Sprint

Fertig Tourist – Silvan Wicki steht nicht mehr im Schatten von Alex Wilson

Silvan Wicki lief mit 10,28 die zweitschnellste Zeit aller Vorläufe über 100 Meter.

Die Schweizer Sprintszene besteht nicht mehr nur aus dem gebürtigen Jamaikaner Alex Wilson. In seinem Schatten hat sich mit Silvan Wicki ein weiterer Spitzenläufer entwickelt. So schnell wie er war noch nie ein Schweizer mit weisser Hautfarbe.

Die Sprintbühne gehört Alex Wilson. Der extrovertierte Schweizer Rekordhalter hat Hoffnungen geweckt. Er spricht ohne Scham vom EM-Titel. Seine Bestzeiten lassen uns von magischen Marken träumen: unter 10 Sekunden über 100 m, weniger als 20 Sekunden über 200 m.

Hinter Wilson nur die Sintflut im Schweizer Männersprint ist allerdings passé. In dieser Saison hat sich im medialen Schatten des gebürtigen Jamaikaners ein weiterer Schweizer Topläufer herangebildet, der selbst Platzhirsch Wilson bedrängen kann.

Drittbester Schweizer aller Zeiten

An den Schweizer Meisterschaften in Zofingen rieb man sich vor drei Wochen verdutzt die Augen. Erst auf den allerletzten Metern schob sich Alex Wilson in der Saisonbestleistung von 10,14 noch an Herausforderer Silvan Wicki vorbei. Dieser pulverisierte in 10,17 nicht nur zum wiederholten Mal in den letzten Monaten seine persönliche Bestzeit, sondern machte sich auch zum drittbesten Schweizer aller Zeiten hinter Wilson und Dave Dollé.

Und wie er selber mit leicht gedämpfter Stimme betont: «Zum schnellsten Schweizer weisser Hautfarbe». Wicki weiss, dass der Rassismus-Vorwurf in den turbulenten Leichtathletik-Tagen mit Hauptdarsteller Pascal Mancini und seiner rechten Gesinnung schnell zur Hand ist. Der 23-Jährige will nicht werten, sondern höchstens betonen, dass weisse Sprinter an der internationalen Spitze nach wie vor die grosse Ausnahme bilden.

Wicki schneller als Wilson

Gestern im Vorlauf über 100 m in Berlin lief Wicki sogar fünf Hundertstelsekunden schneller als Wilson. Mit 10,28 gewann er seinen Lauf genauso wie sein Teamkollege. Das macht Lust auf mehr. «Mein Ziel vor der EM war es, zweimal den Halbfinal zu erreichen. Jetzt muss das Ziel fast Final heissen», sagt Wicki. Zumal er sich im Vorlauf «schwerfällig» fühlte und deshalb Steigerungspotenzial sieht.

Vor allem aber kann sich Silvan Wicki jetzt definitiv vom selbst gewählten Attribut seiner ersten EM-Teilnahme 2016 in Amsterdam verabschieden, als er im Vorlauf über 200 m in 21,41 Sekunden sang- und klanglos ausschied. «Damals war ich vom Leistungsniveau her ein Tourist», sagt er. «Meine richtige Karriere fängt erst jetzt an, denn jetzt wissen wir genau, was wir für den Erfolg machen müssen.» Seine Steigerung ist in der Tat bemerkenswert. Noch vor einem Jahr lag die Bestzeit bei 10,43. In dieser Saison steigerte sich der Riehener in fünf Schritten um insgesamt 26 Hundertstel. Im Sprint eine Weltreise.

Erst auf den letzten Metern musste sich Silvan Wicki gegen Alex Wilson an den Schweizer Meisterschaften in Zofingen geschlagen geben.

  

Wie erklärt sich der Student für angewandte Psychologie diese Entwicklung? Der Schlüssel lag, sagt Wicki, beim Beginn der Zusammenarbeit mit Trainer Patrick Saile Ende 2016. Sein Staffelkollege Amaru Schenkel habe ihm damals gesagt, er sei zu mehr fähig. Weil Saile später vom LC Zürich als technischer Leiter zum BTV Aarau wechselte, landete auch Wicki beim Aargauer Vorzeigeverein. Saile teilt sich die Betreuung mit Silvans Mutter Sabine Wicki. Ins Training hat der Basler Sprinter deutlich mehr Krafteinheiten eingebaut.

Der ehemalige Hochspringer, der erst mit 18 Jahren definitiv auf den Sprint setzte, glaubt nicht, dass er sein maximales Leistungsniveau bereits erreicht hat. Zumal ihn seit Monaten eine hartnäckige Entzündung der Ferse im Training behindert. «Der Körper muss sich zuerst noch an meine neue Kraft gewöhnen», sagt Wicki. Sein Fernziel lautet Olympische Spiele. «Wenn es 2020 mit Tokio nicht klappt, dann versuche ich es halt 2024 noch einmal. Ich glaube nicht, dass die 10,17 für mich schon das Ende sind.»

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