«Durchziehen, durchziehen», ruft Christian Oberer von der Tribüne aus Alex Wilson zu. Pfeilschnell rast der Basler Sprinter mit jamaikanischen Wurzeln auf der Schützenmatte an seinem Vereins-Trainer der Old Boys Basel vorbei. «Haben Sie gesehen? Den letzten Schritt hat er wieder nicht durchgezogen», sagt der 73-jährige Oberer schmunzelnd. «Ich sage Alex immer, das Ziel ist drei Meter nach der Linie», fügt er lachend an.

Damals zarte 15 Jahre alt

Vor neun Jahren – kurz, nachdem er in die Schweiz gekommen ist – kam der damals 15-jährige Wilson zum ersten Mal ins Training von Oberer. Seine Turnlehrerin hatte seine Schnelligkeit erkannt und ihn daraufhin ins Leichtathletik-Training geschickt. «Wir haben natürlich schnell gesehen, dass dieser Junge das Zeug zum Sprinter hat», erinnert sich sein Trainer, der heute mehr eine Berater-Funktion hat.

Keine leichte Integration

Die Integration fiel zu Beginn nicht leicht, vor allem aufgrund der sprachlichen Barrieren, die Wilson aber erstaunlich schnell überwinden konnte. «Im Verein haben wir gut auf ihn geschaut. Er wäre in seinem Leben nicht da, wo er jetzt ist, ohne Leichtathletik», erklärt Oberer, der schon 50 Jahre Trainer ist, stolz. So kam Wilson dank des Sports ziemlich gut über die Runden. Nach der Schule machte er eine Lehre als Landschaftsgärtner, absolvierte die Sportler-RS und ist nun Profi mit Olympia-Erfahrung und steht vor seiner Heim-EM.

Schneller Aufstieg

Den schnellen Aufstieg hat der bald 24-jährige Sprinter auch seinem Trainer zu verdanken. Wilson hat mit seinem Potenzial Oberer früh überzeugt. «Ich wusste, dass er sich schnell verbessern kann, wenn wir an seiner Technik arbeiten», sagt Oberer und ergänzt lachend: «Er hatte eine unmögliche Technik.»
Trotzdem entwickelte sich der gebürtige Jamaikaner innert weniger Jahre zu einem der Top-Sprinter der Schweiz. «Ich habe ihm gesagt, wenn du in deinem Leben weiterkommen willst, setze auf den Sport», sagt Oberer. Dies hat sich Wilson zu Herzen genommen. «Es war nicht immer einfach, aber wir haben viel gelacht. Nun ist er viel selbstständiger als damals», sagt Oberer. Neben Trainer, Berater und Mentor ist Oberer auch ein guter Freund. Noch heute haben die beiden täglich Kontakt miteinander Für Wilson ist der 73-Jährige mehr, als nur ein Trainer.

Mit Willen und Fokus

Wilson hatte schon früh grosse Ziele. «2008 hat er mir gesagt, er wolle 2012 an den Olympischen Spielen starten. Viele haben darüber gelächelt und ihn ‹Bluffer› genannt», sagt Oberer. Aber siehe da, in London schaffte es der ehrgeizige Sprinter in den 200-Meter-Halbfinal. «Er konnte sich immer auf ein Ziel fokussieren», sagt sein Trainer.
Über Wilsons Ziele an der EM in Zürich haben die beiden noch nicht gesprochen. Ein Platz im Halbfinal des 200-MeterRennens sollte machbar sein. «Er hat sicher auch den Final im Hinterkopf, auch mit der Staffel», sagt Oberer. «Wenn es gut läuft, traue ich ihm das auch zu.» Er muss es wissen.