Blenden wir neun Jahre zurück. Berlin ist 2009 Austragungsort der Weltmeisterschaften in der olympischen Kernsportart Leichtathletik. Gleichzeitig finden in Miskolc, in der tiefen ungarischen Provinz, die Welttitelkämpfe in der Randsportart Orientierungslauf statt. Die Schweizer Medien berichten fleissig und in grosser Titelschrift . . . vom OL.

Die Gründe für diese verkehrte Sportwelt sind schnell gefunden: Neun Schweizer Medaillen im ungarischen Wald, kein einziger Finalplatz der 13 in Berlin gestarteten Schweizer Athleten. Die Leichtathletik ist bei uns am Tiefpunkt angelangt.

Man hat sich in den Nullerjahren bereits an dieses mediale Ungleichgewicht der meistens gleichzeitig stattfindenden Grossanlässe in der Leichtathletik und im OL gewöhnt. Mit Simone Niggli-Luder haben die Waldläufer eine unbezahlbare Galionsfigur. In der Leichtathletik sind die grossen Namen zwischenzeitlich ausgestorben.

Auch in dieser Woche stehen Leichtathletik und OL wieder in Konkurrenz zueinander. Die Kompass-Sportler werden mit ähnlich vielen Podestplätzen wie 2009 von der WM in Lettland heimkehren. Trotzdem bleiben sie diesmal in den Medien höchstens Randerscheinungen. Die erstmalige Austragung der Multisport-EM in Glasgow trägt zusätzlich zur Marginalisierung bei. Doch vor allem ist die Leichtathletik heute in der Schweiz wieder sexy. Wir fiebern mit, dürfen uns sogar auf Medaillen freuen.

Was die Geschichte der beiden Sportarten OL und Leichtathletik in den vergangenen 15 Jahren verbindet, ist der Grossanlass als Auslöser des Booms. 2002 ging in Rapperswil der Stern von «Gold-Sime» als vierfache OL-Weltmeisterin auf. 2014 strahlte uns im Zürcher Letzigrund das etwas andere Berner Meitschi Mujinga Kambundji herzergreifend aus dem TV-Apparat entgegen. Wer will da noch behaupten, sportliche Grossanlässe im eigenen Land seien nicht nachhaltig und würden nichts bewirken.