Sport
Lewis Hamilton ist auf dem Weg zur Unsterblichkeit

Lewis Hamilton egalisiert mit seinem siebten WM-Titel die Bestmarke von Formel-1-Legende Michael Schumacher. Doch Schumachers Rekord ist für Hamilton nur ein Etappenziel.

Thomas Weitekamp und Angela Bern
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Lewis Hamilton ist Rekordweltmeister und kann es irgendwie selbst kaum glauben.

Lewis Hamilton ist Rekordweltmeister und kann es irgendwie selbst kaum glauben.

Imago (Istanbul; 15. November 2020

Lewis Hamilton lachte, weinte und schrie vor Freude, als er die Geschichtsbücher der Formel 1 umgeschrieben hatte. Mit dem Sieg in Istanbul war der siebte WM-Titel perfekt und die Bestmarke von Michael Schumacher erreicht. «An alle Kinder da draussen, die vom Unmöglichen träumen», rief er gleich nach der Zieldurchfahrt in den Funk: «Ihr könnt alles schaffen, glaubt an euch!»

Und dann wollte Hamilton gar nicht mehr aussteigen aus seinem Mercedes, den er auf der rutschigen, öligen Strecke in der Türkei eindrucksvoll zum Sieg gesteuert hatte. «Eigentlich verliere ich fast nie die Kontrolle über meine Emotionen. Aber ich musste daran denken, wie ich mit fünf Jahren die Rennen geschaut habe, wie ich später mit meinem Vater von einer grossen Zukunft geträumt habe. Ich bin ja quasi ‹alleine› in diesem Sport gereist, als einziger schwarzer Fahrer. Als ich dann durchs Ziel kam, hat es mich einfach erwischt.»

Schumachers Rekord ist nur ein Etappenziel

Erst als er sich etwas beruhigt hatte, kletterte der 35-Jährige aus seinem Auto. «Ich bin sprachlos. Das übertrifft meine wildesten Träume. Wir haben alle gesehen, wie Michael Schumacher all diese Titel gewonnen hat.» Und nun, das wusste auch Hamilton, hat in der Königs­klasse eine neue Ära begonnen. Nicht mehr Schumacher allein ist die ultimative Messlatte für alle, Hamilton steht auf Augenhöhe. Und er kann den Rekord aller Rekorde in Zukunft sogar noch ausbauen – wenn er denn seinen auslaufenden Vertrag verlängert. Darauf aber deutet eigentlich alles hin. «Ich habe das Gefühl, dass es gerade erst beginnt.»

Drei Jobs für den Vater und ein Klappsofa für Hamilton

Die Geschichte, wie alles begann, erzählt Hamilton gerne. Erst acht Jahre alt war er, als seine Motorsportkarriere bereits hätte enden können. Zu teuer war der Kartsport. Doch sein Vater Anthony schulterte drei Jobs gleichzeitig, Lewis schlief auf einem Schlafsofa in einer winzigen Wohnung, und irgendwie genügte es, um weiterzumachen – den Rest übernahm der Sohn am Lenkrad.

Denn an Talent mangelte es nicht, an Selbstvertrauen ebenso wenig. Als Zehnjähriger ging Hamilton auf den damaligen McLaren-Teamchef Ron Dennis zu: «Ich will eines Tages für Ihr Team fahren und Formel-1-Weltmeister werden.» Zwölf Jahre nach dem ersten Bewerbungsgespräch wurde es im Jahr 2007 Realität. Bereits in der zweiten Saison bei McLaren wurde er Weltmeister. 2013 wechselte der Brite zu Mercedes und holte mit Ausnahme der Premierensaison und 2016 in jedem Jahr den WM-Titel.

Umweltaktivist und «Black Lives Matter»-Frontfigur

Stillstand ist nicht Hamiltons Ding. Ob Heliboarding in den Bergen oder Buggy-Rennen in den Dünen, ob Tauchen oder Surfen – das alles ist für ihn Ausgleich zum Motorsport. Er ist aber auch Umweltaktivist und setzt sich als Frontfigur für die «Black Lives Matter»-Bewegung ein. Sein Hund Roscoe, eine Bulldogge, ist sein ständiger Begleiter.

«Ich habe viele Interessen», erklärte Hamilton kürzlich auf Instagram: «Ich kann mir vieles vorstellen. Die Formel 1 ist nur ein Teilaspekt, ich bin immer auf der Suche nach einem Ziel.» So auch im Motorsport. Neben den sieben WM-Titeln hält Hamilton auch den Rekord für die meisten Pole-Positions (bisher 97) und seit dieser Saison hat er Schu­macher (91) auch die Bestmarke für die meisten Siege entrissen. In der Türkei stand Hamilton zum 94. Mal zuoberst auf dem Podest. Keiner bezweifelt, dass er bald die magische Hunderter-Marke knacken wird. Sebastian Vettel, selbst vierfacher Weltmeister und Landsmann von Schumacher, sagt: «Wir dürfen zuschauen, wie Hamilton Geschichte schreibt.»

Mercedes driver Lewis Hamilton of Britain celebrates on the podium after winning the Turkish Formula One Grand Prix at the Istanbul Park circuit racetrack in Istanbul, Sunday, Nov. 15, 2020. (Murad Sezer/Pool via AP)

Mercedes driver Lewis Hamilton of Britain celebrates on the podium after winning the Turkish Formula One Grand Prix at the Istanbul Park circuit racetrack in Istanbul, Sunday, Nov. 15, 2020. (Murad Sezer/Pool via AP)

Murad Sezer / AP