Leichtathletik-EM
Gut fürs Geschäft – Alex Wilsons Bronzemedaille über 200 Meter hilft ihm und dem Schweizer Team

Alex Wilson ist ein Spassvogel. Nun aber auch der drittschnellste 200-m-Läufer Europas. Den 26-jährigen Basler mit jamaikanischen Eltern jedoch auf die spitze Zunge und die schnellen Muskeln zu reduzieren, wird seiner Person nicht gerecht.

Rainer Sommerhalder
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Alex Wilson feiert mit Schweizer Fahne seine Bronzemedaille.

Alex Wilson feiert mit Schweizer Fahne seine Bronzemedaille.

KEYSTONE/AP/MARTIN MEISSNER

Zuerst kommt bei Wilson die Show. «Man darf nicht alles ernst nehmen, was er sagt», erklärt Sprintkollegin Mujinga Kambundji. Auch nicht nach dem EM-Final: «Ich habe eine Goldmedaille verloren», sagt er nach dem Lauf. «Ach du Scheisse, bin ich schlecht gestartet. Uuuhhh!» Erst später wird es realistischer. «Ich bin sprachlos. Ich war noch nie in meinem Leben in dieser Situation. Ich habe nur darüber geredet.»

Laute Sprüche und eine kumpelhafte Nähe ohne Scham zementieren sein Image als leicht naives Grossmaul. Das schwarze Gesicht mit Basler Dialekt – die Kombination muss man einfach mögen. Wenn aus seinem Mund dann noch Sätze kommen wie: «Ich habe mir fast in die Hosen gemacht, Gopferdeggel!», wie an der WM in London. Oder: «Ich musste mich im Ziel kurz verstecken und kotzen!», wie nach dem Halbfinal in Berlin. Ja dann hat es der gelernte Landschaftsgärtner definitiv in die Herzen des Publikums geschafft.

Sein eigener Manager

Wilson inszeniert dieses Bild von sich ein Stück weit bewusst. Es gehört zur Verkaufstaktik. Denn der 26-Jährige ist nicht nur ein grossartiger Sportler, er ist auch ein cleverer Geschäftsmann. «Wenn ich an der EM eine Medaille gewinne, kann ich neue Sponsoren an Land ziehen», sagt er im kleinen Kreis. Bereits jetzt hat er viele treue Partner, die ihn unterstützen. Die allermeisten Sponsoren hat er selber akquiriert. Mit diesem Geld bezahlt er nicht nur seine Trainer in London, er hat für seine Familie im vergangenen Jahr auch ein Haus in Riehen gekauft.

Wilson beobachtet präzise, lernt schnell und passt sich an. Das muss er erstmals, als er 15-jährig von Jamaika in die Schweiz übersiedelt. In ein fremdes Land. «Ich weiss nicht, was aus ihm geworden wäre, wenn er die Leichtathletik nicht gehabt hätte», sagt der 77-jährige Christian Oberer. Er ist von Beginn weg Wilsons Trainer und bald einmal so etwas wie sein Ersatzvater. Auch heute noch überwacht er Wilsons Training, wenn dieser in Basel weilt. Oberers Anliegen ist das Gleiche geblieben: «Man sollte ihm das Handy wegnehmen. Dieses hat Alex auch im Training stets griffbereit». Man weiss ja nie, wer anruft.

Alex Wilson ist der dritte Schweizer, der an Europameisterschaften über 200 Meter auf dem Podest steht.
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In 20.04 senkte Alex Wilson den Schweizer Rekord um eine Zehntelsekunde. Die Freude über Bronze ist gross.
Mit Schweizer Fahne lässt sich Alex Wilson von den Zuschauern im Olympiastadion Berlin feiern.
Erst- und Drittplatzierter: Ramil Guliyev (l.) gewinnt und Alex Wilson holt sich Bronze.
Hinter Ramil Guliyev (vorne) und Nethaneel Mitchel-Blake holte sich der Schweizer Alex Wilson (r.) Bronze.
Alex Wilson feiert mit dem Maskottchen über seine Bronzemedaille.
Alex Wilson, Bronze über 200 Meter an der EM 2018 in Berlin
Stolz präsentiert sich Alex Wilson mit Schweizer Fahne den Fans nach seinem Lauf aufs Podest.
Die ganze Anspannung und der Druck fällt bei Alex Wilson ab. Mit seinem dritten Platz hat er seinen Worten Taten folgen lassen.
Eine Zeit lang musste er sich gedulden. Dann stand fest: Alex Wilson hat im 200-Meter-Final Bronze gewonnen.
Alex Wilson holte sich über 200 Meter die Bronze-Medaille.
Der erste Rang war ausser Reichweite. Mit seinem dritten Platz darf Alex Wilson aber zufrieden sein.
Eine Klasse für sich war Ramil Guliyev aus der Türkei. Er gewann überlegen Gold über die 200 Meter.
Ramil Guliyev lässt sich nach seinem überlegenen Sieg feiern.

Alex Wilson ist der dritte Schweizer, der an Europameisterschaften über 200 Meter auf dem Podest steht.

WALTER BIERI

Verantwortungsbewusster und ruhiger geworden

Wilson hat schon früher oft und fest an Oberers Nerven gezerrt. Etwa mit der jamaikanischen Variante von Pünktlichkeit. «Als er einmal eine halbe Stunde zu spät ins Training kam, habe ich ihm gesagt, das nächste Mal warte dann hier niemand mehr auf ihn», sagt Oberer. Es hat gewirkt.

Der 77-Jährige bewundert heute an seinem Zögling die Hartnäckigkeit und Beharrlichkeit. Wilson schliesst sich im Winter 2016 der Trainingsgruppe von Lloyd Cowan und Clarence Callender in London an. Für den Basler ist es ein Leistungsschritt auf ein ihm unbekanntes Level. Dazu verordnen ihm die Trainer eine strikte Diät. «Alex musste sich in London einordnen. Er war auf einmal nur noch einer von vielen. Das hat ihm gut getan», sagt Oberer.

Doch es gibt nicht nur den schrillen Sprinter Alex Wilson. Die Heirat im vergangenen Jahr, die Geburt seines Sohnes Javan, haben ihn verantwortungsbewusster und ruhiger gemacht. Am späten Mittwochabend nach dem Halbfinal warten Frau und Kind in Stadionnähe abseits des Trubels auf ihren Alex. Es ist ein herzlicher, intimer Moment. Die Ruhe scheint nicht zu Alex Wilson zu passen. Aber doch ist sie da.

Wilson holt erste Schweizer Medaille

Im Fotofinish zu Bronze

Alex Wilsons Gesicht ist angespannt. Drei Athleten überqueren die Ziellinie auf gleicher Höhe. Bange Sekunden des Wartens, bis klar ist: Er hat die ersehnte Medaille. Wilson hüllt sich in eine Schweizer Flagge und jubelt. Er gewinnt an den Europameisterschaften in Berlin das erste Edelmetall für die Schweiz. Gegen den amtierenden Weltmeister Ramil Guliyev aus der Türkei ist er chancenlos. Sein britischer Trainingspartner Nethaneel Mitchel-Blake hingegen ist nur einen Hauch vor ihm über der Ziellinie. Wilson läuft in 20,04 neuen Schweizer Rekord. (rs)

Schweizer Highlights heute (Freitag, 10. August):

12.00 Uhr: Supertalent Delia Sclabas greift im 1500-m-Vorlauf bei den Grossen an.

19.10 Uhr: Jason Joseph will beim EM-Debüt über 110 m Hürden in den Final (21.35 Uhr).

20.50 Uhr: Léa Sprunger hat über 400 m Hürden nur ein Ziel: die Goldmedaille gewinnen.

21.20 Uhr: Selina Büchel träumt über 800 m von der Medaille.