Als sie im Helikopter mit 220 Kilometern in der Stunde über den Hallwilersee und den Sempachersee, dann über die grünen Hügel des Emmentals fliegt, wo sie später mit hunderten Kindern ein Training absolviert, verstummt selbst Dalilah Muhammad. «So etwas Schönes habe ich noch nie gesehen», sagt die Olympiasiegerin über 400 Meter Hürden. Dabei hat sie viel zu erzählen: Als Afro-Amerikanerin und Tochter eines Imams steht sie im Brennpunkt der US-Politik. Sie sieht sich auch als Minderheiten-Sprecherin.

Dalilah Muhammad, Sie wuchsen als Afro-Amerikanerin in Queens auf, als Tochter eines Imams. Wie war das?

Dalilah Muhammad: Es war kein traditioneller, sondern ein sehr liberaler Haushalt. Meine Eltern haben mir die Freiheit gegeben, selber zu entscheiden, wie ich meinen Glauben leben will.

Welche Werte wurden vermittelt?

Meinen Eltern war wichtig, dass ich mich nicht verstelle. Alles, was sie wirklich von mir verlangten, war, dass ich als Mensch und als Sportler das Beste aus mir heraushole. Indem sie mir keine Regeln gegeben haben, forderten sie mich dazu heraus, meinen eigenen moralischen Kompass zu entwickeln. Ihre Überzeugung ist es, dass Druck zu Unterdrückung führt.

Hat es Sie irgendwie beeinflusst, dass Ihr Vater in New York Imam ist?

Ich weiss, dass es für ihn schwierig zu ertragen war, was für knappe Kleidung man als Leichtathletin trägt. Dass wenig verborgen bleibt. Aber wissen Sie, das hat nichts mit dem Glauben zu tun. Ich glaube, viele Väter haben damit ein Problem (lacht). Ich hatte fast mehr Mühe. Es hat mir geholfen, dass ich mein Leben in zwei Bereiche getrennt habe: eines neben und eines auf der Bahn. Muslimas aus konservativem Elternhaus haben weniger Chancen als ich.

Wie gehen Sie damit um?

Es gibt nicht den einen Islam. Wir leben unseren Glauben alle unterschiedlich aus. Wenn du wie ich in New York aufwächst, dann bist du früher oder später auch mit Rassismus und Ausgrenzung konfrontiert.

An der Seite von LeBron James, Serena Williams und Kevin Durant setzen Sie sich für Gleichberechtigung ein. Was bedeutet das für Sie persönlich?

Es ist ein Thema, das mich auf so vielen Ebenen beschäftigt: als Frau, als Athletin, als Schwarze, als Muslimin. Ich wünsche mir, dass alle die gleichen Rechte haben – unabhängig von Hautfarbe, Geschlecht, Nationalität, Sprache und Religion.

Was können Sie dazu beitragen?

Ich möchte den schwarzen, muslimischen Frauen im Sport und in der Gesellschaft eine Stimme gegen Unterdrückung geben.

Nike verkauft Sportbekleidung für muslimische Frauen, zum Beispiel
einen Hijab. Wie stehen Sie dazu?

Ich stehe bei dieser Frage etwas zwischen den Fronten. Einerseits finde ich es gut, dass Frauen, die sich verhüllen wollen, das tun können. Andererseits finde ich, ist es an der Zeit, dass Frauen wissen, dass sie das nicht tun müssen. Mir ist wichtig, dass es eine freie Wahl ist. Sonst ist es ein Zeichen der Unterdrückung der Frau.

Ist Ihre Rolle eher Bürde oder Privileg?

Früher hatte ich grössere Hemmungen, mich offen zu äussern, weil ich niemandem zu nahe treten wollte. Ich brauchte Zeit, um für mich selber herauszufinden, wie ich zu gewissen Fragen stehe. Ich bin aber an einen Punkt in meinem Leben gelangt, an dem ich realisiert habe, dass es meine Aufgabe ist. Dass ich Verantwortung trage.

Nach seinem Amtsantritt verhängte Donald Trump eine Einreisesperre für Menschen aus islamischen Ländern. Was ging Ihnen da durch den Kopf?

Du würdest so etwas nicht in der heutigen Zeit erwarten. Das war absolut lächerlich. Ich war nicht persönlich betroffen, aber meine Gemeinde. Ich hätte mich noch mehr dagegen auflehnen müssen.

Wie sehen Sie die Situation in den USA?

Früher waren wir das Land, in dem es egal ist, woher du bist, welche Hautfarbe du hast und woran du glaubst. Die USA sagen, sie seien das Land der gemeinsamen Werte und Vorstellungen. Aber wer verfolgt, was in meiner Heimat passiert, merkt schnell, dass es überhaupt nicht mehr so ist.

Finden Sie, dass mehr Sportler ihre Stimme erheben sollten?

Wenn sie etwas zu sagen haben, dann ja. Wer im Rampenlicht steht, hat die Pflicht, für seine Überzeugungen einzustehen.

Welchen Wandel in der Gesellschaft wünschen Sie sich?

Ich wünsche mir, dass Moslems anders gesehen werden. Dass das Stigma verschwindet. Und ich möchte auch im Sport mehr Gleichberechtigung, auch bei den Löhnen.