Leichtathletik
Eine Folge der Schweizer Rekorde: Die Ansprüche an Del Ponte und Co. steigen

Eine Woche nach ihren Exploits in La Chaux-de-Fonds liefern Jason Joseph und Ajla Del Ponte auch beim Meeting in Bern ab. An die Tatsache, dass nicht jedes Rennen noch schneller sein kann, müssen sich Publikum, Medien und Athleten aber zuerst gewöhnen.

Rainer Sommerhalder
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Ajla Del Ponte knackt die 11-Sekunden-Marke knapp nicht und muss sich dafür rechtfertigen.

Ajla Del Ponte knackt die 11-Sekunden-Marke knapp nicht und muss sich dafür rechtfertigen.

Ulf Schiller / KEYSTONE

Alle Augen waren auf sie gerichtet. Eine Woche nach ihren Schweizer Rekorden in der Höhenlage von La Chaux-de-Fonds ging es bei Ajla Del Ponte und Jason Joseph beim Citius-Meeting in Bern um die Bestätigung. Diese gelang mit je einem souveränen Sieg und zwei Topzeiten, auch wenn an den Rekordmarken nicht zu rütteln war.

«Ich weiss, dass die Leute als Folge meiner Leistungen höhere Erwartungen entwickeln. Mir selber geht es ja auch so», sagte Ajla Del Ponte. Selbst beim TV-Auftritt drehten sich die Fragen um dieses Thema. Es machte den Eindruck, als müsste sich die Olympia-Fünfte über 100 m für ihre Zeit von 11,04 rechtfertigen.

Aber auch dies gelang der 25-Jährigen formidabel. «Vor Tokio wäre dies eine persönliche Bestzeit gewesen», rückte die Tessinerin die Realitäten ins rechte Licht. «Ich weiss, dass ich mit den Weltbesten mitlaufen kann». Das nächste Mal am Donnerstag in Lausanne bei Athletissima im direkten Duell mit Mujinga Kambundji.

Joseph rammt die Hürde und läuft trotzdem so schnell wie erst einmal

Auch Jason Joseph lieferte in Bern ab. Vor dem Exploit im Jura hätten die 13,28 Schweizer Rekord bedeutet. So aber huschte nach dem Zieleinlauf für einen Augenblick so etwas wie Enttäuschung übers Gesicht des 22-Jährigen. Er habe die sechste Hürde niedergerissen und danach bis ins Ziel mit den Folgen dieses abrupten Bremsers gekämpft. «Sonst wäre ich auch heute unter 13,20 geblieben», prognostizierte der Baselbieter.

Ein Hauch von Enttäuschung in Jason Josephs Gesicht trotz Topzeit.

Ein Hauch von Enttäuschung in Jason Josephs Gesicht trotz Topzeit.

Ulf Schiller / KEYSTONE

Es sei mehr die Enttäuschung darüber gewesen, dass er nicht sauber durchgekommen ist. Die Geschwindigkeit wurde dadurch zwar gebremst, nicht aber Josephs Selbstvertrauen. «Mein Rekord ist nicht mit La Chaux-de-Fonds zu begründen, sondern mit meinen Beinen». Die aktuelle Form gebe ihm grosse Zuversicht für die EM und WM im kommenden Jahr.

William Reais auf seinem besten Niveau

Jason Josephs dickster Athletenfreund und gleichzeitig eine grosse Zukunftshoffnung der Schweizer Leichtathletik fliegt oft noch etwas unter dem Radar. So auch in Bern, wo der Bündner William Reais bereits im Vorprogramm für eine Topleistung besorgt war. Nur ein einziges Mal war der 22-Jährige in seiner Paradedisziplin 200 m minim schneller. Die 20,24 sind ein Empfehlungsschreiben mehr, dass der Olympia-Halbfinalist neben dem Startplatz bei Athletissima in Lausanne auch Mitte September bei Weltklasse Zürich im Hauptfeld Unterschlupf finden sollte.

William Reais (rechts) war in Bern der Schnellste der drei Schweizer Topsprinter mit Silvan Wicki und Ricky Petrucciani.

William Reais (rechts) war in Bern der Schnellste der drei Schweizer Topsprinter mit Silvan Wicki und Ricky Petrucciani.

Urs Lindt / freshfocus

Reais absolvierte beim Citius-Meeting im Wankdorf einen Doppelstart. Und über 100 m lief es ihm trotz Aussenbahn direkt dem Zaun entlang noch besser. Die 10,22 bedeuteten persönliche Bestzeit und Schweizer U23-Rekord. «Ich bin sehr zufrieden. Die Form stimmt», sagte William Reais. Und als wären zwei Rennen innert zwei Stunden der Anstrengung nicht genug, griff der 22-Jährige anschliessend den Helfern beim Aufräumen tatkräftig unter die Arme.

Lea Sprunger: Nur nicht weinen vor dem Start

Bei Hürden-Europameisterin Lea Sprunger ist der Countdown im vollen Gang. Die 31-Jährige absolvierte in Bern das viertletzte Rennen ihrer Abschiedstour. Und dies in 54,51 mit der viertschnellsten Zeit ihrer Karriere. Doch Sprunger ist überzeugt, dass da noch mehr geht. Das Rennen sei bei weitem nicht perfekt gewesen. Sie sei im ersten Abschnitt zu passiv gelaufen, übte die Romande Selbstkritik. Am Donnerstag beim Diamond-League-Meeting in Lausanne will sie es besser machen.

Lea Sprunger spürt auf ihrer Abschiedstournee die Emotionen stärker als ihr lieb ist.

Lea Sprunger spürt auf ihrer Abschiedstournee die Emotionen stärker als ihr lieb ist.

Urs Lindt / freshfocus

Wobei sie schier am Schluss ihrer grossen Karriere mit ganz neuen Nebenwirkungen zu kämpfen hat. Die körperlichen Beschwerden von Anfang Saison sind zwar überwunden und die guten Wettkampfleistungen Folge des beständigen Trainings. Aber den emotionalen Faktor ihrer Tour de Suisse hat Sprunger unterschätzt. «Ich kann ja nicht bei jedem Rennen mit Tränen in den Augen an den Start gehen wie in La Chaux-de-Fonds», sagte Sprunger. Diesmal sei es zwar besser gewesen, aber im Hinblick auf den Heimauftritt in Lausanne habe sie Respekt vor einem möglichen Gefühlsausbruch zur Unzeit.

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