Eishockey
Liegestühle umstellen auf der Hockey-«Titanic» – Der Existenzkampf von Kevin Schläpfer und seinem EHC Kloten

Kevin Schläpfer hat das moderne Biel gebaut – aber ausgerechnet jetzt kämpft er in Kloten um seine Existenz. Die kommenden Playout-Final-Spiele gegen Ambri-Piotta werden nicht nur für sein Team wegweisend sein, sondern auch für Schläpfer selbst.

Klaus Zaugg
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Kevin Schläpfer kämpft um Klotens Ligaerhalt und seine eigene Zukunft.

Kevin Schläpfer kämpft um Klotens Ligaerhalt und seine eigene Zukunft.

Keystone

Eine ganze Hockeywelt in der Nussschale eines Wortes: Hollywood. Zornig, ja aufgebracht sagte ZSC-Meistertrainer Marc Crawford im Frühjahr 2015 «Hollywood!». So beklagte er sich über das Wesen und Wirken von Biels Trainer Kevin Schläpfer. Die ZSC Lions erreichten im 7. Spiel im Viertelfinal doch noch den Halbfinal und verloren im Final erst gegen Davos.

«Hollywood!» ist drei Jahre später wieder das einzig richtige Wort für die Hockey-Wirklichkeit. Nur dass alles noch viel dramatischer geworden ist. Biel feiert mit dem Einzug ins Halbfinale gerade den grössten Erfolg seit dem Wiederaufstieg. Die Chance, gegen Lugano zum ersten Mal in der Geschichte ins Finale zu kommen, stehen mindestens 50:50.

In einer heilen Welt sässe jetzt Kevin Schläpfer hoch verehrt im Bieler Hockeytempel in der VIP-Loge oder als Experte in TV-Studios, um den wundersamen Erfolg «seines» Klubs zu kommentieren. Er hat als Sportchef und Trainer das Fundament dieses Erfolges gelegt.

Aber ausgerechnet jetzt ringt und bangt und zittert Kevin Schläpfer mit Kloten um den Ligaerhalt – und um alles, was er sich in den letzten 20 Jahren aufgebaut hat: um seine berufliche Reputation und um seine Zukunft in der Branche.

Scheitert er mit Kloten, dann ist sein schöner Vertrag bis 2020 nur noch Makulatur. Und er würde so schnell in unserem Profihockey keinen neuen Job finden. Seine nächste Station wäre das RAV. Vom «Hockey-Gott» zum «Hockey-Desperado».

Kloten ist nicht Biel

Kevin Schläpfer konnte in Biel Wunder wirken, weil sein Rückhalt auf allen Ebenen bedingungslos war. In der Kabine, im Management und im Verwaltungsrat. Und als er diesen Rückhalt nicht mehr hatte, ging seine Zeit in Biel mit der Entlassung am 14. November 2014 nach elf Jahren zu Ende. Deshalb ist er jetzt Trainer des EHC Kloten.

Kloten ist nicht Biel. Auch unter «Hockey-Gott» Kevin Schläpfer hat Kloten in 40 Spielen 28 Niederlagen eingefahren und muss nun in den Playouts gegen Ambri antreten. Anders als in Biel hat er in Kloten keinen Rückhalt im Umfeld. Das sagt er inzwischen selber. Offiziell findet er die Unterstützung von Felix Hollenstein und André Rötheli toll.

Die beiden Kumpels sitzen neuerdings bei Heimpartien auf der Tribüne und schneiden die wichtigen Szenen laufend auf dem Laptop für ihren Trainer zurecht. Aber Kevin Schläpfer ist nicht naiv. Er ahnt, dass ihn weder Klotens «Hockeygott» Felix Hollenstein noch André Rötheli tief im Herzen nicht ernst nehmen.

Er sagt: «Ich komme aus Biel und dort habe ich eine Rolle beim Aufstieg, bei der Rettung vor dem Abstieg und bei der Qualifikation für die Playoffs gespielt. Das zählt in Kloten, einem Klub, der fünf Titel gewonnen hat, wenig bis gar nichts. Ich spüre, dass ich hier bloss einer aus der Hockey-Provinz bin. Ich kann irgendwie verstehen, wenn sich hier wichtige Leute sagen: Was will der Schläpfer hier? Was will denn der uns sagen?»

Er weiss, dass er in Kloten alleine ist. Der romantische Hockey-Optimist sagt: Kevin Schläpfer hat keine Chance – also packt er sie. Diese ultimative Herausforderung wird dazu führen, dass wir noch einmal den wahren Kevin Schläpfer erleben.

Zum Untergang verurteilt?

Der realistische Hockey-Pessimist sagt: Kevin Schläpfer hat tatsächlich keine Chance. All seine taktischen Massnahmen und Motivations-Tricks mahnen an das Umstellen der Liegestühle auf der «Titanic». Kloten ist nach 56 Jahren in der NLA zum Untergang verurteilt. Kloten ist der perfekte Gegner für Ambri.

Ein neutraler Beobachter, der einfach nur diese Saison kennt und nichts über Klotens und Ambris Geschichte weiss, sagt: Ambri ist auf einer Mission. Sportchef, Trainer und Spieler wissen, was sie wollen.

Sie kämpfen gemeinsam um die Existenz, um die gemeinsame Zukunft. In Kloten hat die Hälfte der Spieler die Zukunft bereits bei anderen Klubs geregelt. Ausser Kevin Schläpfer kämpft niemand mehr um die Existenz und es gibt keine gemeinsame Zukunft.

Er hat eigentlich nur eine Bitte an das Hockey-Schicksal: «Nur ja nicht eine Liga-Qualifikation gegen Olten. Das wäre ein Albtraum.» Dieses Szenario wird nicht eintreten: Verliert Kevin Schläpfer die Playouts gegen Ambri, wird er in Kloten gefeuert. Dann hätte er im Falle eines Falles Zeit, ein Playoffinale mit Biel im TV-Studio zu analysieren. Das wäre dann zum letzten Mal «Hollywood» mit Kevin Schläpfer.