Weltrekord

Wann durchbricht Eliud Kipchoge die Marathon-Schallmauer?

Lächelnd in den Marathon-Olymp: Eliud Kipchoge bei seinem Weltrekord in Berlin.

Lächelnd in den Marathon-Olymp: Eliud Kipchoge bei seinem Weltrekord in Berlin.

Eliud Kipchoge pulverisierte in Berlin den Marathon-Weltrekord. Warum es wohl nur noch eine Frage der Zeit ist, bis auch die berüchtigte Schallmauer von zwei Stunden durchbrochen wird.

Das Unvorstellbare, das Undenkbare und Unerreichte übt seit Menschengedenken eine sonderbare Faszination auf uns aus. Entdecken, erobern, greifbar machen – das ist es, was unser Wesen ausmacht: Wir wollen Dinge tun, die niemand vor uns getan hat.

Eliud Kipchoge hat am Sonntag etwas getan, was bis vor wenigen Jahren noch unmöglich schien: Er lief den Berlin-Marathon in 2:01:39 Stunden und damit um 1:18 Minuten schneller als der bisherige Rekordhalter. Der Kenianer hat damit auch die Diskussion neu entfacht, ob ein Mensch die 42,195 Kilometer unter zwei Stunden laufen kann.

Obwohl Olympia-Sieger, Millionär und Laufikone, lebt Kipchoge unter der Woche mit Kollegen in Kaptagat im Rift Valley in Kenia unter einfachsten Bedingungen. Er schält Gemüse und schrubbt Toiletten. Abends liest er Bücher: Konfuzius, Aristoteles, auch Paulo Coelho.

Über seinem Bett hängt ein Spruch: «Um erfolgreich zu sein, musst du nur eine Regel befolgen: Belüge dich selbst niemals.» Wenn er spricht, hat das etwas Andächtiges. Die Stimme ist ruhig, aber in seinen Augen spiegelt sich Überzeugung. Eliud Kipchoge ist 33-jährig, aber die Gruben auf den Wangen lassen ihn älter wirken, als er ist. Sie verleihen ihm einen Hauch Weisheit.

«Es geht um Herz und Kopf»

Vielleicht sind es aber auch die Sätze, die er sagt, die erahnen lassen, was ihn zum besten Ausdauerläufer gemacht hat. «Der Marathon ist Leben. Es geht nicht um die Beine. Es geht um das Herz und den Kopf. Und in meinem Herzen fühle ich, dass ich über menschliche Grenzen gehen kann.» 42,195 Kilometer, 120 Minuten. Das sind die Grenzen in seiner Welt.

25 Sekunden fehlten Kipchoge beim unter Laborbedingungen ausgetragenen Projekt seines Sponsors Nike auf der Rennstrecke von Monza. «Die Welt ist nur noch 25  Sekunden entfernt. Viele Menschen denken, dass einer stirbt, der so schnell rennt. Aber ich lebe immer noch», sagt Kipchoge und lächelt.

Wie auf der Zielgeraden des Marathons in Berlin. Schmerzen sagte er einmal, seien nichts anderes als eine Denkweise. Wenn der Schmerz ihn einhole, lächle er. Er sagt, es mache ihn frei. Doch es macht ihn auch: schnell. Beim Lachen schüttet der Körper Glückshormone aus. Und diese dämpfen das Schmerzempfinden.

Berlin-Marathon: Eliud Kipchoge siegt mit Weltrekord

Es ist im Kopf, wo Wissenschafter das grösste Potenzial zur Optimierung der Leistung sehen. «Ich habe alle diese Zahlen: Zum Wind, zu den Schuhen, zum Lactat», sagt Brett Kirby, ein Physiologe, der in Monza mithelfen sollte, die Schallmauer zu durchbrechen. «Aber ich habe ein grosses, leeres Feld: Wie messe ich den Kopf? Wie messe ich die Fähigkeit eines Menschen, Dinge zu tun, von denen wir dachten, sie seien unmöglich?»

Kipchoge habe ihm erst gezeigt, wie wichtig der Kopf sei. Er erinnert sich an einen Dialog zwischen dem umstrittenen Sportwissenschafter Tim Noakes und Ex-Läufer Alex Hutchinson, der sich seit über einem Jahrzehnt mit der Frage beschäftigt, welche Rolle der Kopf bei Höchstleistungen spielt. Noakes fragt dabei: «Hast du bemerkt, dass er nicht tot ist? Das bedeutet, er hätte noch schneller laufen können.»

Schmerzempfinden verändern

Seine Erkenntnisse hat Hutchinson im Buch: «Endure: Mind, Body and the Curiously Elastic Limits of Human Performance» verschriftlicht. Er vertritt darin die These, dass wir nicht einmal in die Nähe unserer Leistungsgrenze kommen.

Weil das Hirn Belastungen antizipiert und bei Schmerzen Warnsignale aussendet. Er berichtet darin auch von Trainern, die versuchen, mit Stromstössen ans Gehirn das Schmerzempfinden zu verändern. Gelingt das dereinst, würde das den Ausdauersport fundamental verändern.

Eliud Kipchoge läuft 200 Kilometer in der Woche. Er ist kein Senkrechstarter. Er sagt: «Nur die Disziplinierten sind im Leben frei. Undisziplinierte sind Sklaven von Stimmungen und Leidenschaft.» Er lebt damit das vor, was Hutchinson sagt: Ein Läufer müsse mit grossem Volumen sein Gehirn konditionieren.

Der Schweizer Ex-Marathon-Läufer Viktor Röthlin sagt: «Vom Körper her könnte ich das Tempo noch zehn Minuten mitlaufen. Ob ich es vom Kopf her könnte, ist hingegen fraglich.» Eliud Kipchoges Erfolg sei eben auch Resultat von Disziplin und Beharrlichkeit.

Doch was ihn von anderen abhebt, ist vielleicht das: ein unerschütterlicher Glaube an sich selbst. Kein Mensch, sagt Kipchoge, sei limitiert. Es seien die Menschen selber, die sich Grenzen setzten. Und dann zitiert er Aristoteles: «Wenn du Freude hast an dem, was du tust, steht dir der Weg zur höchsten Vollendung offen.» In seinem Fall wäre das die magische Zahlenfolge: 1:59:59 Stunden.

Der perfekte Tag, das perfekte Rennen: Wie die Zwei-Stunden-Schallmauer fällt:

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1