Viele hätten längst aufgegeben. Sich eingestanden, dass der eigene Körper nicht für den Leistungssport geschaffen ist. Desillusioniert von unzähligen Rückschlägen hätten sie Freude und Optimismus verloren. Nach der x-ten Verletzung die Flinte ins Korn geworfen. Für Martina Strähl war dies alles nie eine Option. Selbst als sie im vergangenen August beinahe ihr Leben verlor. Sie sagt: «Ich war schon immer eine Kämpferin.»

Wer den fragilen Körper der 31-Jährigen sieht, erkennt schnell: Hier ist eine Grenzgängerin am Werk. So zerbrechlich die Solothurnerin aus Horriwil wirkt, so anfällig ist sie auch. «Die Balance zu halten, ist extrem schwierig», sagt Strähl. Zumindest, was den Körper angeht. Im Kopf hingegen ist die studierte Psychologin unendlich stark.

Körper rebelliert

Ihre Verletzungsgeschichte liest sich wie ein Praxis-Lehrbuch für Medizinstudenten. Martina Strähl ist schon in jungen Jahren ein aussergewöhnliches Lauftalent. Doch ihr Körper rebelliert gegen die Trainingsbelastungen in der Leichtathletik. Die Folge: Ermüdungsbrüche in Serie – im Kreuzbein, im Oberschenkel und im Fuss.

Die Lösung findet sie beim Berglauf. Bergauf wirken deutlich kleinere Kräfte auf den Bewegungsapparat. Strähl wird in dieser Sparte zu einer der Weltbesten, holt zwei EM-Titel, wird Weltmeisterin und gewinnt den Jungfrau-
Marathon in Rekordzeit.

Fritz Häni setzt ihr neue Ziele

Weiterhin muss sie Rücksicht auf ihre physischen Limiten nehmen. Zwei Drittel aller Trainings absolviert sie alternativ auf dem Ergometer. Doch dann kommt Fritz Häni. Der ehemalige Waffenlauf-Seriensieger aus Wiedlisbach übernimmt 2014 die sportliche Betreuung von Strähl. Und macht ihr klar: «Die Musik als Läufer spielt in der Leichtathletik und nicht am Berg.» Er sieht das Potenzial seines Schützlings auf der Marathonstrecke.

Aber auch Häni ist klar: «Nach Lehrbuch lässt sich Martina nicht trainieren. Wer das versucht, scheitert.» Sie müssen zusammen einen Weg finden, wie es klappen kann. Den Martina-Strähl-Weg.

Strähl ist ein Gefühlsmensch

Im ersten Jahr harzt es mit der Zusammenarbeit. Martina Strähl hält sich regelmässig nicht an die Vorgaben von Häni. Die Solothurnerin ist ein Gefühlsmensch. Wenn sie die Freiheit beim Rennen findet, dann will sie diese auskosten. Auf Uhr und Pulsmesser verzichtet sie, auch am jährlichen Leistungstest in Magglingen nimmt sie nicht teil.

Hänis Ziel ist es, im Training Quantität durch Qualität zu ersetzen. Erst als das Vertrauen wächst und sich die ersten Erfolge einstellen, wird aus dem Duo jenes eingefleischte Team, das sie heute sind. Bereits in ihrem allerersten Marathon läuft Strähl die Limite für die Heim-EM 2014 in Zürich. Die Heilpädagogin mit 40-Prozent-Pensum an der Primarschule Oensingen setzt immer wieder Duftmarken auf der Strasse, zuletzt in diesem Frühling mit dem Schweizer Rekord im Halbmarathon in Berlin. Die Klassezeit von 1:09:29 Stunden katapultiert Strähl auf Position 2 der europäischen Bestenliste.

Das Leben hängt am Faden

Doch die Gesundheit bleibt ein Wackelkandidat. Selbst wenn sich der fragile Körper Schritt für Schritt an die Belastungen gewöhnt. Den WM-Marathon 2017 in London verpasst sie wegen einer Stressreaktion im Kreuzbein. Ende August 2017 folgt die bisher einschneidendste Erfahrung. Bei einer Magenblutung verliert Strähl zwei Drittel ihres Blutes, die Ärzte kämpfen um ihr Leben. Sie versucht wie bei allen Rückschlägen, etwas Positives mitzunehmen und setzt sich fortan nicht mehr unter Stress, nimmt die Dinge gelassener und will noch besser auf ihren Körper hören.

Dieser reagiert im Juni auf die Topleistungen des Frühlings mit unerklärlichen Ermüdungserscheinungen. Auch dieses Tief überwindet sie, bis vor zwei Wochen plötzlich die Sehne im Fuss wehtut. Die Entzündung ist noch immer da, Strähl kann nicht schmerzfrei rennen und sagt deshalb zwei Tage vor dem Marathon in Berlin: «Die Chancen, dass es gut kommt, stehen bei 50 Prozent.»

«Top oder Flop»

Marathon-Europameister Viktor Röthlin traut Strähl dennoch Grosses zu. «Sie ist eine der wenigen Läuferinnen, die nicht in der Gruppe rennen müssen, um schnell zu sein.» Er rät ihr in einem Telefonat, «mutig und angriffig zu laufen».

Auch für Trainer Fritz Häni gibt es am Sonntag nur eine Taktik: «Top oder Flop! Entweder hält der Fuss oder nicht. Häni hofft, dass es gut kommt. Dann traut er ihr vieles zu – auch eine Medaille. Er muss es wissen, denn Häni ist der Einzige, der wirklich Zugang zur Athletin Martina Strähl hat. Er sagt: «Du musst bei ihr auf den Menschen eingehen, sonst hast du als Trainer keine Chance.»