Leichtathletik
David Rudisha: «Ich bin nach Zürich gekommen, um Weltrekord zu laufen»

Heute Abend bestreitet der Kenianer in Zürich sein einziges Saisonrennen nach seinem Olympiasieg in London. Über seine Ambitionen lässt der 800-m-Dominator keine Unklarheiten aufkommen.

Simon Steiner, Zürich
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Das ist die Zeit, die David Rudisha in Zürich unterbieten will.keystone

Das ist die Zeit, die David Rudisha in Zürich unterbieten will.keystone

Mit seinem Sturmlauf zu Gold, mit dem er nebenbei auch noch gleich seinen eigenen Weltrekord brach, sorgte David Rudisha für die wertvollste Leichtathletik-Leistung an den Olympischen Spielen. Drei Wochen später bestreitet der 23-Jährige heute Abend bei «Weltklasse Zürich» sein erstes Rennen seit London – und sein letztes in dieser Saison.

Wie wichtig ihm der Auftritt im Letzigrund ist, zeigt der Umstand, dass Rudisha seit seinem Olympiatriumph noch nicht zu Hause in Kenia war. Stattdessen bereitete er sich in seiner europäischen Trainingsbasis in Tübingen auf Zürich vor, wo er seine Bestmarke (1:40,91 Minuten) erneut verbessern will – wenn es die äusserst unsicheren Wetterverhältnisse erlauben. Im Unterschied zum Olympiarennen kann Rudisha heute auf die Unterstützung eines «Hasen» zählen. Auf den ersten 400 m gibt ihm sein Landsmann und Edeltempomacher Sammy Tamui den Takt vor.

Wie überrascht waren Sie, als Sie an den Olympischen Spielen realisierten, dass Sie Weltrekord gelaufen waren?

David Rudisha: Damit hatte ich tatsächlich nicht gerechnet. Nach meiner guten Vorbereitung wusste ich, dass ich gut in Form war, und war ziemlich zuversichtlich, dass ich das Rennen würde gewinnen können. Mein einziges Ziel war es, die Goldmedaille zu gewinnen. Zu diesem Zweck wollte ich an der Spitze mein eigenes Rennen laufen. Ich dachte, dass der olympische Rekord von 1:42,58 aus dem Jahr 1996 drinliegen könnte. Und dann leuchtete auf der Anzeigetafel im Ziel Weltrekord auf – ein unglaublicher Moment.

Mit dem Olympiasieg haben Sie Ihren Vater übertroffen, der 1968 eine Silbermedaille mit der 4x400-m-Staffel gewann. Hat Sie dieses Ziel angespornt?

Mein Vater war eine grosse Inspirationsquelle für mich. Als Bub habe ich seine Silbermedaille gesehen und davon geträumt, auch einmal eine Olympia-Medaille zu gewinnen. Dass ich zu laufen begann, freute meinen Vater sehr. Er hat mich immer unterstützt und gesagt, ich solle noch härter trainieren. Nach meinem Olympiasieg habe ich mit ihm telefoniert, und er hat mir gesagt, er sei stolz auf mich. In einer Beziehung habe ich ihn aber noch nicht übertroffen. Zu seiner 400-m-Bestzeit von 45,4 fehlt mir immer noch eine Zehntelssekunde...

Sie haben einst selber als 400-m-Läufer begonnen. Können Sie sich vorstellen, wieder auf diese Distanz zu wechseln?

Nein. Ich bestreite zwar 400-m-Läufe, aber nur als Teil meiner Vorbereitung für die 800 m. Es ist schwierig genug, für die doppelte Bahnrunde zu trainieren. Wir 800-m-Läufer sind weder richtige Sprinter noch Ausdauerathleten, aber doch beides ein wenig. Das ist es, was diese Disziplin so schwierig und so hart macht.

Der frühere Weltrekordhalter Sebastian Coe hat Ihnen in London als OK-Chef der Olympischen Spiele noch im Stadion gratuliert. Ein spezieller Moment?

Auf jeden Fall. Coe war in meiner Jugend wie auch mein direkter Weltrekord-Vorgänger Wilson Kipketer ein grosses Vorbild für mich. Bei habe die 800 m zu ihrer Zeit dominiert – aber Olympiasieger wurden sie über diese Distanz nie. Das macht meine Goldmedaille von London für mich umso wertvoller.

Sie sind der erste Weltmeister aus dem Volk der Massai. Ist man in Ihrer Heimat stolz auf Sie?

Wir sind ein kleines Volk, deshalb ist ein Olympiasieg für uns etwas sehr Spezielles. Ich bin stolz, die Massai ausserhalb unseres Landes repräsentieren zu dürfen. Nach meiner Rückkehr wird es in meiner Heimat sicher ein grosses Fest geben.

Nach Ihrem Rennen in Zürich kehren Sie nach Kenia zurück. Worauf freuen Sie sich am meisten?

Auf meine Familie – und besonders auf das Wiedersehen mit meinem Vater. Jetzt sind wir zwei Olympia-Medaillengewinner in der Familie! Zuerst konzentriere ich mich auf das Rennen hier in Zürich.

Glauben Sie, dass Sie Ihren Weltrekord im Letzigrund nochmals verbessern können?

Dafür bin ich nach Zürich gekommen. Das habe ich mit meinen Betreuern schon im Frühling so geplant. Das Ziel für London war die Goldmedaille, jenes für Zürich der Weltrekord. Ich bin überzeugt, dass ich eine Zeit um 1:40,5 laufen kann. Damit das gelingt, muss aber alles stimmen. Die Wetterbedingungen werden eine wichtige Rolle spielen.

In London sind Sie erstmals unter 1:41 gelaufen. Könnte die 1:40-Minuten-Marke für Sie einmal zum Thema werden?

Das Ziel für dieses Jahr war es, die 1:41er-Grenze zu knacken. Unter 1:40 ist im Moment noch nicht realistisch. Aber ich halte es für möglich, dies in Zukunft zu schaffen.

Heute laufen Sie mit Tempomacher. Bringt dies Sie mit Ihrem langen Schritt nicht eher aus dem Rhythmus, als dass es Ihnen hilft?

Das funktioniert tatsächlich nicht mit jedem gleich gut. Sammy Tamui aber hat eine ähnliche Schrittlänge und ein exzellentes Tempogefühl. Schon als ich 2008 erstmals mit ihm lief, sagte ich ihm, dass ich ihn in Zukunft wieder brauchen würde. Seither sind wir mehrmals zusammen gelaufen. Ich vertraue ihm, obwohl wir dieses Jahr wegen Olympia kaum zusammen trainiert haben.