Was ist nur aus der Erbschaft von Weltmeister André Bucher geworden? Seit Jahren darbt die Mittelstrecken-Szene der Männer in der Schweiz vor sich hin. Auch an den aktuellen Europameisterschaften ist der 29-jährige Jan Hochstrasser ein Einzelkämpfer. Einer mit beschränkten sportlichen Perspektiven. Das Überstehen des Vorlaufs wäre bereits eine Sensation.

Louis Heyer ist Nationaltrainer für Mittel- und Langstrecken. Er weiss, dass in der Schweiz kaum je ein Mittelstrecken-Boom entstehen wird. «Es gibt immer nur ein Ausnahmetalent. Derzeit ist es Delia Sclabas bei den Frauen», sagt Heyer, «aber es braucht viel bis zur internationalen Spitze, insbesondere eine sehr gute Belastungsverträglichkeit. Denn das Training eines Mittelstrecklers ist nicht lustig.»

«Versuchen, das Unmögliche zuzulassen»

Für den heutigen Vorlauf von Jan Hochstrasser über 1500 m erwartet der Nationaltrainer keine Wunder: «Die Statistik sagt Jan, dass er realistisch sein muss. Wenn er in den Final kommen will, muss er viele Läufer schlagen, die besser sind als er», sagt Heyer. Dennoch gibt er dem Sohn eines Schweizer Vaters und einer ugandischen Mutter mit auf den Weg, «zu versuchen, das Unmögliche zuzulassen».

Bis vor zwei Jahren war Heyer auch Hochstrassers persönlicher Trainer. Doch die zwei waren sich zu ähnlich, pushten im Training, anstatt zu dosieren. «Jan war oft müde an den Wettkämpfen», sagt Heyer. «Ich bin oft in ein Übertraining gekommen», sagt Hochstrasser.

Bestzeit in Brüssel 

Deshalb unterstützte der Nationaltrainer den Wechsel zum Berner Duo Beat Aeschbacher und Sandra Gasser im Herbst 2016. Für Hochstrasser ging es auch darum, «nicht immer alleine zu trainieren. Hier bin ich in einer Gruppe des ST Bern». Das Gefühl, ein Einzelkämpfer zu sein, schlich sich immer wieder mal ein. Etwa, wenn er die Trainingslager in Arizona ganz alleine organisierte und abwechslungsweise bei den Norwegern, Holländern oder den Deutschen Anschluss suchte.

Nach einer gewissen Angewöhnungszeit scheint die Zusammenarbeit mit dem neuen Trainerduo zu fruchten. Hochstrasser lief diesen Frühling in Brüssel die 1500 m in 3:38,73 so schnell wie noch nie. «Vor allem hat er sich in diesem Rennen etwas zugetraut», sagt Heyer.

Aktiv sein, nicht nur mitlaufen

Den heutigen EM-Vorlauf will Hochstrasser vor allem geniessen. Bei seinem ersten und bisher einzigen EM-Einsatz 2014 in der Schweiz habe er sich unterwegs auf so viele kleine Details konzentriert, «dass ich diesen speziellen Moment komplett verpasst habe». Die Emotionen der Heim-EM gingen so an ihm vorbei. Der Läufer des BTV Aarau hat sich für Berlin vorgenommen, aktiv zu sein und nicht nur mitzulaufen.

Und danach? Jan Hochstrasser weiss es noch nicht. Er wird im Oktober 30, hat soeben sein BWL-Studium abgeschlossen. «Ich will die berufliche Karriere nicht verpassen», sagt er, «andererseits raten mir viele Fachleute, weiterzumachen». Er wird nach Berlin innehalten und tief in sich hineinhören. Nur falls er zum Schluss kommt, eine WM- oder Olympiateilnahme sei möglich, wird er Spitzensportler bleiben. Denn eines ist für Hochstrasser klar: «Ich will nicht Träumen hinterherrennen.»