Eigentlich scheint der Inhalt der beiden Facebook-Posts harmlos, die Pascal Mancini zum Verhängnis geworden sind. Doch der 29-jährige Freiburger Sprinter und Psychologiestudent teilte sie auf seiner offiziellen Facebook-Fanpage. Und der Autor der verhängnisvollen Zeilen in den Posts war alles andere als harmlos: Er hiess Léon Degrelle, war belgischer NS-Kollaborateur, SS-Offizier und später Neonazi-Promi.

Dem Schweizerischen Leichtathletikverband Swiss Athletics war die Gesinnung Mancinis längst bekannt, wie er schrieb. Und mit den beiden Degrelle-Posts verstiess Mancini aus der Sicht des Verbands gegen eine von ihm 2014 unterzeichnete Vereinbarung. Darin hatte Mancini sich verpflichtet, künftig darauf zu verzichten, seine offizielle Facebook-Fanseite für diskriminierende und rassistische Botschaften zu nutzen.

«Ich kann nicht mehr rennen»

Dem Verband reichte der Umstand, dass die harmlos klingenden Sätze aus der Feder Degrelles stammen. Logische Konsequenz: den Bruch der Vereinbarung auch zu ahnden. Am 31. Juli entzog er dem Athleten vorsorglich die Lizenz und leitete ein Disziplinarverfahren gegen ihn ein. Die Europameisterschaft in Berlin vom August fiel für Pascal Mancini ins Wasser.

Auf Facebook klagte Mancini: «Ich kann nicht mehr rennen.» Die Schuld schob er den Medien zu. Diese, so Mancini, versuchten ihn zu zerstören, indem sie ihn daran hinderten, für Geld zu rennen. «Sie wollen, dass ich wegen meiner Meinungen meine Karriere beenden muss.» Und so bat er seine Facebook-Freunde um finanzielle Unterstützung.

In der Zwischenzeit hat Mancinis Anwalt gegen den Entscheid des Zentralvorstandes einen Rekurs eingereicht. Dieser hat aufschiebende Wirkung, was heisst: Bis auf weiteres hat Mancini seine Lizenz zurückerlangt. «Ich kann also wieder rennen», schreibt er dieser Zeitung in einem Mail. Was ihm allerdings wenig nütze, da die Wettkampfsaison für dieses Jahr doch bereits vorüber sei.

Unterstützung von Facebook-Freunden

Immerhin: Via Paypal-Konto gingen bereits 1000 Franken von Spendern ein. Fast doppelt so viel seien ihm auf der französischen Crowdfunding-Plattform Tipeee in Aussicht gestanden. Doch dieses Geld sei nie zu ihm gelangt, beklagt sich Mancini. Tipeee habe ihn zensuriert und sein Konto gelöscht. Ob die Sperrung durch den französischen Online-Vermittler mit Mancinis extremistischen Posts zusammenhängt, beantwortete die Firma nicht.

Kaum Arbeit für Schiedsgericht

Um neben dem Studium und Training, das er weiterverfolgt, nicht gänzlich auf Spenden angewiesen zu sein, bietet Mancini nun auch Trainings an. «Maximales Ergebnis bei minimalem Aufwand», bewirbt er seine Angebote. 90 Minuten kosten 60 Franken. Ein guter Preis. «Ja, ich hatte Anfragen», schreibt er der Redaktion CH Media, «die Leute waren sehr zufrieden mit meiner Arbeit.»

Und so hofft Mancini auf die Saison 2019. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass das Schiedsgericht des Leichtathletik-Verbandes ihm Recht gibt und Swiss Athletics ihm die Lizenz erteilt. Bis zu Beginn der Hallensaison im Januar wird der definitive Entscheid des Leichtathletik-Verbandes auf jeden Fall vorliegen.

Das Schiedsgericht von Swiss Athletics hat übrigens kaum Arbeit. Einen einzigen Fall musste das Gremium in den letzten Jahren beurteilen: den sogenannten Quenelle-Gruss, der in Frankreich als Nazi-Geste gilt, von genau diesem Mancini im Jahr 2014!

Der Internationale Sportgerichtshof als nächste Instanz

Mancini selbst will kein Interview geben, über seine wahre Gesinnung nicht sprechen. Und Swiss Athletics verweigert mit Hinweis auf das laufende, nicht öffentliche Verfahren eine Stellungnahme. Stützt das Schiedsgericht das Vorgehen des Verbands und bestätigt es damit die Lizenzverweigerung gegen Mancini, bleibt diesem als nächste Instanz der Internationale Sportgerichtshof CAS in Lausanne.

Vor diesem hatte vor vier Jahren auch der in Ungnade gefallene kroatische Fussballnationalspieler Josip Simunic geklagt. Sein Fall wirft ein Schlaglicht auf den Fall Mancini. Nach dem gewonnenen Spiel Kroatiens gegen Island im Spätherbst 2013 feierten die Kroaten den Einzug in die WM-Endrunde 2014 in Brasilien. Simunic schnappte sich das Stadionmikrofon und heizte dem heimischen Publikum mit einer Grussformel der faschistischen Bewegung Ustascha ein.

«Zu viel für diese Gesellschaft»

Neben einem Strafverfahren in Kroatien und Geldbussen kriegte Simunic für seine Ustascha-Rufe vom Weltfussballverband Fifa zehn Spielsperren aufgebrummt. Simunic zog bis vor den Internationalen Sportgerichtshof in Lausanne, wo er unterlag.

Simunic verteidigte sich, gab sich unwissend und beharrte darauf, nichts falsch gemacht zu haben. Er liebe halt seine Heimat, sagte er. Ähnlich ist das bei Mancini. Auf Facebook schreibt er, er sage, was er denke. Doch Mancini ist sich auch bewusst, dass er aneckt, Leute vor den Kopf stösst. Er sei aufrichtig und spontan, «sicherlich zu viel für diese Gesellschaft».

Subito einen Neustart machen

Über die Posts, Verteidigungs- und Rechtfertigungsversuche Mancinis kann der Basler Anwalt, SVP-Grossrat und Sportler-Berater Heinrich Ueberwasser nur den Kopf schütteln. Mancini solle dringend eine Auslegeordnung machen und seine Ziele definieren, persönlich und beruflich.

Der juristische Weg sei das eine, sagt er. «Doch selbst wenn Mancini vor Gericht siegt, hat er Verbände, Publikum und Sponsoren noch nicht wieder für sich gewonnen», sagt er zu dieser Zeitung. Auch ein 29-jähriger Spitzensportler dürfe Fehler machen. Aber er müsse schleunigst daraus lernen.

«Mancini soll sich überlegen, eine Sanktion zu akzeptieren und subito einen Neustart zu machen. Ein juristischer Sieg kann auch zum Pyrrhus-Sieg werden. Mancini muss auch mit sich selbst, mit dem Verband, den Sponsoren und den Fans ins Reine kommen.» Sonst, warnt Ueberwasser, verspiele sich Mancini die Chance, weiterhin Spitzensport machen zu können. Und er riskiere auch eine Karriere danach.

«Das hat schizophrene Züge»

Mancinis früherer Staffel-Mitläufer Amaru Schenkel mit Wurzeln in Westafrika nahm seinen Teamkollegen in Schutz. Er sei kein Rassist, sagte er im Interview mit dem «Blick». Und doch ist auch für ihn unverständlich – warum die Posts? Was will Mancini damit bezwecken? «Das hat schon schizophrene Züge», sagt Schenkel.

Mancini hingegen betont auf Facebook, er wolle sagen, was er denke. Im Falle der verhängnisvollen Posts war es aber ein Nazi, der dachte. Mancini zitierte. Er wäre also gut beraten, um Entschuldigung zu bitten und eine Einigung mit dem Verband anzustreben, damit er 2019 wieder mit guten Resultaten Geld verdient.