeintliche Toptransfer, der selten im Training auftauchte, im ersten Spiel gleich die rote Karte sah und primär Unruhe ins Team brachte.

Wo Rauch war, hat es sicherlich auch das eine oder andere Feuer gegeben. Ich kam ganz klar aus Freundschaft zu Trainer Claude Bruggmann zum HCDU. Und ich kam aus Plausch. Ich hatte dann im Herbst privat eine sehr turbulente Zeit und musste dort zurückstecken, wo es ging – beim Handball. Mit meinem ersten Auftritt und der roten Karte erwischte ich dann einen denkbar schlechten Start.

Darauf entschied Bruggmann, Sie vorerst aus dem Team zu suspendieren. Hat Sie das gekränkt?

Nein, eher umgekehrt. Ich hatte ein schlechtes Gewissen ihm gegenüber, dass ich nicht das liefern konnte, was er von mir erwarten durfte. Es war sein legitimer Entscheid. Es ist schon so, wir hätten mit unserem Spielermaterial eine viel bessere Saison spielen können, als wir es taten. Aber ich war sicherlich nicht der einzige Faktor, dass wir letztlich beinahe abgestiegen sind.

Haben Sie die Rolle als Sündenbock, mit der Sie zwischendurch abgestempelt wurden, gespürt?

Meine Mutter und meine Grossmutter haben die Schlagzeilen über mich in der Limmattaler Zeitung schon gelesen. Ich bin vom Spielertyp her jemand, der polarisiert. Das war schon immer so. Ich bin mir gewöhnt, dass ich dadurch diese Rolle einnehme, wenn es dem Team schlecht läuft. Ich biete nun mal Angriffsfläche und habe keine Probleme damit, wenn dann auf mich geschossen wird.

Wieso haben Sie diesen Ruf, ein «schwieriger Spieler» zu sein?

(Guitton fragt seinen Bürokollegen, dieser antwortet: «Weil es stimmt! Eine Diva hat halt immer ihre Macken.») Guitton: Ich kann von meiner Art her viel bewegen – positiv wie negativ. Ich versuche aber neuerdings, meine Energien besser zu koordinieren und kontrollieren. Ich befasse mich viel mit dem Thema Meditation, um meine Energie nur positiv einsetzen zu können. Wenn jemand mit viel Power und Energie sich selber nicht unter Kontrolle hat, dann schlägt dies natürlich viel weiter aus. Es gab auch Trainer, die genau diesen Spielertyp wie mich suchten und brauchten, um auf dem Feld auch einmal diese Emotionen anzufachen.

Aber Sie haben auch die andere Seite – jene des sanften Familienmenschen. An die HCDU-Heimspiele kam sogar Ihre Grossmutter!

Ja, natürlich. Keine Angst: Ich bin kein Böser!

Und wie kamen Sie zur Meditation?

Im Januar während meiner einmonatigen Selbstfindungsreise in Brasilien. Durch das Meditieren fand ich meine innere Ruhe. Als ich zurückkam, gab ich ja auch beim HCDU wieder Vollgas.

Wo sehen Sie als Mensch Ihre Stärken und Schwächen?

Meine Stärken sind die Kommunikation und die Fähigkeit, Menschen mitreissen zu können. Und auch mein Ehrgeiz und mein Durchsetzungsvermögen. Ich will gewinnen und bin bereit, viel dafür zu tun. Meine Schwäche war lange, diesen Ehrgeiz nicht nur positiv eingesetzt zu haben. Ich fokussiere mich nun darauf, in solchen Momenten aufbauend zu sein.

So kommen wir zu Ihrem «zweiten Gesicht»: Im Frühling hatten Sie als Teamleader und regelmässiger Torschütze massgeblichen Anteil, dass der HCDU nicht abstieg.

Man muss auch sagen, dass sich allgemein etwas im Team geändert hatte. Plötzlich waren wir wieder genügend Spieler im Training, jeder hat sich für diesen Abstiegskampf nochmals zusammengenommen. Es machte generell wieder Spass. Ich kam aus Brasilien mit völlig neuer Energie zurück und hatte das Bedürfnis, Claude und dem Team für das Vertrauen etwas zurückzugeben.

Der neue HCDU-Trainer Karsten Hackel schwärmte in den höchsten Tönen von Ihnen. Trotzdem waren Sie – zusammen mit Wallisch und Hilkinger – von einem Tag auf den anderen weg bei Horgen. Wieso?

Das kann man nicht so schnell erklären. Ich war einerseits auch begeistert von Karsten. Er kam mit viel Energie und Motivation. Er hat gemacht, was er konnte. Besser kann man es mit diesen Rahmenbedingungen nicht machen. Auch die Mitspieler beim HCDU waren toll. Aber das ist es dann schon auch. Der Rückhalt und die Ambitionen des Vereins waren nicht mehr kompatibel mit meinen sportlichen Zielen. Da ich inzwischen wieder Freude am Handball bekommen hatte, wollte ich an einem Ort mit Ambitionen gegen oben spielen. Mein Ziel ist es, in die NLB aufzusteigen. Den Entscheid, den HCDU zu verlassen, habe ich übrigens ganz alleine getroffen. Wallisch und Hilkinger habe ich nicht mit nach Horgen geholt. Das möchte ich betonen.

Am Samstag treffen Sie auf Ihre ehemaligen Teamkollegen. Auch für Sie ein spezielles Spiel?

Auf jeden Fall. Ich habe etwas Angst vor Fabian Beltramis unkontrollierten, harten Fouls. Er spielt schon sehr unkontrolliert und hart, wenn er nicht motiviert ist. Und am Samstag wird er sehr motiviert sein.

Wer sieht zuerst die rote Karte: Sie oder Fabian Beltrami?

Von der Härte her eher Fabian, vom Ausrasten her eher ich.

Dann braucht es eine Extraeinheit Meditation am Samstagmorgen?

Definitiv. Ich werde den ganzen Morgen meditieren (lacht). Und Fabian lade ich auch gleich dazu ein.

Welche Tipps zum HCDU können Sie Ihrem Trainer mitgeben?

Man darf Daniel Imhof nicht zu sehr ins Spiel kommen lassen. Dietikon-Urdorf wird gegen seine drei ehemaligen Spieler, die ihren Klub je nach Sichtweise im Stich gelassen haben, sehr motiviert sein. Wir müssen mindestens ebenso bereit und hart sein.

Und da ist noch das Duell mit Daniel Imhof um die Topskorer-Krone.

Ðas ist mir nicht mehr wichtig. Das war früher noch ganz anders.

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