Was soll man dazu sagen? Nur einmal in ihrem Leben lief Mujinga Kambundji schneller über die 100 m als am Dienstagabend im Berliner Olympiastadion. Doch zur grossen Enttäuschung aller reichen diese starken 11,05 Sekunden nur zu Rang 4 an den Europameisterschaften.

Kambundji hatte bereits im Vorfeld des Rennens eine Ahnung, was es für einen Podestplatz brauchen würde. «Für eine Medaille muss man unter elf Sekunden laufen», prognostiziert die Bernerin folgerichtig.

Auf den ersten Blick ist dieses Resultat ein Rückschritt zum Auftritt an der EM 2016, als Kambundji in Amsterdam Bronze gewann. Selbst wenn die Zeit diesmal um die kleine Weltreise von zwei Zehntelsekunden besser ist, sieht man am ersten Finalabend im Schweizer Lager vor allem lange Gesichter.

Vom erhofften Startfurioso bleibt wenig übrig. Alex Wilson nicht im Final über 100 m, Julien Wanders auf der letzten Runde des 10 000-m-Laufs aus der Entscheidung gefallen und dann auch noch der ganz grosse Joker neben dem Podest. Es läuft in Berlin noch nicht für die Schweiz.

Eine eigenartige Stimmung

Die Medaille von Kambundji ist beim Verband Swiss Athletics, bei vielen Fans und nicht zuletzt bei ihr selbst fix eingeplant. «Der Lauf war eben nur okay und nicht perfekt», sagt die Bernerin. Zeiten unter elf Sekunden sind bei aller Euphorie um die schnellste Schweizer Sprinterin für sie eben noch nicht Routine.

Die Stimmung in der Mixed Zone des Olympiastadions ist eigenartig gedämpft. Selten hat sich eine Sportlerin nach der zweitbesten Leistung der Karriere so wenig gefreut. Kambundji weiss schon vor dem Final, dass sie als Mitfavoritin ihre Enttäuschung nicht wird verbergen können, falls sie unerwartet leer ausgeht. Schliesslich zeigen im Vorfeld alle Daumen nach oben.

Die Form stimmt, der Schweizer Rekord in Zofingen gibt einen letzten Boost an Selbstvertrauen, die Stärke von Kambundji kommt just jetzt zum Tragen: «Mir liegen Meisterschaften, da kann ich über mich herauswachsen», sagt sie vor der EM. Das war bisher fast immer so. Und versagt hat die Bernerin letztlich auch in Berlin nicht.

Dieser Rückschlag wird noch nicht viel ändern. Erstens gibt es für Kambundji an diesen Titelkämpfen zwei weitere Chancen auf Edelmetall – am Freitag über 200 m, am Sonntag in der Staffel.

Und zweitens bleibt die 26-Jährige trotz der temporären Enttäuschung nach wie vor mehr als eine gewöhnliche Athletin. Ihr herzliches Lachen, ihr heiteres Wesen, ihr natürliches Charisma machen das Berner Meitschi zu einem Aushängeschild des Schweizer Sports. Zum Gesicht der Leichtathletik. Zu Everybody’s Darling.

Bisher kaum Rückschläge

Das Talent der Schweizerin mit kongolesischen Wurzeln ist Fachleuten früh bewusst. Bereits den Migros Sprint für jugendliche Talente gewinnt Kambundji in Serie. Ab 2009 steht die 1.68 m grosse Athletin praktisch jährlich an internationalen Nachwuchs-Meisterschaften im Einsatz, verschafft sich mit starken Leistungen bald einmal Respekt. Auch nach ihrem fulminanten EM-Einstand 2014 in Zürich geht es Schritt für Schritt weiter.

Zweimal WM-Halbfinal 2015, EM-Bronze über 100 m 2016 und als bisheriger Höhepunkt Dritte bei den Hallen-Weltmeisterschaften diesen Winter über 60 m. Auch die Zeiten werden kontinuierlich besser. Zuletzt schnuppert sie mehrmals an der magischen Marke von elf Sekunden, die sie an den Schweizer Meisterschaften am 13. Juli in Zofingen unterbietet (10,95).

Mujinga Kambundji hat für den angestrebten Erfolg in Berlin viel in die Waagschale geworfen. Die 26-Jährige hat gelernt, konsequent zu sein und manchmal auch egoistisch zu denken. Sie hat sich in den letzten Monaten von ihrem Betreuerumfeld emanzipiert und entscheidet heute selbstständiger, was sie vor kurzem noch ihrem Trainer überliess.

Im letzten Herbst trennt sie sich nach vier Jahren vom deutschen Trainer Valerij Bauer, setzt fortan weniger auf Krafttraining und nimmt mehrere Kilos ab. Zwar betont sie in Berlin, dass sie von allen Trainern auf ihrem Weg profitiert hat, «aber in den letzten Monaten habe ich die Sachen geändert, die noch gefehlt haben».

Ihr Entschluss, neue Wege zu gehen, war ein grosses Risiko, brauchte von ihr brutal viel Mut. Schade, hat es sich gestern für sie noch nicht ausbezahlt.