Leichtathletik-Meeting in Genf
Olympia kann kommen: Schweizer Läuferinnen zaubern Topzeiten auf die Bahn

Einen dreifachen Sieg gegen starke internationale Konkurrenz hat es in einem 100-m-Sprint der Frauen noch nie gegeben. Mujinga Kambundji, Salomé Kora und Ajla Del Ponte machen es möglich

Rainer Sommerhalder
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Die zweifache holländische Weltmeisterin Dafne Schippers hat gegen Mujinga Kambundji, Salomé Kora und Ajla Del Ponte das Nachsehen.

Die zweifache holländische Weltmeisterin Dafne Schippers hat gegen Mujinga Kambundji, Salomé Kora und Ajla Del Ponte das Nachsehen.

Martial Trezzini / KEYSTONE

Zwei Wochen vor Ende der Limitenjagd dürfen immer mehr Schweizer Leichtathletinnen und Leichtathleten von einem Start bei den Olympischen Spielen in Tokio träumen. In Genf zünden etliche Aushängeschilder von Swiss Athletics ein Feuerwerk. Fünf Geschichten zum bislang besten Meeting des Jahres auf Schweizer Boden.

1. Die Weltmeisterin dreifach abgetrocknet

Supersprinterin Dafne Schippers aus Holland ist der grösste internationale Star in Genf. Doch die zweifache Weltmeisterin sieht im Rennen nur den Rücken von drei Schweizerinnen. Mujinga Kambundji sorgt mit ihrem Sieg in 11,07 Sekunden dafür, dass die Schweizer Hierarchie gewahrt bleibt. Erst viermal war sie über 100 m schneller. Ins gross angekündigte Duell Kambundji gegen Ajla Del Ponte greift die St. Gallerin Salomé Kora ein. Und wie! Die 27-Jährige läuft mit 11,12 so schnell wie nie zuvor.

Selbst wenn ihr nur Platz 3 bleibt und sie nach dem Rennen sagt, sie sei nach ihrer Corona-Erkrankung noch nicht in Topform, kann auch die Tessinerin Del Ponte zufrieden sein. Man darf nicht vergessen, dass die 11,18 auch für den Shooting-Star der vergangenen Saison die viertbeste Zeit der Karriere bedeuten. Kora fasst die Bedeutung des Resultats perfekt zusammen: «Wenn mir jemand vor einem Jahr gesagt hätte, dass drei Schweizerinnen in einem Rennen unter 11,20 bleiben, ich hätte ihn für verrückt erklärt».

Dass die Sprinterinnen auch als Team harmonieren, beweisen sie mit einer Jahresweltbestleistung in der Staffel (42,42). Auch dort geht noch mehr, wie Kambundji feststellt: «Der Wechsel von mir auf Salomé war nicht ideal». Steigerungspotenzial sieht die WM-Dritte über 200 m auch im Einzelrennen: «Der Lauf war okay, aber nicht überragend. Ich habe noch Reserven».

2. Kleine Schwester sorgt für Kambundji-Show

In Genf winkt die Familie Kambundji doppelt vom obersten Podest. Die erst 19-jährige Ditaji senkt ihre persönliche Bestzeit im Hürdensprint zum zweiten Mal in dieser Saison auf neu 12,94. Damit fehlt noch eine Zehntelsekunde zur Olympialimite. «Ich spüre, dass ich noch schnellere Zeiten in den Beinen habe», sagte die jüngere Schwester von Mujinga selbstbewusst. Und dies, obwohl sie derzeit mitten im ersten Teil ihrer Maturaprüfungen steckt.

Ditaji Kambundji über 100 m Hürden so schnell wie noch nie. Und die 19-Jährige sagt: «Ich kann noch schneller».

Ditaji Kambundji über 100 m Hürden so schnell wie noch nie. Und die 19-Jährige sagt: «Ich kann noch schneller».

Martial Trezzini / KEYSTONE

3. Das Comeback von Doktor Kariem Hussein

Viele haben den Europameister von 2014 abgeschrieben, doch der inzwischen 32-jährige Kariem Hussein hat weiterhin hohe Ziele und offensichtlich auch das Potenzial dazu. Nur einmal lief er in den drei vergangenen Jahren schneller als am Wochenende in Genf. Mit der Zeit von 49,29 nähert sich der Hürdenläufer, der Teilzeit als Arzt arbeitet, der Olympialimite (48,90) in grossen Schritten. Und dies in einem Rennen, das für Hussein eine Schrecksekunde beinhaltet. Nach der achten Hürde übertritt er sich heftig den linken Fuss und humpelt nach dem Zieleinlauf beträchtlich. Jetzt hofft Hussein, dass er die beiden verbleibenden Chancen auf seine zweiten Olympischen Spiele in einer Woche bei der Team-EM und in 14 Tagen an den Schweizer Meisterschaften wahrnehmen kann.

Hürdenläufer Kariem Hussein nähert sich wieder seinen besten Zeiten.

Hürdenläufer Kariem Hussein nähert sich wieder seinen besten Zeiten.

Martial Trezzini / KEYSTONE

4. Schweizerinnen über 800 m neu in Teamstärke

Langezeit war die Toggenburgerin Selina Büchel über 800 m eine – höchst erfolgreiche – Einzelkämpferin. Doch inzwischen könnte die Schweiz über diese Distanz eine vielversprechende Staffel stellen, wenn es dieses Format denn gäbe. Lore Hoffmann verpasst den Sieg in Genf nur um acht Hundertstelsekunden. Die 24-jährige Walliserin mit französischen Eltern läuft in 2:00,29 die zweitschnellste Zeit ihrer Karriere. Das gleiche gilt für die erst 20-jährige Bernerin Delia Sclabas. Auch die vierfache Nachwuchs-Europameisterin war erst einmal schneller als 2:01,79. Die erstaunlichste Marke des Tages liefert allerdings ein noch jüngeres Talent aus dem Aargau. Die 18-jährige Valentina Rosamilia verbessert ihre Bestzeit um unglaubliche 2,2 Sekunden auf 2:02,38.

Hundertstel-Krimi mit Loire Hoffmann (Mitte) auf Platz 2 im Rennen über 800 Meter.

Hundertstel-Krimi mit Loire Hoffmann (Mitte) auf Platz 2 im Rennen über 800 Meter.

Martial Trezzini / KEYSTONE

5. Das Rätsel der Saison heisst Jason Joseph

Der Baselbieter Hürdensprinter Jason Joseph hat sich der Weltspitze in den vergangenen Jahren kontinuierlich genähert. Und in diesem Frühjahr mehrere Monate beim renommierten US-Sprinttrainer Rana Reider trainiert. Joseph träumte laut und überzeugt vom nächsten Schritt nach vorne. Der 22-Jährige fühlte sich stark wie noch nie. Das Problem dabei? Die Zeiten sprechen eine andere Sprache. In jedem seiner bislang vier Einsätze blieb er weit hinter seinen Bestleistungen zurück. Im Final von Genf liefert Joseph rätselhafte 13,88 ab. Das entspricht in etwa dem Leistungsstand von 2017. «Ich bin absolut ratlos und habe keine Ahnung, an was es liegt. Es gibt irgendeine Schraube, an der ich drehen muss, aber ich weiss nicht welche», sagt Joseph entwaffnend ehrlich. Er müsse jetzt auch verhindern, dass er mit möglichen Massnahmen die Situation verschlimmbessert.

Jason Joseph quält sich derzeit über die Hürden und weiss nicht, an was es liegt.

Jason Joseph quält sich derzeit über die Hürden und weiss nicht, an was es liegt.

Martial Trezzini / KEYSTONE

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