Liebe Schweizer Nati, eigentlich sollte ich schlafen. Aber das geht nicht, denn du treibst mich in den Wahnsinn! Es ist jetzt 1:41 Uhr. Gut drei Stunden nach Spielschluss. Drei Stunden hatte ich also Zeit, um mir diese eine Frage zu stellen: Wie ist das möglich? Vom 3:0 zum 3:3. Drei Gegentore innert neun Minuten. Das darf doch nicht wahr sein.

Die Auto-Fahrt allein von Basel nach Baden hilft auch nicht gerade. Die Gedanken kreisen. Irgendwann kommt mir Heidi Klum in den Sinn. Drama, Baby, Drama!, hat sie mal gesagt. Ja, so ist es, immer Drama mit Dir!

«Dänemark hat unser Chaos ausgenutzt»:

"Dänemark hat unser Chaos ausgenutzt"

Reaktionen von Yann Sommer und Breel Embolo.

  

Zu Hause angekommen, schalte ich den Fernseher ein. Ich muss diese letzten 30 Minuten nochmals sehen. Etwas masochistisch? Vielleicht. Aber egal. Ich will sehen, wie dieser Kollaps noch zu verhindern gewesen wäre. Ich will sehen, ob Granit Xhaka wirklich so angeschlagen ist, wie das dein Trainer Petkovic sagt. Ob es vermessen war, darüber nachzudenken, ob seine Auswechslung etwa so schlau war wie 2006 im WM-Achtelfinal jene von Alex Frei vor dem Penaltyschiessen.

Das Spiel am Fernseher läuft jetzt. Es steht 3:0. Gerade darf Embolo jubeln. Endlich wieder einmal! Toll. Ja, die Leistung bis dahin ist richtig gut. Jetzt erscheint Djibril Sow am Bildschirm. Petkovic gibt ihm Anweisungen.

Zeit, in der Vergangenheit zu schwelgen. Es ist ja nicht so, dass Du, liebe Nati, besonders selten für Drama und Wahnsinn stehst.

WM-Qualifikation 2013, 4:4 gegen Island. Nach 4:1-Führung. Noch heute wissen die Isländer wohl nicht, wie sie vier Tore gegen dich erzielten, eines schöner als das andere. .

Im TV steht es weiter 3:0.

WM 2014, Drama ohne Ende. Auftaktspiel gegen Ecuador, der wilde Ritt von Behrami, das Tor in der 93. Minute von Seferovic, 2:1-Sieg in letzter Sekunde. Selten war ein Schweizer Tor spektakulärer, emotionaler. Die Krönung im Achtelfinal gegen Argentinien gelingt nicht. Die letzten Sekunden sind legendär. Dzemaili köpft an den Pfosten, der Ball prallt ans Schienbein. Daneben. Aus, vorbei. Was für ein Abschied für Ottmar Hitzfeld.

Xhaka ist jetzt draussen. Passquote 95 Prozent, sagt Kommentator Sascha Ruefer. Dann gibt’s Freistoss für die Dänen. 3:1. Ruefer nimmts gelassen zur Kenntnis.

EM-Qualifikation 2015, Vladimir Petkovic ist jetzt Trainer, Schweiz-Slowenien heisst das vorentscheidende Spiel. 0:2 liegst Du hinten, am Ende steht es 3:2, drei Tore innert 14 Minuten, das letzte in der Nachspielzeit, was für eine Wende!

«Ups, ups, ups. Plötzlich zwei Tore für die Dänen», sagt Ruefer. 87 Minuten sind gespielt.

EM 2016, Achtelfinal, Du liegst im Rückstand gegen Polen, dann fliegt Xherdan Shaqiri durch die Luft, erzielt ein Wundertor. Verlängerung, riesige Chancen, Derdiyok köpft den Ball zum Torhüter statt ins Tor. Penaltyschiessen – aus, vorbei, Tränen.

Es läuft die Nachspielzeit. Ruefer sagt: «Xhaka ist draussen und damit sämliche Ordnung weg. Das kann doch nicht sein.»

WM-Barrage 2017, Du «gewinnst» 0:0 gegen Nordirland, darfst darum an die WM reisen. Trotzdem hallen Pfiffe durchs Stadion. Sie sind gegen Haris Seferovic gerichtet. Tränen. Frust. Obwohl Freude herrschen sollte. Schwierige Tage.

Die Nachspielzeit läuft. Sommer springt durch die Luft. Ruefer ruft: «Vorsicht, Sommer! 3:3. Das gibt’s gar nicht. Das ist nicht nachvollziehbar. Die Schweizer Fussballnationalmannschaft stolpert über sich selber. Es ist das nackte Chaos.»

WM 2018, Schweiz gegen Serbien, viele Geschichten, Doppel-Adler fliegen, aber dafür bin ich jetzt zu müde. Shaqiris Tor in der Nachspielzeit, es ist auch fussballerisch ein Drama.

Es ist spät geworden, und ich bin doch noch müde. 3:3 gegen Dänemark also. Schade. Aber eigentlich bin ich sicher: Aus dieser Erfahrung wirst Du stärker. Und das Wichtigste: Es läuft immer etwas, wenn Du spielst. Bis bald wieder im Juni, beim Finalturnier der Nations League. Ich freue mich auf dich!

Die Noten der Schweizer Spieler: