Vor dem Start in seine 17. Saison auf Weltniveau äussert sich Asafa Powell über seine persönlichen Höhepunkte und Tiefschläge, über die nicht erwünschten russischen Athleten und über seine eigene Vergangenheit als überführter Doper.

Asafa Powell, was machen Sie hier in der Schweiz?

Asafa Powell: Ich liebe es, in der Schweiz zu sein. Ich bin für ein Training mit den Kindern an der Schweizer Meisterschaft engagiert. Und ich bestreite am Mittwoch in Bellinzona mein erstes Rennen in dieser Saison.

Kennen Sie Schweizer Athleten?

Ja, ich kenne einige. Ich kenne Mujinga Kambundji, ich kenne Alex Wilson, ich kenne Sara Atcho. Und ich kenne viele andere Gesichter von Schweizer Athleten, ohne aber die Namen zu wissen.

Asafa Powell: «Ich lebe ein Leben, für das mich viele Leute beneiden.»

  

Sie haben eine grosse Vergangenheit als Sprinter. Was hat Ihnen der Sport für Ihr Leben gegeben?

Die Leichtathletik hat meine Augen für viele Dinge geöffnet. Zuerst einmal ist es mein Beruf. Damit verdiene ich mein Geld. Ich habe durch den Sport viele neue Orte auf dieser Welt entdeckt, viele Leute kennen gelernt und eine Menge über fremde Kulturen erfahren. Ich lebe ein Leben, für das mich viele Leute beneiden.

Sie sind nicht mehr der jüngste Sprinter im Feld. Was wollen Sie als Athlet noch erreichen?

Ich mag Ihre Bezeichnung «nicht mehr der jüngste Athlet» (lacht). Ich liebe es nach wie vor, mich mit den andern Sprintern zu messen. Das ist der Hauptgrund, wieso ich noch immer hier bin. Solange ich auf der Bahn mithalten kann, will ich weiterhin Athlet sein. Ich bin jetzt 97-mal unter zehn Sekunden gelaufen. Erst wenn ich das 100-mal geschafft habe, beginne ich mich mit meinem Rücktritt zu befassen.

Auf welche Ereignisse in Ihrer Karriere blicken Sie am liebsten zurück?

Da wäre der Moment, als ich 2005 in Athen zum ersten Mal den Weltrekord brach und 9,77 Sekunden lief. Und dann mein Weltrekord hier in der Schweiz 2008 in Lausanne, als ich meine persönliche Bestzeit von 9,72 aufstellte. Und natürlich auch unsere Goldmedaille mit Jamaika in der Sprintstaffel bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking, als wir Weltrekord liefen. Das war ein Moment, den wir als Team sehr geniessen konnten.

Jamaikas damaliger Weltrekord an den Olympischen Spielen in Peking: Gelaufen von Asafa Powell (v.l.), Michael Frater, Nesta Carter und Usain Bolt.

  

Und was in Ihrer Karriere möchten Sie am liebsten vergessen?

All die vielen Verletzungen in meiner Karriere. Verletzungen sind der grösste Feind eines Sportlers. Meine Verletzungen haben mir sehr grosse Enttäuschungen in meinem Leben beschert.

Wenn Sie die Leichtathletik von heute mit jener zu Beginn Ihrer internationalen Karriere vergleichen – was hat sich verändert?

Damals gab es viel mehr Wettbewerb in den Sprintrennen: Justin Gatlin, Tyson Gay, Usain Bolt, Johan Blake, ich selber. All diese grossartigen Sprinter duellierten sich sehr hart darum, wer der Schnellste ist, wer die Rennen gewinnt und Weltrekord läuft. Ich habe das Gefühl, dass im Sprint eine Ära zu Ende gegangen ist – nicht nur wegen des Rücktritts von Bolt. Der 100-m-Lauf fesselte die Zuschauer viel mehr als heute, wo die Athleten nicht mehr an die schnellsten Zeiten herankommen.

Wie hat die Leichtathletik den Abschied ihres grossen Stars Usain Bolt verkraftet?

Usain Bolt war während Jahren das Gesicht der Leichtathletik. Er war ein grosser Athlet. Nun wollen die Zuschauer wissen, wer ihn ersetzen kann, wer der nächste grosse Star sein wird. Er kann nicht ersetzt werden. Da fehlt der Leichtathletik derzeit ein wenig: ein grosser Star. Ich sehe auch niemanden, der diese Rolle in naher Zukunft übernehmen könnte.

Usain Bolt sagt Asafa Powell: «Er war ein grosser Athlet.»

  

In den letzten Monaten dominierten in der Leichtathletik die Diskussionen über das Doping in Russland. Finden Sie es in Ordnung, dass die meisten russischen Athleten von den Wettkämpfen ausgeschlossen sind?

Das ist nicht gerade mein Lieblingsthema! Ich denke, jeder Athlet sollte eine faire Beurteilung erhalten. Man muss genau hinschauen, wer wirklich schuldig und wer unschuldig ist. Letztere sollten die Möglichkeit erhalten, Wettkämpfe zu bestreiten. Die Guten sollten nicht unter den Fehlern der Schlechten leiden müssen. Bestrafe jene Athleten, die etwas Unrechtes getan haben, aber bestrafe deswegen nicht alle Athleten.

Sie selber waren in Ihrer Karriere auch mit einer Sperre wegen Doping konfrontiert. Was haben Sie daraus gelernt?

Zuallererst lernte ich, dass dies kein gutes Gefühl ist. Und ich lernte daraus, dass man im Sport sehr, sehr vorsichtig sein muss.

Vorsichtig mit was?

Du musst vorsichtig damit sein, was du isst. Du musst vorsichtig damit sein, was du trinkst. Du musst vorsichtig sein, wer in deiner Nähe ist. Du musst vorsichtig sein, auf wen du hörst. Man kann nie alles unter Kontrolle haben, aber ich habe gelernt, so vorsichtig wie nur möglich zu sein.