So etwas hat die Leichtathletik noch nicht gesehen. Da duellieren sich die beiden äthiopischen Supertalente Yomif Kejelcha (20) und Selemon Barega (18) in einem ultraschnellen 5000-m-Rennen auf der letzten Bahnrunde um den prestigeträchtigen Sieg. Barega tritt Kejelcha von hinten auf die Füsse, dieser kommt ins Straucheln und rächt sich in bester Fussballer-Manier, in dem er seinen Landsmann an den Hosen zurückreisst.

Im Fussball hätte er für dieses Notbremse-Foul die rote Karte gesehen, in der Leichtathletik rieben sich die Zuschauer verdutzt die Augen über solcherlei Wildwest-Szenen und versuchte das erzürnte Opfer Barega, seinem unsportlichen Landsmann nach dem Rennen an die Gurgel zu gehen. Er musste von Konkurrenten daran gehindert werden. Lachender Dritter dieses Privatduells, das in sportlicher Hinsicht in dieser Saison bereits mehrfach stattfand, war Birhanu Balew in der Weltjahres-Bestzeit von 13:01,09. Auch er in Äthiopien geboren, aber seit einigen Jahren für Bahrain startend. Selbst Balew blickte nach seinem Zieleinlauf ungläubig zurück zu den beiden Streithähnen.

Kambundji jubelt doppelt

Die Schweizer Leichtathleten sind inzwischen so stark, dass sie auch inmitten der absoluten Weltklasse für die eigentlichen Meeting-Highlights sorgen. In Lausanne animierten die Sprinterinnen das Publikum zu Begeisterungsstürmen. Die 4x-100-m-Staffel mit Ajla Del Ponte, Sarah Atcho, Mujinga Kambundji und Salomé Kora gewann an der Athletissima nicht nur das Rennen, sondern verbesserte den eigenen Landesrekord gleich um 31 Hundertstelsekunden. Die 42,29 Sekunden bedeuten die weltweit drittbeste Zeit des Jahres und machen das Schweizer Quartett zu Topfavoritinnen für die EM in Berlin.

Einen mit einem winzigen Abstrich perfekten Abend erlebte vor allem Mujinga Kambundji. Die Bernerin lief innerhalb von nur 56 Minuten gleich zwei nationale Rekorde. Neben der Staffel war die 26-Jährige auch im Einzelrennen über 100 m so schnell wie keine Schweizerin vor ihr.

«Das perfekte Rennen war das noch nicht.»

In 11,03 nähert sie sich der magischen Schallmauer um weitere vier Hundertstel. Die zweifache Weltmeisterin Dafne Schipers aus Holland rettete sich mit der kleinstmöglichen Differenz vor ihrer temporären Schweizer Trainingskollegin ins Ziel.

Und Kambundji unterstrich zwischen den Rennen ihre gemütliche Berner Seite, in dem sie seelenruhig und ausführlich Fernsehen, Radio, und Zeitungen Auskunft gab – in deutscher und französischer Sprache. «Es war noch nicht der perfekte Lauf. Als ich nach 80 Metern gesehen habe, wie gut ich im Rennen liege, wollte ich etwas zuviel. Am Schluss war wohl etwas zuviel Kampf und zu wenig Fluss in meinem Lauf. Aber ich bin überglücklich, dass dieser Rekord heute fiel.»