Vor der Läuferflut kam das Wasser. Die Überschwemmungen der vergangenen Woche zwangen die Veranstalter des Grand Prix von Bern zu einer kurzfristigen Streckenänderung im Dählhölzli. Neu war der Parcours trotzdem nicht: Für die 34. Austragung konnte auf die ursprüngliche GP-Strecke ausgewichen werden, wie sie bis 2002 gelaufen wurde. Für die Teilnehmer änderte sich damit nicht viel: Es galt 10 Meilen oder gut 16 km zurückzulegen.

Premiere für Abraham

Am schnellsten gelang dies Tadesse Abraham. Der 32-Jährige setzte sich in Bern nach 2005 und 2014 zum dritten Mal durch, erlebte dennoch eine Premiere. Nachdem sein Einbürgerungsgesuch im letzten Jahr rechtzeitig zur Leichtathletik-EM in Zürich gutgeheissen wurde, trat der gebürtige Eritreer beim GP erstmals als Schweizer an. «Deshalb ist dies mein schönster Sieg hier», sagte Abraham, der nach rund zwei Dritteln der Strecke für die Entscheidung sorgte, indem er sich von seinen letzten Begleitern aus Kenia absetzte.

Den Sieg bei den Frauen sicherte sich die Ukrainerin Viktoria Pogorielska, welche die afrikanische Konkurrenz überraschend hinter sich liess. Als beste Schweizerin klassierte sich die Solothurnerin Martina Strähl, die als Fünfte eine neue persönliche Bestzeit (56:43) am GP Bern lief. «Ich bin sehr glücklich mit meinem Rennen», sagte Strähl. Die 28-jährige Berglauf-Spezialistin hat ihr Lauftraining in den letzten Monaten aus gesundheitlichen Gründen deutlich reduziert und setzt umso mehr auf alternative Trainingsformen. «Das zahlt sich aus», sagte Strähl, die seit diesem Frühling in einem 50-Prozent-Pensum als Heilpädagogin arbeitet. «Es tut mir gut, neben dem Sport einen Ausgleich zu haben.»

Regionale Angelegenheit

Neben dem Eliterennen bestätigte sich einmal mehr die herausragende Stellung des GP Bern als Breitensportanlass. Nach dem Teilnehmerrekord vom Vorjahr waren erneut über 30 000 Läuferinnen und Läufer gemeldet, davon mehr als die Hälfte für den 10-Meilen-Lauf. Während gleichentags im Raum Zürich über 10 000 Teilnehmer an der Sola-Stafette im Einsatz standen, behauptete der GP Bern damit die Position an der Spitze des anhaltenden Schweizer Laufbooms. Einzig die zweitägige Course de l’Esplanade in Genf verzeichnet im Dezember jeweils vergleichbare Teilnehmerzahlen, allerdings werden dort insgesamt deutlich weniger Kilometer gelaufen.

Im Unterschied zu den renommierten Städtemarathons ist der Grand Prix von Bern primär eine regionale Angelegenheit. Obwohl die Teilnehmer aus rund 90 Nationen stammen, wohnen 98 Prozent in der Schweiz – und rund zwei Drittel im Kanton Bern. Oder anders formuliert: Jeder 48. Einwohner des Kantons rannte gestern durch die Bundesstadt.