Caster Semenya kann in Rio de Janeiro endlich wieder lächeln. Die Südafrikanerin hat die olympische Goldmedaille über 800 m gewonnen – in Landesrekord und Weltjahresbestzeit. Dennoch: Der Jubel ist nicht überschwänglich. Vielleicht ahnt die 25-Jährige, dass ihr Triumph die hitzige Debatte um ihre Person wieder entfachen wird. Denn Caster Semenya gilt als intersexuell.

Sie ist damit allerdings nicht allein. Francine Niyonsaba aus Burundi lief im 800-Meter-Final von Rio zu Silber, die Kenianerin Margaret Nyairera Wambui holte Bronze. Beide gelten – wie Semenya – als intersexuell. Damit waren bei der Siegerehrung im olympischen 800-Meter-Rennen der Frauen drei Athletinnen auf dem Podest, die nicht dem konventionellen Frauenbild entsprechen.

«Man muss endlich etwas machen»

Die intersexuellen Athletinnen stellen die Leichtathletik vor ein grosses Problem, für das es bis heute keine Lösung gibt: Wo lässt man Athleten starten, die nicht ins klassische Schema von Mann oder Frau passen? Lässt man sie überhaupt starten? In der Leichtathletik-Szene wollen sich die meisten Protagonisten nicht eindeutig zu diesem heiklen Thema äussern. Die Schweizer 800-m-Läuferin Selina Büchel, die in Rio den Final als Neunte knapp verpasste, hält sich bedeckt. Obwohl sie bei einem Ausschluss der intersexuellen Athletinnen den Finaleinzug geschafft hätte,sagt sie: «Es ist ein sehr komplexes Thema. Ich bin froh, dass ich nicht darüber entscheiden muss.»

Andere äussern sich hingegen wesentlich forscher. Die Amerikanerin Brenda Martinez etwa, die die Qualifikation für das 800-Meter-Rennen in Rio verpasste, sagt: «Es ist besser für mich, dass ich nicht dabei bin. Denn dort laufen Caster, Francine und Margaret. Da muss man endlich etwas machen.»

Die Debatte um die Intersexualität in der Leichtathletik wurde bereits vor sieben Jahren von Caster Semenya entfacht. Seit die damals 18-Jährige 2009 bei der WM in Berlin auftauchte und aus dem Nichts Weltmeisterin wurde, diskutiert die Fachwelt darüber, ob Semenya eine Frau oder doch ein Mann ist.

Kein Wunder: 1,80 Meter Körpergrösse, breite Schultern, muskulöse Oberarme, kantige Gesichtszüge und eine tiefe Stimme. Dem Publikum, der Konkurrenz und den Offiziellen fiel es schwer, zu glauben, Semenya sei eine Frau. Und so durfte sie an der anschliessenden Pressekonferenz bereits nicht mehr erscheinen. Stattdessen trat der Generalsekretär des Weltleichtathletikverbandes (IAAF) vor die Medien und posaunte in die Welt hinaus: «Es gibt Zweifel, dass diese Lady eine Frau ist.» Ein harter Schlag für die damals 18-Jährige: «Ich war Weltmeisterin, aber ich konnte das nie feiern.»

Von da an begann für Semenya ein Spiessrutenlauf durch die Medien und die sportpolitischen Wirren des Weltleichtathletikverbandes. Zunächst verordnete die IAAF einen Geschlechtstest, dessen Ergebnis jedoch nicht veröffentlicht wurde. Das Resultat gelangte dennoch irgendwie an die Öffentlichkeit: Semenya ist intersexuell. «Ich wurde Opfer einer ungeprüften Untersuchung der intimsten Details meines Ichs», sagt Semenya. Fortan durfte sie während elf Monaten an keinen Wettbewerben mehr teilnehmen.

Die Leichtathletik ist überfordert

Der Fall Semenya zeigte auf, wie überfordert die Leichtathletik mit dem Thema Intersexualität ist. Nachdem Semenya an der WM 2009 blossgestellt worden war, schuf die IAAF auf das Jahr 2011 eine neue Regel für den Frauensport: Wer zu viel Testosteron produziert, darf nicht starten oder muss sich einer Hormontherapie unterziehen. Fortan nahm Semenya Mittel zur Reduzierung ihres Testosteronspiegels, und ihre Leistungen liessen tatsächlich nach: Während sie bei ihrem WM-Titel von Berlin noch eine Zeit von 1:55:45 Minuten lief, pendelten sich ihre Zeiten nach der Einnahme der Hormonpräparate bei rund zwei Minuten ein. Semenyas Kritiker sahen darin den Beweis, dass sie nur dank ihrer hohen Testosteronwerte so schnell gelaufen war. Obwohl die Südafrikanerin von da an rund fünf Sekunden langsamer lief, holte sie dennoch Silber bei den Weltmeisterschaften 2011 und bei den Olympischen Spielen 2012 in London.

Ein Fall für das Sportgericht

Dass Caster Semenya in Rio nun wieder fünf Sekunden schneller war und ihre Gegnerinnen mit 1:55:28 Minuten regelrecht deklassiert hat, liegt mit grosser Wahrscheinlichkeit daran, dass sie seit 2015 wieder ohne künstlich gesenkten Testosteronspiegel läuft. Der Weltleichtathletikverband hatte die Regelung zur Intersexualität wieder aufgehoben, weil die intersexuelle indische Sprinterin Dutee Chand im Juli 2015 vor den Internationalen Sportgerichtshof gezogen war und gegen den Zwang von Hormontherapien geklagt hatte.

Der Internationale Sportgerichtshof in Lausanne gab ihr Recht und veranlasste, dass die Regelung zur Intersexualität nicht nur ausgesetzt, sondern im Sommer 2017 sogar komplett aufgehoben wird, sollten bis dahin keine wissenschaftlichen Beweise «für einen Zusammenhang zwischen erhöhten Testosteronwerten und einer gesteigerten Leistungsfähigkeit bei Sportlern» vorliegen. Der Weltleichtathletikverband hat allerdings angekündigt, die Entscheidungdes Sportgerichtshofs anfechten zu wollen. Die Debatte um das Thema Intersexualität in der Leichtathletik wird also weiter andauern.

Eine faire Lösung ist nicht in Sicht. Letztlich geht es um die Frage, wem in dieser Sache Unrecht widerfährt. Auf der einen Seite sind Athletinnen, denen nicht eindeutig nachgewiesen werden kann, dass sie durch ihren natürlich hohen Testosteronspiegel tatsächlich bevorzugt sind. Sie werden öffentlich blossgestellt durch die Diskussionen über die intimsten Details ihres Körpers und können sich nicht einmal richtig über einen Sieg freuen, da ihre Leistungen nimmer mit Argwohn betrachtet werden. Auf der anderen Seite sind Athletinnen, die gegen Sportlerinnen antreten müssen, die möglicherweise von hormonellen Vorteilen profitieren und dadurch leistungsmässig vermutlich für immer uneinholbar bleiben werden.