Sport

Liebes Tagebuch, heute habe ich mich beim Joggen verliebt

Unser Sportredaktor schreibt Tagebuch während dieser sportlosen Zeit.

Unser Sportredaktor schreibt Tagebuch während dieser sportlosen Zeit.

Eishockey-WM abgesagt. Fussball-EM abgesagt. Olympische Spiele abgesagt. Freizeitsport verboten. Die Sportwelt steht still. Was macht das mit uns? Lesen Sie in unser Tagebuch.

Tag 16: Dienstag, 7. April

Liebes Tagebuch. Seit Tagen vegetiere ich dahin. Die Dusche kenne ich nur noch vom Hörensagen. Die Trainerhosen sind übersät von Flecken aller Art. Ich bin in einem erbärmlichen Zustand. Selbst meine Haare wollen nichts mehr mit mir zu tun haben und fallen allmählich aus.

Ich entscheide, mein Leben in die Hand zu nehmen. Und gehe joggen. Ich war seit Jahren nicht mehr joggen. Ich hatte halt viel zu tun. Und überhaupt: viel zu trinken. Insgeheim hoffe ich, die Laufschuhe sind nicht mehr zu gebrauchen. Doch sie glänzen mich trotzig an.

Mein Körper revanchiert sich für meine fahrlässige Haltung. Nach wenigen hundert Metern keuche ich wie ein Hund. Ich werfe Menschen, die nicht mit mindestens zehn Kilometern pro Stunde unterwegs sind, unnachgiebige Blicke zu. Eine Gruppe Halbstarker spaziert unbeeindruckt von den bundesrätlichen Weisungen um den See. Ich habe dieses spiessige Verlangen, sie zurechtzuweisen. Schliesslich remple ich den Typen mit Zigarette an. «Aus Versehen», wie ich später beim Abendessen berichte.

Jemand trägt einen Faserpelz von Jack Wolfskin. Wer nicht gerade mindestens eintausend Höhenmeter zu bezwingen hat, hat keinerlei Recht, einen Faserpelz zu tragen. Es ist ein Verbrechen, sich aus optischen Beweggründen für einen Faserpelz zu entscheiden.

Heute joggte ich um den Lützelsee.

Heute joggte ich um den Lützelsee.

Meine Laune wird besser, als mir jemand entgegenkommt, der mir den Atem raubt. Er ist grossgewachsen und sportlich, trägt ein blaues Shirt des deutschen Sportartikelherstellers Puma. Auf Brusthöhe sind zwei Raubtiere abgebildet, an den Ärmeln ebenfalls. Ich beisse mir lustvoll auf die Unterlippe, stelle mir vor, was ich mit diesem Prachtsexemplar anstellen würde. Ich würde es zu Tode schwitzen.

Als uns nur noch zwei Meter trennen, treffen sich unsere Blicke. Ich schenke ihm ein verlegenes Lächeln. Verstohlen drehe ich mich um. Endlich kann ich ihn von hinten sehen. Was für ein Anblick! Er entfernt sich. Ich versuche, mir dieses Bild einzuprägen. Für einsame Stunden.

Auf blauem Grund steht geschrieben: Vardy. Und darunter: die Nummer neun. Ich bin verliebt. In dieses Trikot.

Übrigens: Das Spiel gegen Simon ging 2:2 aus. 

Tag 15: Montag, 6. April

Liebes Tagebuch. Siri ist aufdringlich. Obschon ich nicht Auto fahre, berechnet sie mir täglich die schnellste Route zum Arbeitsplatz. Sie hält offenbar viel von mir und glaubt, ich habe nun endlich den Führerschein gemacht. Letzten Samstag fragte sie mich, ob ich am nächsten Tag einen Wecker für acht Uhr morgens stellen wolle. Ich verzichtete. Eine der Begleiterscheinungen dieser Zeit: Es spielt keine Rolle, wie spät es ist. Der Sport ist ja nicht mehr da. Ich weiss nicht, woran ich mich jetzt festhalten soll.

Heute rieb Siri mir ungefragt unter die Nase, dass ich letzte Woche oft am Handy war. Sie schrieb: «Deine Bildschirmzeit betrug in der letzten Woche durchschnittlich 5 Stunden und 58 Minuten/Tag.» Ich erinnere mich nicht, ihr das Du angeboten zu haben.

Jedenfalls: Ich weiss, fünf Stunden und 58 Minuten sind viel. Ich spüre bereits Ihre vorwurfsvollen Blicke, liebe Leserinnen und Leser. Ich will gar nicht wissen, wie viele Zimmer Sie in dieser Zeit geputzt, wie viele Kilogramm Sie abgenommen, wie viele Bücher Sie gelesen haben. Verschonen Sie mich mit diesen Selbstgefälligkeiten. Ich halte Ihnen entwaffnend entgegen, dass ich in jenen fünf Stunden und 58 Minuten auf der App «Score! Hero» mit der Schweiz Fussballweltmeister wurde. Ja, gern geschehen.

Und vielleicht habe ich während diesen fünf Stunden und 58 Minuten auch Kochrezepte nachgeschlagen, Einkäufe für die Nachbarn notiert und Bücher bestellt. Vielleicht auch nicht.

Letzte Woche war ich pro Tag im Schnitt fünf Stunden und 58 Minuten am Handy.

Letzte Woche war ich pro Tag im Schnitt fünf Stunden und 58 Minuten am Handy.

Natürlich nicht.

Die sogenannte Bildschirmzeit dürfte schon bald die Sechs-Stunden-Marke überschreiten. Ich habe mir heute nämlich den «Online Soccer Manager» runtergeladen. Auf meinen vielen Reisen durch Instagram bin ich auf diese App gestossen. Ich liess Simon, meinen besten Freund, wissen, dass ich nun «OSM» spiele. «Bi scho mini Ufstellig am mache», antwortete er nach gut zwei Minuten. Und nun wissen Sie, weshalb er mein bester Freund ist.

Er trainiert den SC Freiburg, ich den 1. FC Köln. Heute Abend kommt es bereits zum Direktduell. Im Laufe des Tages versichern wir uns, gar nichts, aber auch wirklich gar nichts unversucht zu lassen, um dieses Spiel zu gewinnen. Wir schreiben hin und her.

«I werd muure hüt Obig.»

«De Terodde wird dir d Bäll eso um d’Ohre bölze.»

«Min Spion isch unterwegs.»

«Renato hat ein Bild (Oliver Kahn zeigt den Mittelfinger) gesendet.»

«Mies, hesch e Gheimtraining ahgsetzt.»

«I ha mi müsse froge: Will i jetzt scho alli Ressource verbrötle, nur um di z’bezwinge? Und i ha müsse sege: Es het selte so e klars ‘Jo’ geh i mim Lebe.»

Heute Abend um Viertel nach zehn steigt das Spiel. Zu behaupten, meine Stimmung in den nächsten Tagen hängt vom Ausgang dieser Partie ab, wäre eine törichte Untertreibung.

Tag 14: Sonntag, 5. April

Liebes Tagebuch. Heute habe ich endlich wieder Fussball gesehen. Gedanken eines sehnsüchtigen Nachmittags auf SRF zwei.

Die Finalissima 2006 also. Man nimmt ja, was man kriegen kann. Gestern habe ich einlagiges WC-Papier gekauft. Die Ansprüche sinken.

Man weiss, wo man war, als Filipescu in der 93. Minute den FC Zürich zur Meisterschaft schoss. Ich war im Zimmer meines grossen Bruders, der nicht zu Hause war. Ich schaute auf seinem neuen Röhrenfernseher. Mein Gott, ich werde alt.

Favre trägt Anzug, Mütze und weniger Falten im Gesicht. Er wirkte schon damals nachdenklich. Die Melancholie hat ihn also nicht erst in Deutschland heimgesucht.

Die Zuschauer schauen auf das Spielfeld und nicht auf das Display ihres Handys. Damals hiessen die Dinger ja noch «Natel» und waren von Nokia. Und wenn man einmal versehentlich ins Internet ging, war man finanziell ruiniert.

Die Spieler stopfen ihre Trikots fein säuberlich in die Shorts. Die Schuhe sind meist schwarz oder weiss. Und noch nicht neongelb, neongrün oder was auch immer. Schön.

Das Spiel ist unabhängig vom sich abzeichnenden Drama herrlich. Der Rasen ist nass, alle zwei Minuten grätscht irgendeiner irgendjemanden um und trifft viel Bein und wenig Ball. Sehr schön.

Ich ertappe mich beim Gedanken, dass der FC St. Gallen in der letzten Runde in Bern spielen wird. Spielen würde. Oder gespielt hätte. Jesses. Eine Finalissima beim Meister. Der Titel im Wankdorf … Ach, lassen wir das.

Meine Freundin bringt mir ein Glas Weisswein. Schön.

Filipescu sieht aus wie ein Türsteher eines Nachtclubs, in den man nicht so schnell reinkommt. Filipescu grätscht und köpft zuverlässig alles ab, was da geflogen kommt. Bälle, Gegenspieler, Wandschränke. Filipescu entscheidet sich im Zweifelsfall gegen gutes Stellungsspiel und für die Blutgrätsche. Sehr, sehr schön.

Es ist seltsam, ein Spiel zu sehen, dessen Ausgang bekannt ist. Die Unberechenbarkeit ist schliesslich die Stärke des Sports. Allerdings habe ich mir auch schon mehrfach die Wiederholung von Spielen angesehen. Zuletzt das 3:3 zwischen St. Gallen und YB. Ich bin ein wenig süchtig nach Ah’s und Oh’s. Nach Torschrei und Selbstvergessenheit.

Filipescu traf am 13. Mai 2006 in der 93. Minute zum 2:1 für den FCZ, der dadurch zum ersten Mal seit 25 Jahren Meister wurde.

Filipescu traf am 13. Mai 2006 in der 93. Minute zum 2:1 für den FCZ, der dadurch zum ersten Mal seit 25 Jahren Meister wurde.

Keita trifft. Ich frage mich, ob er im Abseits stand. Es gab noch keinen VAR. Es war gut so. Keita jubelt ohne Zögern, weil niemand im Volketswiler Keller nach Millimetern oder Schubsern, nach dem Haar in der kochenden Suppe sucht.

Luca ist FCZ-Fan. Er schreibt mir: «Heute gewinnen sie nicht einmal mehr gegen Lugano.»

Die Spieler klatschen sich ab, im Publikum sitzen und stehen Menschen nah beieinander. Im Frühjahr 2020 fühlt sich das falsch an. Mein Gewissen ist neu. Es sitzt zu Hause und meidet andere Menschen. Es ist faul. Ich kann mich durchaus für mein neues Gewissen begeistern.

Für Schweizer Verhältnisse standen grossartige Fussballer auf dem Platz. Von Bergen, Inler und Dzemaili spielen klug und prägten die Nationalmannschaft in den nächsten Jahren. Raffael deutet bis zur Auswechslung an, dass er etwas mehr sieht als der Rest. Petric ist mutig und schiesst überdurchschnittlich oft und gut. Delgado hat wunderbare Einfälle und bleibt manchmal allein damit. Ergic ist elegant und Chipperfield energetisch.

Viel ist seither passiert. 

Ich habe viel zu lange kein Pfeifkonzert mehr gehört. Ein Pfeifkonzert ist etwas schrecklich Schönes.

Christian Gross jubelt so unbeschwert, wie Christian Gross eben unbeschwert jubeln kann.

Filipescu senst Papa Malick Ba in der 83. Minute um und ich bin gerührt.

Im schlechtesten Fall ist Fussball Ablenkung. Im besten Fall ist Fussball das Allerallerallerallerschönste.

Tag 13: Samstag, 4. April

Liebes Tagebuch. Heute wäre Spieltag.

Simon und ich gehen ins Rockstory. Im Rockstory ist vierzig näher als zwanzig. Im Rockstory sind die meisten Fragen beantwortet, hier werden wir alt. Jan und Luca sind schon da. Als Jan sein Zweites holt, kommen Adi und Dani. Danis Schuhe sind neu und weiss. Wir alle wissen, dass er nicht mehr in den Ausgang kommt. Luca macht ungeheuerliche Witze und wir lachen im Stillen. Wir reden kaum über die Gegenwart, erzählen uns stattdessen alte Geschichten. Von Hooligans in Leverkusen und Russinnen auf Kreta.

Wir sehen uns nur noch selten. Simon wurde Vater und ein bisschen Berner. Ich bin im Aargau und in Zürich und nur noch selten zu Hause. Spieltag, Bravo-Hits-Party, Open Air. Der behäbige Rhythmus unserer Freundschaft.

«Toooooor in Leverkusen!», ruft der Kommentator. Xaver Schlager hat Wolfsburg in Führung geschossen. Oliver Glasner jubelt an der Seitenlinie und Luca in der Bar. Luca ist nicht Fan der Wölfe. Aber er hat Schlager in seinem Kickbase-Team. Eine App, in der man eine eigene Mannschaft zusammenstellen kann. Wenn Schlager trifft, kriegt Luca viele Punkte. Ende Saison wird abgerechnet. Wir alle haben ein paar Franken investiert. Aber eigentlich noch viel mehr. Zeit und Herzblut.

In der Pause läuft Musik. «Jack and Diane» und «Mr Jones». Ich gehe mit Jan eine rauchen. Ich rauche nur, wenn ich einen «Chlapf» habe.

Wir gehen seit bald zwei Jahrzehnten an die Heimspiele des FCSG.

Wir gehen seit bald zwei Jahrzehnten an die Heimspiele des FCSG. 

Um halb sechs schlendern wir zum Bahnhof. Träge von Bier und Abendsonne. In einer Stunde spielt Dortmund gegen Bayern. Simon sieht sich die Aufstellungen an: Gnabry und Thiago, wichtige Stützen in seinem Kickbase-Team, sitzen auf der Bank. Er reagiert ungehalten.

Wir besorgen uns eine Dose auf den Weg. Jan sagt: «Git hüt en Heimsieg.» Und lacht. Vor dem Stadion trifft Simon seinen Vater. «Ladsch d’Jungs i», sagt er und drückt ihm ein grünes Nötli in die Hand.

Obschon der FC St. Gallen Tabellenführer ist, rechnen wir stets mit dem Allerschlimmsten. Wir gehen seit bald zwei Jahrzehnten ins Stadion. Sahen Abstiege, Gummischrot und zig Spieler kommen und gehen. Wir haben gelernt, nicht des Spiels wegen ins Stadion zu gehen. Wir sitzen im Sektor B. Weil uns alles etwas einerlei wurde. Und weil wir Bünzlis sind und aufs Portemonnaie schauen.

Luca macht ungeheuerliche Witze. Wir lachen nicht mehr nur im Stillen. Jan sagt: «Git hüt en Heimsieg». Und meint es ernst. Wir reden über Dinge, die sich zumindest tiefgründig anfühlen. Über Anja und Michelle. Über alles und nichts. Wir schmieden Pläne, die wir nie umsetzen werden.

Das alles ist so schrecklich weit weg.

Tag 12: Freitag, 3. April

Die Mutter meiner Freundin hat heute einen Töggelikasten auf die Terrasse stellen lassen. Und damit dürfte sie nicht mehr nur die Mutter meiner Freundin sein, sondern meine künftige Schwiegermutter. Sie wissen noch nichts von ihrem Glück.

Ich befürchte einen unkontrollierten Heiratsantrag meinerseits. Im Übermut der wohligen Abendsonne, die auf mein hoffentlich baldiges Wohlstandsbäuchlein scheint. Im Übermut des dritten Biers und des vierten Sieges am Töggelikasten. Mir ist vollkommen klar, dass sie ablehnen würde. Es wäre nur ein verzweifelter Versuch, das flüchtige Glück festzuhalten.

Am Nachmittag fragt meine Freundin, ob ich «Federball» spielen wollen. Federball. Ohne Netz und ohne Punkte. Wer macht denn sowas? Spielen des Bewegens wegen. Wahnsinn. Ich begrabe den Wunsch nach dem Bund fürs Leben fürs Erste.

Stattdessen öffne ich «Score! Hero» auf meinem Handy. Ich werde Weltmeister und Weltfussballer. Chelsea und Napoli buhlen um mich. Ich gehe schliesslich nach Italien. «Wegen dem Essen und den heissblütigen Tifosi», schreibe ich Simon ungefragt. Ich ertappe mich dabei, wie ich wirklich ein wenig stolz bin.Den Screenshot des Weltfussballertitels, zweifelsfrei ein Dokument der Zeitgeschichte, sende ich einigen Freunden. Die Nachrichten bleiben unbeantwortet. 

Joris sendet mir Bilder von ehemaligen Bundesligaspielern. Zum Beispiel Marek Mintal.

Joris sendet mir Bilder von ehemaligen Bundesligaspielern. Zum Beispiel Marek Mintal.

Joris sendet unangekündigt ein Bild vom jungen Horst Heldt bei 1860 München. So läuft es seit Tagen. Wir verschicken uns Bilder von irgendwelchen Bundesligaspielern Anfang der Nullerjahre. Jens Jeremies, Frank Rost, Marek Mintal. Es ist keine Selbstvergewisserung. Vielmehr wählen wir immer Spieler, die der andere kennen könnte. Ausserdem hat er ein gutes Timing. «Joris hat ein Bild gesendet» erscheint meist dann, wenn ich mich ein bisschen einsam fühle.

Am Abend skype ich mit ein paar Freunden. Wir trinken Bier oder Wein und sprechen ins Handy. Ich nicke ein paar ungeheuerliche Witze ab. Wir sprechen kaum über Sport. Stattdessen über die Arbeit. Oder was davon übriggebliebenist. Wir sprechen über uns. Oder was davon übriggeblieben ist. 

Tag 11: Donnerstag, 2. April

Liebes Tagebuch. Heute spaziere ich alleine durch das Quartier. Vorbei an der Hühnerstelle, wo ich mit Fabio und seinem Vater ein Baumhaus baute. Weiter zum Restaurant Kräzern und dann hoch zum Hof. Wo Simona, Benjamin und Sandro wohnten. Wo wir im Frühling Räuber und Poli und im Herbst Wahrheit oder Pflicht spielten.

Ich gehe zum Fussballplatz. Die Sonne malt Schweissperlen und Sommersprossen auf meine blasse Haut. Es ist warm, doch manchmal geht ein kühler Wind. Heute treffen sich Sommer und Winter. Heute treffen sich Anfang und Ende. Es riecht nach Grill und frischgemähter Wiese. Es riecht ein bisschen wie früher.

Früher, als wir oben, im Hof, Fussball spielten. Alain stand im Tor. Unser Juniorentrainer sagte einmal, Torhüter und linke Flügelspieler seien «nöd ganz normal». Er hatte recht. Nemanja konnte dribbeln und schiessen wie kein Zweiter. Er trug immer ein Trikot von Manchester United mit seinem Namen auf dem Rücken. Alexander spielte beim FC St. Gallen und selten ab. Wir anderen waren ganz passabel. Wir anderen fragten uns gar nicht, was gut und schlecht war, was morgen oder übermorgen ist.

Wir verbrachten ganze Tage auf dem Fussballplatz.

Wir verbrachten ganze Tage auf dem Fussballplatz.

Manchmal sahen Noelle und Simona zu. Und wir kämpften nicht mehr nur um Bälle.

Irgendwann kam Ali mit seinen Zwillingen. Ali wohnte gleich neben dem Platz, war Libanese und knapp 50. Gelegentlich fragte er, ob er mitmachen dürfe. Obschon wir barfuss spielten, dachte er gar nicht erst daran, seine Fussballschuhe auszuziehen.

Wenn der Ball über das mehrere Meter hohe Metallnetz in den Wald flog, suchten wir, langten in Brennnesseln oder stiegen hinunter zum Bach, der durch einen Wald floss.

Vor den Prüfungen nahmen wir die Mathebücher mit. Sie beruhigten Eltern und Gewissen. Wir öffneten sie kein einziges Mal.

Unsere Mütter sagten, bei Einbruch der Dunkelheit müssten wir zu Hause sein. Meistens kamen wir, als die Strassenlaternen ihren Dienst längst aufgenommen hatten. Keuchend und verschwitzt, die nackten Fusssohlen voller brauner Erde.

Als ich von meinem Spaziergang zurückkehre, sind meine Fusssohlen nicht nackt. Und auch Ali war nicht dabei. Aber ich lächle in mich hinein. Es ist ein bisschen wie früher. 

Tag 10: Mittwoch, 1. April

Liebes Tagebuch. Gestern verabredete ich mich, um online Mario Kart zu spielen. 

Bei Mario Kart weicht man wahnsinnig lachenden Clowns aus. Man wird von bunten Schildkröten abgeschossen und von kleinen Drachen überholt. Es ist offensichtlich, dass die Programmierer unter Einfluss bewusstseinserweiternder Substanzen standen. Anders ist all das ja nicht zu erklären.

Wir spielen zu dritt: Adrian, meine Freundin und ich. Adrian sitzt in St. Gallen, meine Freundin und ich in Zürich. Über Skype sprechen wir miteinander. Ich sage Adi, er fahre für den Rennstall Säntis. Und zu meiner Freundin: «Wir sind die Scuderia Zürisee.» Betretenes Schweigen.

Adrian ist ein Spieler. Listig, fast durchtrieben. Er gewinnt immer. Egal, ob wir Monopoly oder Yatzy spielen. Man könnte ihm eine gewisse Intelligenz unterstellen und gratulieren. Man könnte ihm aber auch bei nahezu jedem Spiel unterstellen, er hätte geschummelt. Freilich entscheide ich mich stets für letztere Variante.

Meine Freundin ist aber die zweifellos beste Fahrerin. Sie gewinnt meistens, wenn wir Mario Kart spielen. Und dabei wirkt sie, als sei das alles gar nicht so wichtig. Natürlich ist es das. Es ist extrem wichtig.

Ich wähle wie immer den rücksichtslosen Griesgram Wario. Er widerspiegelt meinen Charakter am besten.

Nach drei Rennen habe ich keine Chance mehr auf den Gesamtsieg. Die letzte Strecke ist die Wario-Abfahrt. Wir – eigentlich nur ich – nennen diese Piste ehrfürchtig Königsetappe. Sie ist die Alpe d’Huez im Mario-Kart-Rennkalender. Wer hier siegt, bleibt in Erinnerung. Ich manövriere meinen Sauseschuh auf Slicks schumacheresk über Eis und Schnee. Kurz vor dem Ziel bin ich Zweiter. Ich schiesse meine Freundin auf der Zielgeraden mit einer grünen Schildkröte ab. Es gibt weiss Gott kaum etwas Schöneres, als einen nahestehenden Menschen mittels präzise geworfener Schildkröte um den Sieg zu bringen.

Ich gewinne die Wario-Abfahrt, meine Freundin den Stern-Cup. Ich bin ein kleines Bisschen glücklich.

Tag 9: Dienstag, 31. März

Liebes Tagebuch. Ich habe allmählich einen Dachschaden.

Heute Morgen telefoniere ich mit einem Freund. «Es ist ein grossartiger Zeitpunkt, um ein Praktikum in einer Sportredaktion zu machen», sage ich ihm. Ich lache erst verbittert, dann hysterisch.

Anschliessend bestelle ich Fifa 20 für die PlayStation. Der Kauf ist innerhalb von einer halben Minute abgewickelt. Ich beeile mich, weil ich fürchte, mich noch umzuentscheiden. Die Ausgaben meines exzessiven Studentenlebens lassen eigentlich keine derartigen Ausgaben zu. Ich verschicke einige Nachrichten, drohe mit Krieg auf dem virtuellen Rasen.

Um halb eins habe ich bereits mein zweites Glas Weisswein getrunken. Ich schreibe meinem Freund: «Es ist ein grossartiger Zeitpunkt, um ein Praktikum in einer Sportredaktion zu machen.» Ich lächle zufrieden.

Ich schaffe bei «Score! Hero» endlich, endlich Level 137. Ich juble in einer bedenklichen Unverhältnismässigkeit. Meinem Blick wohnt etwas Wahnsinniges inne. «Guet», sagt meine Freundin teilnahmslos. Ich erwidere erbost: «Guet isch e Cremeschnitte!» Wie das ein bünzliesker Schweizer, der etwas auf sich hält, eben so tut. Ich sage auch «Messi» statt «Merci». Nur heute schmerzt es. Es zieht im Bauch. Wie damals, bei Jessica. Es ist das Ziehen des Liebeskummers.

Manchmal erahne ich, dass ich einen Dachschaden habe. Ich muss schliesslich seit 26 Jahren mit diesem unausgeglichenen Idioten klarkommen. Nur konnte ich bis anhin all den Mist beim Sport rausschreien.

Aber jetzt ist jeder Tag gleich. Jeder Tag wie ein «Fiirtiig», wie die Tage zwischen Weihnachten und Neujahr. Nur ohne Boxing Days oder Spenglercup. Die Tage sind besser, wenn am Abend Köln gegen Schalke spielt. Die Tage sind noch viel besser, wenn ich am Abend ins Stadion gehe. Es ist zwar beschissen, wenn St. Gallen verliert. Oder schlimmer noch: 0:0 spielt und ich mich nicht bemitleiden kann. Aber diese Tage sind etwas. Sie sind wunderschön und beschissen. Aber nie gleich.

Tag 8: Montag, 30. März

Wir sitzen vor dem Fernseher oder am Esstisch, sprechen über Wetter und Virologen. Über Deutschlands nächstes Topmodel und Trump. Wir sprechen nicht über Sport.

Liebes Tagebuch. Ich kann nicht viel. Ich weiss nicht, wie man dübelt. Ich kann weder ein Auto noch Excel bedienen, interessiere mich weder für links noch für rechts. Weiss bisweilen nicht einmal, wo oben und unten ist. Aber ich weiss, was es heisst, wenn die Grünen ein Tor schiessen. Ich weiss, wer der Mann aus Sursee und was ein füdliblutter Wahnsinn ist.

Ich vermisse nicht die Spiele oder Wettkämpfe, nicht diese 90 Minuten oder fünf Sätze. Ich vermisse es, darüber zu sprechen. Ein Schwatz über Sport ist eleganter Smalltalk. In der Kantine oder beim Raucherplatz fragen wir einander: «Hesch s Spiel gseh?» Und dann reden wir über Neymar und Ilicic. Wir, das sind Momo und ich. Er ist über 50, Logistiker aus Ägypten. Ich Mitte 20, Student. 

Seit mein bester Freund weggezogen ist, sehe ich ihn nicht mehr oft. Wenn ich ihn treffe, sehen wir uns meistens ein Spiel an. Wir sprechen über Hinteregger und Hütter. Nach dem zweiten Bier sind wir bei Kindern und Verlustängsten. Und ein bisschen näher beieinander. Der Sport hält viele von uns ein bisschen zusammen. In sich und untereinander.

Er fehlt.

Tag 7: Sonntag, 29. März

Liebes Tagebuch. Heute hatte ich ein wichtiges Spiel gegen den Kater.

In den letzten zehn Jahren sind wir schon dutzende Male aufeinandergetroffen. In den unterschiedlichsten Stadien. An einem Neujahrstag in London. In einem Madrider Fünfsternehotel. Am Strand in Spanien. Oftmals in meinem Kinderzimmer.

Die Bilanz spricht für den Kater. Vor allem in den ersten Spielen war er jeweils haushoch überlegen. Ich bezahlte Lehrgeld, es war zum Kotzen. Im Laufe der Jahre lernte ich allerdings aus meinen Fehlern und war irgendwann ebenbürtig. Wie geht es heute aus?

In den ersten Stunden macht der Kater Druck. Mein Kopf ist überfordert. Ich reagiere früh und bringe den erfahrenen Alka Seltzer. Er soll mich stabilisieren. Der Kater zeigt sich jedoch unbeeindruckt. Ein Schweissausbruch nach dem anderen rollt auf mich zu.

Am Samstagabend hatte ich zu viel getrunken.

Am Samstagabend hatte ich zu viel getrunken.

Mit der Einnahme des thailändischen Mittelfeldspielers Thai Curry schiesse ich mir ein Eigentor. Die Führung für den Kater.

Ich gehe an die frische Luft und verpflichte an der Tankstelle einen torgefährlichen Energy Drink. Red Bull ist ein grossgewachsener Österreicher aus robustem Aluminium. Im Abnützungskampf gegen den Kater eine sinnvolle Investition. Bull bekommt aber keine Eingewöhnungszeit, muss sofort liefern. Ich bringe ihn um vier Uhr nachmittags.

Dem Kater geht die Puste aus, die Zeit läuft für mich. Bull gleicht aus. Der routinierte französische Spielmacher Bouillon dreht schliesslich das Spiel zu meinen Gunsten.

Tag 6: Samstag, 28. März

Liebes Tagebuch. Ich spreche alltägliche Gegenstände wie ein englischer Fussballkommentator aus.

Ich hatte Langeweile, besuchte Youtube und schaute mir Videos an, die man sich halt so ansieht, wenn man Langeweile hat. Jedenfalls gehe ich davon aus, dass sich jeder halbwegs normale Mensch in regelmässigen Abständen das Elfmeterschiessen des Champions-League-Endspiels 2001 zu Gemüte führt. Oder Wayne Rooneys Siegtreffer gegen Milan im Halbfinal 2007. Allgemeinwissen. Man weiss, wer die sieben Bundesräte sind. Weiss, was Rezession bedeutet und wie die Hauptstadt von Australien heisst.

Und man weiss, was sich am 12. Mai 2013 an der Vicarage Road zugetragen hat.

Rückspiel im Halbfinal-Playoff der zweithöchsten englischen Spielklasse. Watford gegen Leicester. Leicester gewann das Hinspiel mit 1:0. Weil es nach 96 Minuten 2:1 für Watford steht, wären die Foxes aufgrund der Auswärtstorregel im Final um den letzten Premier-League-Platz. Leicesters Anthony Knockaert tritt gleich einen Elfmeter. Niemand glaubt ernsthaft daran, dass Watford das Ding noch dreht.

Doch Torwart Manuel Almunia pariert Strafstoss und Nachschuss. Befreiungsschlag. Der eingewechselte Fernando Forestieri kommt im rechten Couloir an den Ball, flankt in den Strafraum, wo Jonathan Hogg auf den heransprintenden Troy Deeney zurücklegt.

«Deeneeeeeeey!», ruft der Kommentator. Und dieser Deeney zimmert den Ball mittels Dropkick unter die Latte. Ekstase, die Zuschauer stürmen den Rasen. Watford ist weiter. Diese knappe halbe Minute reicht, um begreiflich zu machen, wie bittersüss und grossartig und wunderschön der Fussball sein kann.

Nun ja. Am Nachmittag frage ich meine Freundin, ob sie ein «Käfaleeeeeeeeey» wolle. Und abends, beim Znacht, mustere ich das selbstgemachte Bananenbrot. Ich halte inne, hole tief Luft. Und sage: «E herrlichs Bananebrötleeeeeeeeeey.»

Tag 5: Freitag, 27. März

Liebes Tagebuch. Gestern lag ich neben meiner Freundin im Bett. Träge vom sinnsuchenden Alltag und dem dritten Glas Weisswein. Wir hörten «The Scientist» von Coldplay. Das Selbstmitleid des ziellosen Sportjournalisten im Frühjahr 2020.

Sie fragte, wie es mir ginge.

«Es tuät eifach verdammt weh weg äm FC Sanggalle.»

«Da hesch mir imfall di letzte drü Nächt scho gseit.»

Ich nehme dem Virus nicht übel, dass er mir Fussballeuropameisterschaft und Olympia nimmt. Ich arrangiere mich erstaunlich schnell mit allem und jedem. Jessicas Laufpass oder die missratene Semesterprüfung. Vergessen und vergeben, wenn ein bisschen Gras über Sache und Fussballplatz gewachsen ist. Ich bin kein nachtragender Mensch. Nicht, dass ich jemandem bewusst eine zweite Chance zugestehe. Ich bin einfach zu faul für Rachefeldzüge. Und überdies viel zu harmoniebedürftig.

Aber dass das Virus den St. Galler Meistertitel verhindert, macht mich sauer.

Heute habe ich mich dabei ertappt, wie ich «FCSG YB 3 3» bei Google eintippe. Ich schaue mir Zusammenfassungen und Handyvideos an. Sehe ein Spiel, das hin und her wog. Das sich schliesslich aufbaute wie eine Welle. Nach der Flut kam die Ebbe. Leider nicht der Schalker Stürmer.

Ich stelle fest, dass ich seit drei Tagen im selben Trikot (Sunderland, Cattermole, Nummer sechs) herumlaufe. Und seit sieben Tagen Trainerhosen trage. Ich sollte sie und mich mal waschen. Es ist, als wolle ich die Zeit anhalten. Ich höre Bon Ivers «Blood Bank» in der Dauerschleife. Weil ich es hörte, als der FCSG die Grossen ärgerte und an die Spitze stürmte. Es ist mein Soundtrack der Schweizer Fussballrevolution. Es ist die Zeitkapsel vom Herbst 2019.

Es wird auch heute Nacht wieder schmerzen.

Tag 4: Donnerstag, 26. März

Liebes Tagebuch. Heute war ich auf Twitter. Dort, wo sich Wut- und Gutbürger treffen und beleidigen. Dort, wo ich zufrieden feststelle, dass es tatsächlich noch Menschen gibt, die unausgeglichener sind als ich.

Gegenwärtig zählen Nutzer vier Spieler auf, dank denen sie den Fussball lieben. Und nominieren drei Personen, um es ihnen gleichzutun. Die sogenannte Timeline ist nun voll von früheren Fussballern. Es ist wunderbar. Baggio, Beckham, Bergkamp. Wir kennen den verschossenen Elfmeter Baggios an der Weltmeisterschaft in den USA. Wir kennen Beckhams Freistoss gegen Griechenland in Manchester. Und wir kennen Bergkamps Pirouette gegen Newcastle. Diese Geschichten sind geschrieben.

Wir haben nun Zeit, uns zu erinnern.

Frederic schreibt mir, er wünsche sich, es sei wieder 2007. Wir schwelgen ein bisschen. Paul Freier und Diego Klimowicz. Aachener Tivoli und Bielefelder Alm. Als am Mittwochnachmittag noch frei war. Und die Welt in Ordnung, wenn Simona bei MSN schrieb. Ich sehe mir die Verlängerung des DFB-Pokalfinals 2007 an. Weiss Gott, warum. Ich bin ein bisschen rührselig.

Wenn ich mit meinen Freunden am Open Air, diesen vier Tagen in einer temporären Zeltstadt, beschwipst von Bier und Musik, zusammensitze, sprechen wir fast ausschliesslich über unsere Zeit bei den Junioren. Über das Wochenende in Poschiavo, wo mitten auf dem Platz ein Schacht lag. Über das Geschoss aus vierzig Metern, das einmal ein Schlenzer von der Strafraumgrenze war. Über das herrlich herausgespielte Siegtor gegen Chur in der Nachspielzeit, das doch eigentlich in der 88. Minute mittels Abstauber fiel. Liebe macht bekanntlich blind.

Sport ist die stete Hoffnung auf etwas, das bleibt. Er endet nicht mit einem Pfiff, einer Sirene oder Zielflagge. Er lebt weiter. Auch jetzt ein bisschen. In Kopf und Herz.

Tag 3: Mittwoch, 25. März

Liebes Tagebuch. Mir fehlt der Sport, mir fehlt sein Rhythmus. Dienstag- und Mittwochabend Champions League. Donnerstags vielleicht Europa League. Je nach Beziehungsstatus. Samstags um halb vier Bundesligakonferenz. Am Sonntag ins Stadion und abends das Sportpanorama.

Jetzt ist es still. Kein Taktgeber, kein Solist. Kein Chor. Kein Toni Kroos und kein Lionel Messi. Keine lärmende Kurve. Seit über einer Woche läuft kein Sport, werden keine Geschichten geschrieben. Wir schreiben nun Geschichte, in dem wir zu Hause bleiben.

Ich vermisse die Stimmung im Stadion.

Ich vermisse die Stimmung im Stadion.

Draussen blühen unverblümt die Blumen. Ein bisschen Hohn. Zu Hause riecht es nach Bratpfanne und Meister Proper. Und nicht nach dem Schweiss der Umkleidekabine und abgestandenem Bier. Ich höre den Dampfabzug und die Waschmaschine. Und nicht das Quietschen der Turnschuhe auf dem Plastik der Sporthalle.

Mir fällt viel ein und auf. Und die Decke auf den Kopf.

Tag 2: Dienstag, 24. März

Liebes Tagebuch. Ich habe zu wenig Geld, um mir den «Football Manager 2020» zu kaufen. Und ich habe viel zu wenig Geld, um mir den FC Wil oder Neuchâtel Xamax zu kaufen. Also befreie ich meinen alten Computer von Staub und seltsamen Suchverläufen. Und lege «Fussball Manager 14» ein.

Zeit meiner beruflichen Karriere war ich Lehrling oder Praktikant. Nun bin ich die wichtigste Person bei der Borussia aus Mönchengladbach. Nach zwei Minuten verhandle ich mit Frank Lampard über einen haarsträubend lukrativen Vertrag und habe den Ausbau der Haupttribüne in Auftrag gegeben. Nach zwei Minuten bin ich dem Grössenwahn verfallen. Doch das Geld reicht nicht, um in der Defensive nachzurüsten. Im Abwehrzentrum sind der vollkommen talentfreie Roel Brouwers und der maximal grundsolide Tony Jantschke gesetzt. In der ersten Pokalrunde scheitere ich auswärts in Rostock.

Nach zwei Minuten verhandle ich mit Frank Lampard.

Nach zwei Minuten verhandle ich mit Frank Lampard.

Erneut kommt das Abendessen zur Unzeit. Das lasse ich meine Freundin auch wissen. Erzähle, dass ich jetzt da sein müsse für «mini Jungs». Dass ich euphorisch ausführe, wie ich mit der Mannschaft einen Freizeitpark besuchte (und dafür zwei Moralpunkte sammelte), mag zwar etwas befremdlich klingen. Aber ihre Gleichgültigkeit verletzt mich. Ich kehre zurück an den Computer.

Tag 1: Montag, 23. März

Liebes Tagebuch. Ich lade mein Handy öfters auf. Ich kämpfe im «Quizduell» gegen meinen Kollegen Simon, ernte Weizen bei «Hay Day» und sehe auf Instagram Fussballer, die mit Klopapier jonglieren. Heute habe ich in der App «Score! Hero» drei Franken investiert. Und wohl den vorläufigen Tiefpunkt erreicht.

Ich bin dauernd am Handy.

Ich bin dauernd am Handy.

«Ligretto» mit meiner Freundin und ihrer kleinen Schwester. Ich spiele mit einem besorgniserregenden Ehrgeiz. Ich lege die Karten nicht in die Mitte, ich werfe sie. Ich verliere meistens.

Später lerne ich das Kartenspiel «Drecksau». Ich gewinne die ersten beiden Runden, ehe meine Freundin die Einnahme des Znachts durchsetzt. Ich bezichtige sie des unehrenhaften Kalküls. Es kann kein Zufall sein, dass wir genau jetzt essen. Im Laufe des Abends wiederhole ich diesen Verdacht. Anfangs lacht sie noch höflich, irgendwann ist sie genervt. Und ich erschrecke, weil mein Selbstvertrauen inzwischen abhängig ist von der Wahrnehmung eines Doppelsieges beim Kartenspiel.

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