Die Saison 2018 war nicht nur die erfolgreichste in der bisherigen Karriere der 26-jährigen Bernerin. Sie war auch enorm aufwühlend. Zuerst der Mut, sich nach vier Jahren Zusammenarbeit vom deutschen Trainer Valerij Bauer zu emanzipieren und einen neuen Weg zu wagen. Dann die Turbulenzen im Winter mit zwei Trainerwechseln innert zweier Monate.

Schliesslich die kurzfristigen Planänderungen in der Kooperation mit ihrem neuen Coach Rana Reider. Dazwischen immer wieder Erfolgsmeldungen auf der Bahn: historische Bronzemedaille an der Hallen-WM über 60 m, Durchbrechen der Schallmauer über 100 m mit einer internationalen Topzeit von 10,95 sec.

Mujinga Kambundji hatte in der Saison 2018 viel Grund zur Freude.

  

Zu gefährlich für Niederländer

Das eine hat mit dem andern zu tun. Und es fordert jetzt abermals Konsequenzen für Mujinga Kambundji. Da Rana Reider hauptsächlich für den niederländischen Verband arbeitet und dort 200-m-Weltmeisterin Dafne Schippers begleitet, war Kambundji im Stützpunkt nicht mehr willkommen. Denn in den letzten Monaten hat sich die Bernerin mit Wurzeln im Kongo aus Sicht von Schippers von der Mitläuferin zur Konkurrentin entwickelt.

Für Kambundji war deshalb bereits im Sommer klar, dass sie sich nach der Saison punkto Trainer abermals neu orientieren muss. «Ich habe schon länger die Olympischen Spiele 2020 in Tokio im Kopf. Deshalb suchte ich eine längerfristige Lösung», erklärt die 26-Jährige.

Für die Niederländerin Dafne Schippers ist Mujinga Kambundji zu einer ernsthaften Konkurrentin geworden.

  

Neuer Trainer aus Schottland

Ob sie ihr Glück mit dem Schotten Steve Fudge gefunden hat, ist nach der ersten Trainingswoche in dessen Camp in London noch nicht zu beantworten. Kambundji hat ein gutes Gefühl: «Neben den Fähigkeiten als Trainer ist mir das Zwischenmenschliche sehr wichtig. Und hier ist der erste Eindruck sehr positiv.» Überhaupt nehme sie ganz viele neue Eindrücke vom ersten London-Trip mit. «Die Trainings waren echt cool.»

Fudge stand bei der Schweizer Sprinterin schon länger auf der Liste der Kandidaten. Dass sie sich jetzt für ihn entschied, hat auch mit dessen Unabhängigkeit von irgendwelchen Landesverbänden zu tun. Fünf Sprinter und drei Sprinterinnen umfasst Fudges Gruppe. Nachdem Mujinga Kambundji seit April mehrheitlich alleine trainiert hat, steigt jetzt der Spassfaktor wieder – zumindest zeitweise.

Die Schweizerin plant, jeweils für zwei Wochen nach London zu reisen und dazwischen kurze Phasen zu Hause in Bern zu trainieren. «Ich bin überzeugt, dass ich mein Potenzial noch nicht ausgereizt habe», sagt sie. «Das Gefühl sagt mir, dass ich über alle Distanzen schneller laufen kann. An Zielen fehlt es mir also nicht.»

Für das Rote Kreuz in Vietnam

Mit den drei vierten Rängen an der EM in Berlin hat Kambundji inzwischen ihren Frieden gefunden. «In Berlin selber war ich brutal enttäuscht. Die Leistungen boten jedoch keinen Grund, enttäuscht zu sein. Sie waren ausnahmslos gut. Die 11,05 über 100 m hätten fast immer für eine Medaille gereicht. Nur eben diesmal nicht.»

Zumindest blieb ihr nicht viel Zeit, um Trübsal zu blasen. Unmittelbar nach der Saison reiste Mujinga Kambundji nach Vietnam. Seit September 2015 ist sie Botschafterin des Roten Kreuzes. Nun hatte sie erstmals die Gelegenheit, sich Hilfsprojekte vor Ort anzusehen. «Eindrücklich» nennt sie die Erfahrung.