Leichtathletik
Altes Blut in neuen Schläuchen: 12'000 Bluttests neu ausgewertet

Ein Dopingskandal soll die Leichtathletikszene erschüttern, hiess es in den Schlagzeilen über die ARD-Dokumentation «Geheimsache Doping: Im Schattenreich der Leichtathletik». Die jüngsten Vorwürfe zeigen: Der Kampf gegen Doping bleibt schwierig.

Simon Steiner
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Nicht jeder Leichtathlet hat reines Blut – der Dopingnachweis gelingt aber immer noch in vielen Fällen nicht.

Nicht jeder Leichtathlet hat reines Blut – der Dopingnachweis gelingt aber immer noch in vielen Fällen nicht.

KEYSTONE

Der Sturm der Empörung liess nicht auf sich warten. Die Leichtathletik werde durch einen neuen Dopingskandal erschüttert, hiess es in den Schlagzeilen über die ARD-Dokumentation «Geheimsache Doping: Im Schattenreich der Leichtathletik», die am Wochenende ausgestrahlt wurde. Darin kam insbesondere die IAAF schlecht weg: Der Leichtathletik-Weltverband soll eine grosse Zahl von Blutproben mit verdächtigen Werten geheim gehalten und nicht sanktioniert haben. Von Zuständen wie vor 20 Jahren im damals hochgradig dopingverseuchten Radsport war die Rede.

Die ARD und die «Sunday Times» haben die Ergebnisse von 12'000 Bluttests von rund 5000 Athleten aus der IAAF-Datenbank ausgewertet. Unter ihnen sollen 800 Sportler mit dopingverdächtigen Werten sein, die von 2001 bis 2012 bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften in Ausdauerdisziplinen gestartet sind. Nur gegen einen Drittel von ihnen soll jedoch ein Verfahren eröffnet worden sein. «Ich habe noch nie so alarmierende, unnormale Blutwerte gesehen», sagte Robin Parisotto. Der australische Anti-Doping-Experte Parisotto und sein Landsmann Michael Ashenden hatten die Daten unabhängig voneinander analysiert und kamen zum Schluss, dass es bei einem Siebtel der Proben Hinweise auf Dopingvergehen gebe.

Namen von Athleten wurden in der Dokumentation keine genannt. Rund die Hälfte der verdächtigen Sportler soll aber aus Russland stammen, stark betroffen ist offenbar auch der kenianische Verband. Das überrascht nicht: Bereits im vergangenen Dezember hatte eine ARD-Dokumentation über systematisches Doping und Korruption im russischen Sport weltweit für Aufsehen gesorgt. Als Kronzeugen traten damals Mittelstreckenläuferin Julia Stepanowa und ihr Ehemann Witali Stepanow, ehemaliger Mitarbeiter der russischen Anti-Doping-Agentur Rusada, auf.

Dass Doping unter kenianischen Topathleten keine Seltenheit ist, ist ebenfalls seit längerer Zeit belegt. Bis heute existiert in Kenia keine funktionierende Anti-Doping-Behörde. Die überführte Spitzen-Marathonläuferin Rita Jeptoo sagt in der ARD-Reportage, sie habe in Kenia seit 2006 nicht einmal einen Bluttest machen müssen.

Kaum neue Erkenntnisse

Die Recherche-Ergebnisse sind denn im Kern auch nicht wirklich neu. Dass die internationale Leichtathletik ein Doping-Problem hatte und noch immer hat, ist hinlänglich bekannt. Sogar die Zahl der verdächtigen Proben ist bei genauerer Betrachtung weniger skandalträchtig, als es den Anschein machen könnte. Der «Tages-Anzeiger» weist darauf hin, dass das Anti-Doping-Labor in Lausanne vor vier Jahren in einer Untersuchung von Leichtathletik-Blutproben aus den Jahren 2001 bis 2009 auf einen ähnlich hohen Anteil von verdächtigen Athleten kam wie die beiden australischen Experten – nämlich rund 14 Prozent.

Überraschender als die Aussage der Dokumentation selber ist vor diesem Hintergrund die Reaktion der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada auf die Vorwürfe. «Das ist sehr alarmierend», sagte der schottische Wada-Präsident Craig Reedie. «Wir sind verstört über das Ausmass der wilden Anschuldigungen. Das Fundament eines jeden sauberen Athleten weltweit wird erneut erschüttert.» Die Wada hatte bereits Anfang Jahr eine Kommission unter der Führung ihres früheren Präsidenten Richard Pound beauftragt, die Rolle der IAAF im Zusammenhang mit den Vorwürfen gegen die russische Leichtathletik zu untersuchen. «Ich hatte gehofft, den Bericht im September fertig zu haben», sagte Pound. «Nun sieht es so aus, als würde es noch etwas länger dauern.»

Eine Verschwörung wittert dagegen IAAF-Präsident Lamine Diack. Die Vorwürfe seien eine «gezielte Kampagne, um die Medaillen neu vergeben zu können», sagte der umstrittene Senegalese, der sein Amt Ende August nach 16 Jahren abgeben wird. «Die IAAF wird alle Fragen beantworten.» Der Leichtathletik-Weltverband war in der Vergangenheit trotz gegenteiliger Beteuerungen nicht durch entschlossenes Durchgreifen im Zusammenhang mit der Dopingproblematik aufgefallen. Der zuständige ARD-Redaktor Hajo Seppelt monierte, der Verband habe seine Arbeit behindert. «Wir haben auch vor diesem Film wieder ein Schreiben der Anwälte der IAAF bekommen. Wir sollten unterschreiben, dass wir bestimmte Informationen nicht öffentlich machen.»

Keine handfesten Beweise

Allein kann die IAAF das Problem allerdings nicht lösen. Den meisten verdächtigen Blutproben dürfte zwar tatsächlich ein Dopingvergehen zugrunde liegen. Für einen juristisch haltbaren Nachweis dürften die Daten jedoch in den wenigsten Fällen genügen. «Es handelt sich um verdächtige Werte, aber längst keine Beweise», sagte der Schwede Arne Ljungqvist, früherer Vizepräsident bei der IAAF wie bei der Wada, gegenüber der Zeitung «Expressen». Die IAAF selber teilte gestern mit, sie habe die Daten verwendet, um zielgerichtete Trainingskontrollen durchzuführen.

Erst recht schwierig ist der Dopingnachweis, da es sich um alte Proben handelt. Blutpässe, mit denen sich die Entwicklung der Werte von Athleten über eine längere Zeitdauer verfolgen lassen, führt der Leichtathletik-Verband erst seit der Saison 2010. Zuvor taugten aus dem Zusammenhang gerissene Blutwerte bestenfalls als Indizien für ein mögliches Dopingvergehen, aber keineswegs als Beweis. Mit dem Blutpass ist der Anti-Doping-Kampf seither einen Schritt weitergekommen, obwohl auch damit längst nicht alles ans Licht kommt. So hat in den letzten Jahren ein Trend hin zur Mikrodosierung stattgefunden. Das heisst, dass Athleten über das ganze Jahr hinweg Dopingmittel in kaum nachweisbaren Dosen zu sich nehmen, um kurzfristige, auffällige Veränderungen im Blutbild zu vermeiden.

Die ARD-Dokumentation verweist zudem auf das Problem, dass international nach wie vor kein einheitliches Doping-Kontrollsystem existiert. Erschwert wird die Dopingbekämpfung zudem durch die Tatsache, dass die Wada und die meisten nationalen Subagenturen zum Grossteil von den Sportverbänden selber getragen werden, die immer auch wirtschaftliche Interessen verfolgen.