Eishockey
Montréal: Die eishockeyverrückteste Stadt der Welt steht wieder einmal im Final

Montréal steht zum ersten Mal seit 1993 im Final. Sie waren damals der letzte Stanley-Cup-Sieger aus Kanada.

Klaus Zaugg
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Siegtorschütze Artturi Lehkonen (rechts) feiert mit Phillip Danault und Ben Chiarot.

Siegtorschütze Artturi Lehkonen (rechts) feiert mit Phillip Danault und Ben Chiarot.

Bild: Ryan Remiorz/Keystone (Montreal, 24. Juni 2021)

Eishockey? Nein, hier geht es um Kultur. In keiner anderen Stadt der Welt hat Eishockey so sehr das Leben durchdrungen wie in Montréal. Wenn es eine Hockey-Hauptstadt der Welt gibt – dann ist es Montréal (ist nicht die Hauptstadt Kanadas). Dies wird dem Fremden spätestens klar, wenn er die Kabine im «Centre Bell» betritt.

Dort stehen an der Wand Zeilen aus dem Gedicht «In Flanderns Fields». «To you from failling hands we throw the torch; be yours to hold it high.» («Aus sinkender Hand werfen wir Euch die Fackel zu, die Eure sei, sie hoch zu halten»). Es ist kein Gedicht aus dem Sport. Es ist das wohl berühmteste Gedicht zu Ehren der Gefallenen des ersten Weltkrieges, geschrieben vom kanadischen Leutnant John McCrae in Gedenken an einen am Vortag gefallenen Kameraden. Die Worte mahnen die Spieler, sich des Erbes ihrer Vorgänger würdig zu erweisen. Es ist wahrlich ein grosses Erbe. 24 Mal haben die Canadiens bisher den Stanley Cup gewonnen – Rekord. Und nun stehen sie zum ersten Mal seit 1993 wieder im Final. 1993 haben sie die wichtigste Trophäe des Hockeys zum letzten Mal gewonnen.

Es sind besondere Zeiten in Montréal. Zu den Spielen waren zuletzt wegen der Pandemie nur 3500 Fans zugelassen. Aber rund um die Arena haben sich mehr als 50000 zur grossen Party versammelt. Wegen der Quarantäne-Bestimmungen haben die Medien zwei Teams gebildet: eines bleibt permanent in den USA und das andere berichtet über die Heimspiele. Die Auswärtsmannschaft der Reporter wird nun nach dem gewonnenen Halbfinal von Las Vegas nach New York oder Tampa zügeln – das letzte Spiel wurde in der Nacht auf heute ausgetragen.

Paul DiPietro legte einst Wayne Gretzky an die Kette

Die Canadiens sind Träger der frankophonen Kultur. Das ist wohl auch der Grund für die engen Beziehungen zur Schweiz. Jacques Plante, neben Ken Dryden und Patrick Roy der berühmteste Goalie der Klubgeschichte, ist in Sierre zur letzten Ruhe gebettet worden. Er war mit einer Schweizerin verheiratet. Der HC La Chaux-de-Fonds spielte einst in den Original-Farben der Canadiens, Logo inklusive. Die Leidenschaft fürs Hockey mag eine Anekdote zeigen: zum letzten Stanley-Cup-Siegerteam von 1993 gehörten sechs Spieler, die später in der Schweiz engagiert waren. Der berühmteste ist Paul DiPietro (später mit Kultstatus in Ambri und Zug), der damals im Final gegen die Los Angeles Kings als Defensivstürmer den grossen Wayne Gretzky an die Kette legte. Sein Vater war so stolz, dass er einen ganz besonderen letzten Wunsch hatte: man möge ihn im Dress begraben, das sein Sohn in dieser Saison getragen hatte. Und Jacques Lemaire, der Leitwolf des Stanley-Cup-Siegerteams von 1979 wechselte direkt für zwei Jahre in unsere zweithöchste Liga zu Sierre. In 66 Partien buchte er sagenhafte 132 Punkte – und schaffte den Aufstieg in zwei Anläufen doch nicht. Und umgekehrt wurde Mark Streit bei den Montréal Canadiens der erste Schweizer Feldspieler, der sich in der NHL durchzusetzen vermochte.