Zweifel sind im Hürdenlauf schnell präsent. Die komplexe Disziplin über die Stadionrunde bedarf vieler Entscheidungen: Wie schnell gehe ich an? Wie lange kann ich welche Schrittzahl zwischen den Hürden halten? Wie viel Reserve baue ich beim Sprung über die letzten Hürden auf der Zielgeraden ein? Lea Sprunger kennt diese Zweifel zur Genüge. Sie begleiten die 28-jährige Waadtländerin, seit sie sich für diese Disziplin entschieden hat.

Und sie tauchten auch in dieser Saison wieder auf. «Ich hatte einen etwas komplizierten Start in die Saison», sagt die 1,83 m grosse Athletin. Die Herausforderung sei danach gewesen, das Vertrauen in sich nicht zu verlieren. «Ich hatte Zweifel, aber ich weiss inzwischen, dass ich im Wettkampf keine haben darf», sagt Sprunger. Um sie zu verdrängen, hat die zweisprachig aufgewachsene Romande intensiv mit ihrem Mentalcoach gearbeitet.

Spätestens seit letztem Sonntag sind diese Zweifel endgültig weggewischt. In der Höhenluft von La Chaux-de-Fonds pulverisierte die Schweizer Leichathletin des Jahres den eigenen Schweizer Rekord über 400 m flach um nicht weniger als 59 Hundertstelsekunden. Die 50,52 Sekunden heben Sprunger auf den ersten Platz der europäischen Bestenliste. Seit 2014 hat sie ihre Bestmarke um drei Sekunden verbessert.

Liebäugeln mit Doppelstart

Der Rekordlauf wirft eine ihr wohlbekannte Frage auf. Sollte sie die Hürden nicht auf die Seite stellen und sich auf die 400 m konzentrieren? Erst recht, weil Sprunger von sich selber sagt: «Ich werde nie ein Rennen gewinnen, weil ich eine gute Technik habe.» Ihre Antwort auf diese ketzerische Frage fällt wie immer überzeugt aus: «Nein, für mich ist sehr klar, dass ich Hürdenläuferin bin. In dieser Disziplin will ich an der EM in Berlin eine Medaille gewinnen.»

Doch das mit ihrem Traumlauf im Neuenburger Jura gewonnene Selbstvertrauen lenkt den Fokus auf eine andere Variante für die EM. Eine, von der ihr Trainer Laurent Meuwly noch unlängst wenig hielt: den Doppelstart über 400 m Hürden und 400 m flach.

Mujinga Kambundji und Lea Sprunger vor weiterem Exploit?

Mujinga Kambundji und Lea Sprunger vor weiterem Exploit?

Die Schweizer Elite überzeugt fünf Wochen vor den EM in Berlin und sorgt mit neun Auftritten für eine starke Präsenz in den Hauptfeldern der Athletissima vom Donnerstagabend in Lausanne. Die Lokalmatadorin Lea Sprunger würde am liebsten gleich nachlegen. Nach ihrer Traumrunde von La Chaux-de-Fonds in 50,52 Sekunden über 400 m flach ist sie in Rekordlaune. Auch Mujinga Kambundji liefert in diesem Jahr zuverlässig Top-Zeiten ab. Die Bernerin läuft auf der Pontaise über 100 m. Vielleicht kann die 26-Jährige nach ihrem Lauf an der Athletissima schon ein Saisonziel abhaken. Kambundji will ihren Schweizer Rekord über 100 m (derzeit 11,07) unter 11 Sekunden senken.

Das würde im Idealfall vier Rennen in vier Tagen bedeuten. Die Möglichkeit, für diesen ausserordentlichen Mut mit zwei Medaillen belohnt zu werden. Aber auch das Risiko, am Schluss mit leeren Händen dazustehen.

Lea Sprungers Lust auf den Flirt mit dieser Herausforderung wird spürbar grösser. An den Schweizer Meisterschaften in zehn Tagen in Zofingen will sie einen Härtetest absolvieren, um zu sehen, wie sie ein solches Mammutprogramm körperlich bewältigt.

«Es ist nicht unglaublich schwierig», prognostiziert Sprunger. Die grösste Herausforderung sieht sie mental: «Im Kopf musst du zu 100 Prozent mit dieser Entscheidung einverstanden sein», sagt die bescheiden auftretende Athletin.

Die offene Rechnung

Der Boost von La Chaux-de-Fonds gibt der EM-Dritten von 2016 auch für ihren Heimauftritt heute Abend beim Diamond-League-Meeting Athletissima in Lausanne zusätzlich Schub. Denn einen Haken hat die Rekordhalterin über 200 m und 400 m auf ihrer To-do-Liste noch zu setzen.

Die nationale Bestmarke über die Hürden hält seit 1991 Anita Protti. Im letzten Jahr scheiterte Sprunger bei der Jagd nach dieser Marke von 54,24 Sekunden in Lausanne hauchdünn um vier Hundertstel.

Heute ist der Rekord fällig, auch wenn die WM-Fünfte des Vorjahres bislang in dieser Saison nie unter 55 Sekunden blieb. «Hochrechnungen» ihrer Leistung in der Uhrenstadt La Chaux-de-Fonds ergeben eine realistische Zeit unter 54 Sekunden. Und genau dies setzt sich Lea Sprunger als Ziel: «Ich fühle viel Selbstvertrauen und gehe das Rennen entspannt an. Ich bin in Form und weiss, dass ich eine 53er-Zeit in den Beinen habe.»

In den nächsten Tagen ist vom starken Schweizer Team einiges zu erwarten. Nach der Athletissima geht es mit Spitzen-Leichtathletik Luzern (9. Juli), den Schweizer Meisterschaften in Zofingen (13./14.) und dem Meeting in Bellinzona (18.) Schlag auf Schlag weiter. Und in Rekordlaune sind neben Sprunger weitere Protagonisten – etwa die Sprinterin Mujinga Kambundji und Alex Wilson oder die 4×100-m-Staffel der Frauen.