Leichtathletik
Erfolg verpflichtet - Die Leichtathletik boomt wie keine andere Sportart im Land

Die Schweizer Athletinnen und Athleten trumpfen international gross auf. Doch ihre Erfolge sorgen für Engpässe in der Heimat.

Rainer Sommerhalder
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Immer mehr Kinder wollen Leichtathletik machen. Und sie nehmen es mit den Grössten auf. Zum Beispiel mit dem Schweizer Sprint-Star Alex Wilson im Vorfeld des Weltklasse Zürich.

Immer mehr Kinder wollen Leichtathletik machen. Und sie nehmen es mit den Grössten auf. Zum Beispiel mit dem Schweizer Sprint-Star Alex Wilson im Vorfeld des Weltklasse Zürich.

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Stellen Sie sich vor, Ihr Kind möchte zur Leichtathletik, findet aber keinen Platz. Das ist bei einigen Vereinen in der Schweiz ein realistisches Szenario. Die Nachfrage im Nachwuchs ist derart gross, dass man entweder einen Aufnahmestopp verfügt hat oder nur noch die Talentiertesten aufnimmt. Leichtathletik ist bei der Jugend wieder en vogue. Erfolg spricht sich herum und beschert dem Landesverband Swiss Athletics ein Luxusproblem – und ein Leben im Hamsterrad.

Präsident Christoph Seiler erklärt diesen Rundlauf des Erfolgs an einem Beispiel: «Immer mehr Nachwuchssportler schaffen es an eine EM oder WM. Und diese Talente sind längst nicht alle vom LC Zürich oder vom ST Bern, sondern stammen von vielen teils auch kleinen Vereinen aus der ganzen Schweiz. Sie alle werden zu Vorbildern und beweisen ihren Kolleginnen und Kollegen, dass eine WM-Teilnahme eine realistische Vorgabe ist. So glauben mehr und mehr junge Leichtathleten daran und arbeiten motiviert dafür.»

Dazu einige Fakten. In diesem Sommer fanden eine U20-Weltmeisterschaft und eine U18-Europameisterschaft statt. Die Schweiz war jeweils mit einem Rekordaufgebot dabei – 22 Startende an der WM, sogar 38 an der EM. Mit sechs gewonnenen Medaillen wurde es der erfolgreichste Sommer des Schweizer Leichtathletik-Nachwuchses. Bereits 2017 feierte die Elite mit dem erstmaligen Aufstieg zu den besten zwölf Teams in Europa einen historischen Erfolg und sammelte der Nachwuchs so viele Medaillen wie nie zuvor.

Christoph Seiler, Präsident von Swiss Athletics und im Hintergrund unter anderem Leichtathletinnen und Leichtathleten.   

Christoph Seiler, Präsident von Swiss Athletics und im Hintergrund unter anderem Leichtathletinnen und Leichtathleten.   

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Mitgliederbeiträge steigen

Die Teamgrössen an internationalen Wettkämpfen haben sich in den letzten zehn Jahren vervielfacht. Bei der am Montag startenden EM der Aktiven in Berlin sind es 52 Athletinnen und Athleten, bei der EM 2002 waren es erst 10. Bei der U23-EM stieg die Schweizer Beteiligung von 13 (2009) auf 34 (2017), bei der U20-EM in der gleichen Zeitspanne von 12 auf 35.

In diesem Jahr erreichten so viele Nachwuchstalente die erforderlichen Limiten für einen Grossanlass, dass man erstmals in der Geschichte der Schweizer Leichtathletik sogenannte «Trials» durchführen musste. In Ausscheidungen nach amerikanischem Muster machten die Sportler in Thun die jeweils zwei EM- und WM-Startplätze pro Disziplin im direkten Duell aus. Die Premiere kam gut an. «Man lernt, sich durchzusetzen», sieht Präsident Seiler einen positiven Aspekt.

Erfolg kostet, und so musste der Schweizer Leichtathletikverband Swiss Athletics jüngst verschiedene Massnahmen ergreifen, um die grösseren Delegationen an internationalen Meisterschaften zu finanzieren und eine angemessene Betreuung der Talente in den nationalen und regionalen Leistungszentren sicherzustellen. Denn auch die verschiedenen Kader wurden aufgrund der steigenden Leistungsdichte deutlich vergrössert. Bereits gibt es je über 100 Athleten im nationalen Elite- und Nachwuchs-Team.

«Man lernt sich durchzusetzen», sagt Seiler angesprochen auf die Trials, welche die Schweizer Leichtathleten auszutragen hatten.   

«Man lernt sich durchzusetzen», sagt Seiler angesprochen auf die Trials, welche die Schweizer Leichtathleten auszutragen hatten.   

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Erfolgsgeschichte des UBS Kids Cup

Die Delegiertenversammlung hat in diesem Frühjahr einer Erhöhung der Mitgliederbeiträge auf 2019 und der Lizenzgebühren auf 2020 zugestimmt. «Der aktuelle Erfolg verpflichtet uns, für die Zukunft nachhaltige Lösungen zu finden. Wir brauchen mehr Ressourcen», sagt Präsident Seiler. «Ein Trainer kann im Winter nicht zweimal für drei Wochen mit seinen Athleten nach Südafrika ins Trainingslager reisen.» Er weist aber darauf hin, dass Leichtathletik noch immer ein sehr günstiger Sport sei.

Es ist für Swiss Athletics und die Vereine eine Herkulesaufgabe, bei der Bereitstellung von qualifizierten Trainern mit der Entwicklung der Anzahl Athleten Schritt zu halten. Alleine 12 Nationaltrainer stehen auf der Lohnliste des Verbandes. Neu gibt es sechs nationale Leistungszentren. Der Trend geht zu kleineren Zellen von Athleten je nach Disziplin. Der Schlüssel zum Erfolg liegt für Swiss Athletics bei der Koordination der Ressourcen. Christoph Seiler gibt zu: «Wir haben teilweise noch Löcher bei der Betreuung, etwa bei den technischen Disziplinen.»

Wo liegen die Gründe dafür, dass eine Sportart, die noch vor 15 Jahren kontinuierlich schrumpfte, zu einem solch gigantischen Höhenflug ansetzen konnte? Das Geheimnis liegt bei der Heim-Europameisterschaft 2014 respektive den in deren Kontext gestarteten Nachwuchsprogrammen. Für einmal war der Slogan «Nachhaltigkeit» tatsächlich mehr als eine PR-Floskel. An vorderster Stelle steht die Erfolgsgeschichte des sogenannten UBS Kids Cup, einem Leichtathletik-Mehrkampf für Schüler.

Christoph Seiler sagt Leichtathletik sei noch immer ein sehr günstiger Sport.   

Christoph Seiler sagt Leichtathletik sei noch immer ein sehr günstiger Sport.   

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Talente aus dem Kids Cup sind Medaillengewinner

Der Wettkampf begann 2011 mit 54 400 Teilnehmenden und ist seither in jedem Jahr auf aktuell 163 644 Kinder gewachsen. Bereits haben Talente aus diesem Wettbewerb für die Schweiz Medaillen gewonnen und stehen auch an der EM in Berlin auf der Startliste. Neben dem Kids Cup haben auch die Programme für jugendliche Sprinter (Swiss Athletics Sprint) und Ausdauer-Läufer (Mille Gruyère) 2017 Rekordteilnahmen verzeichnet. «Mit Regional-, Kantonal- und Schweizer Final sind das bereits sehr kompetitive Formate», sagt Seiler.

Am UBS Kids Cup geht es aber weniger um absolute Zahlen als vielmehr um Talentsichtung. Peter Haas, der Leistungssportchef von Swiss Athletics, hat spezielle Tools für ein aufwendiges Scouting entwickelt, sodass Kinder mit überdurchschnittlichen Leistungen oder Talenten erfasst und aktiv angegangen werden. «Wir möchten dazu beitragen, dass die Vereine angesichts von Wartelisten auf die Richtigen setzen», sagt Haas, «aber wir können das Scouting noch besser nutzen.»

Peter Haas, Chef Leistungssport von Swiss Athletics sagt: «Wir möchten dazu beitragen, dass die Vereine angesichts von Wartelisten auf die Richtigen setzen, aber wir können das Scouting noch besser nutzen.»   

Peter Haas, Chef Leistungssport von Swiss Athletics sagt: «Wir möchten dazu beitragen, dass die Vereine angesichts von Wartelisten auf die Richtigen setzen, aber wir können das Scouting noch besser nutzen.»   

KEYSTONE/PETER SCHNEIDER

In Zürich sind Schweizer die Stars

Die Selbstkritik zeigt, dass man beim Verband weit davon entfernt ist, sich zufrieden zurückzulehnen. «Wir müssen vorhandene Lücken stopfen, die Regionalkader stärken, stufen- und leistungsgerecht fördern und Trainer ausbilden», antwortet der Ende Jahr abtretende Haas ziemlich umfassend auf die Frage nach anstehenden Herausforderungen. Und man sorgt derzeit dafür, dass die Entwicklung auch bei den sogenannten Talent Cards, welche Nachwuchsathleten finanzielle Unterstützung und Dienstleistungen ermöglichen, vom Dachverband Swiss Olympics berücksichtigt wird. Die Anzahl für die Leichtathletik soll um 30 Prozent erhöht werden.

Auch die Veranstalter des Weltklasse Zürich, des grössten Schweizer Leichtathletik-Anlasses, freuen sich über die zunehmende und breitere Konkurrenzfähigkeit der heimischen Athleten. Meeting-Direktor Andreas Hediger hat Spass daran, wenn das Publikum Schweizer Stars zujubelt. Wo sieht er die Herausforderungen für die Schweizer Leichtathletik? «Wir müssen den Erfolg weiterentwickeln und nicht nur unterhalten. Es ist wichtig, zu wissen, an welcher Schraube man als Nächstes drehen muss, damit der Erfolg weitergeht.»

Konkret fordert Hediger mehr qualifizierte Trainer und mehr Ausbildung, «denn im Gegensatz zum Huhn und zum Ei ist hier klar, was auf dem Weg zum Erfolg zuerst kommt. «Nur mit den entsprechenden Trainern werden gute Eier gelegt.»