Leeres Stadion, Kakerlaken und Schimmel im Hotelzimmer: Leichtathleten kritisieren WM-Gastgeber scharf

Die Leichtathletik-Titelkämpfe in der Wüste als einziges Fiasko? Es lohnt sich, das Bild der «Grüsel-WM» differenziert zu betrachten.

Rainer Sommerhalder aus Doha
Drucken
Teilen
Sehen so 70 Prozent Auslastung des Stadions aus? Die Wahrheit liegt irgendwo zwischen Schönfärben und Schwarzmalen. Bild Keystone (Bild: KEYSTONE)

Sehen so 70 Prozent Auslastung des Stadions aus? Die Wahrheit liegt irgendwo zwischen Schönfärben und Schwarzmalen. Bild Keystone (Bild: KEYSTONE)

Kakerlaken unter dem Bett, Schimmel im Badezimmer, Hotelessen als Ablöscher, Stadion ohne Zuschauer, Marathonstart ohne Verantwortung – schlicht unhaltbare Zustände an den Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Katar. Mehrere Sportlerinnen und Sportler schiessen in sozialen Medien scharf gegen den WM-Austragungsort. Und die traditionelle Presse nimmt heutzutage mit Handkuss auf, was sich auf Facebook, Twitter oder Instagram erfolgreich verbreitet.

Nicht alle Horrorstorys aus dem Reich der Ölscheichs halten dem Faktencheck stand. Es gibt umgekehrt auch keinen Grund, das mit Vehemenz nach sportlicher Bedeutung strebende Land mit Kritik zu schonen. Wer seine Grossanlässe nach Katar vergibt, darf Fragen nach Menschenrechten, der Rolle der Frauen, den klimatischen Bedingungen und dem generellen Stellenwert des Sports nicht scheuen. Und die Antworten werden ihm nicht immer gefallen.

Katar sonnt sich gerne in seinem Reichtum. Doch hinter der Fassade fällt der Glanz schnell einmal ab. Diese Feststellung gilt für fast alle Bereiche des öffentlichen Lebens und es widerspiegelt die sozialen Verhältnisse im Land. Doch wie sieht es nun bei den sogenannten WM-Skandalen aus:

Kakerlaken im Hotel: Alles halb so schlimm

Manchmal ist es auch einfach eine Frage der Perspektive. Die kenianische Delegation etwa hat sich gestern beim Veranstalter für die ausgezeichnete Unterbringung bedankt! Viele Westeuropäer hingegen jammern lautstark und verbreiten sogar Videos von heruntergekommenen Treppenhäusen in den Hotels oder von Unterschieden zwischen Prospekt und Realität. «Je weiter oben im Hotel man ankommt, umso schlimmer sind die Zustände», meint die Schweizer Sprinterin Sarah Atcho. Spitzensportchef Philipp Bandi sagt: «Es ist nicht so dramatisch, wie es dargestellt wird. Die Auswahl beim Essen etwa hat man im Vergleich zu den ersten Tagen verbessert.» Und zur Erinnerung: 2017 in London gab es in den Hotels den Norovirus.

Die Schweizer an der Leichtathletik-WM in Doha:

Tadesse Abraham, Alter: 37, Wohnort: Genf; Starts: Marathon Prognose: An der EM 2018 gewann er Silber, bei Olympia in Rio 2016 wurde er Siebter. Doch Abraham wird nicht jünger. Ein Platz in den Top 10 wäre ein Erfolg. Wenn Sie nicht Sportler wären, welchen Beruf würden Sie ausüben? «Am liebsten etwas Handwerkliches – nur ja nicht Gärtner. Ich musste als Junge fast jede freie Minute beim Säen und Ernten helfen. Schreiner käme für mich infrage.» (KEYSTONE/APA/HANS PUNZ)
17 Bilder
Sarah Atcho; Alter: 24; Wohnort: Cugy; Starts: 200m, Staffel Prognose: Sie kam nur dank einer Wildcard der IAAF zu einem WM-Startplatz über 200 m. Vor zwei Jahren in London lief Atcho in den Halbfinal. Das muss auch in Doha das Ziel sein. Wenn Sie an einen Wettkampf verreisen, was darf bei Ihnen im Gepäck nie fehlen? «Ein schönes Abendkleid für die Party nach dem Rennen.» (KEYSTONE/Jean-Christophe Bott)
Selina Büchel; Alter: 28; Wohnort: Wil SG; Starts: 800m Prognose: Ihre Bestzeit von 1:57,95 stellte sie 2015 auf. Seit zwei Jahren blieb Büchel nie mehr unter 2 Minuten. So wird bereits das Überstehen der Vorläufe zu einer Zitterpartie. Wenn Sie einen Moment im Leben wiederholen könnten, welchen würden Sie wählen? «Im Juli 2015 lief ich Schweizer Rekord. Den Moment, als ich meine Zeit erfuhr, möchte ich nochmals erleben –weil es so schön war!» (KEYSTONE/Alexandra Wey)
Nicole Büchler; Alter: 35; Wohnort: Biel; Starts: Stabhochsprung Prognose: Nach der Geburt ihres Sohnes erreichte sie das alte Niveau noch nicht. Es geht zwar kontinuierlich aufwärts, ein Finalplatz ist aber wohl ausser Reichweite.Wenn Sie nicht Sportlerin wären, welchen Beruf würden Sie ausüben? «Als Kind wollte ich Schauspielerin werden. Jetzt würde mich etwas im Bereich bildende Kunst reizen. Ich war immer sehr kreativ und zeichne gerne.» (KEYSTONE/Walter Bieri)
Ajla Del Ponte; Alter: 23; Wohnort: Losone; Starts: 100m, Sprintstaffel Prognose: Dank einer LastMinute-Einladung darf die Tessinerin neben der Staffel auch im Sprint ran. Sie hat nichts zu verlieren, vielleicht übersteht sie ja die erste Runde.Wenn Sie an einen Wettkampf verreisen, was darf bei Ihnen im Gepäck nie fehlen? «Ein spannendes Buch und mein Schlafkissen von zu Hause. Im Hotel sind sie immer zu hart oder zu weich.» (KEYSTONE/Martial Trezzini)
Lore Hoffmann; Alter: 23; Wohnort: Sierre; Starts: 800m Prognose: Die Walliserin hat in den letzten Tagen eine emotionale Achterbahnfahrt hinter sich. Sie rechnete sich Chancen aus, es noch per Einladung nach Doha zu schaffen, fehlte aber auf der ersten Liste. Erst am Wochenende kam das Okay, dass sie doch dabei ist. Ihr Start steht unter dem Motto «Erfahrungen sammeln», was in der Regel nach dem Vorlauf endet. (KEYSTONE/Gian Ehrenzeller)
Kariem Hussein; Alter: 30; Wohnort: Tägerwilen; Starts: 400m Hürden Prognose: 2017 schaffte es der Europameister von 2014 knapp in den WM-Final. Nach einem verlorenen Jahr scheint solches für ihn in Doha nicht möglich. Wenn nicht Leichtathletik, in welcher Sportart hätten Sie es weit gebracht? «Im Tennis und im Fussball. Tennis habe ich bis 13 gespielt. Und ich war gut. Fussball habe ich bis 19 gespielt. Und ich war auch gut, vor allem, weil ich Linksfuss bin.» (KEYSTONE/Alexandra Wey)
Jason Joseph; Alter: 20; Wohnort: Oberwil BL; Starts: 110 m Hürden Prognose: Das Potenzial des Youngsters ist ebenso gross wie sein Selbstvertrauen. Eine Zeit von 13,20 traut er sich zu. Den WM-Final trauen wir ihm aber (noch) nicht zu.Wenn Sie einen trainingsfreien Tag hätten, was würden Sie am liebsten tun? «Ich werde bis zum Mittag schlafen, weil ich das sonst nie tun kann.» (KEYSTONE/Peter Klaunzer)
Mujinga Kambundji; Alter: 27; Wohnort: Liebefeld; Starts: 100m, 200m, StaffelPrognose: An der EM 2018 war sie mit drei 4. Plätzen der Pechvogel. An der WM 2017 war es zweimal Platz 10. Sie hat das Potenzial für das Erreichen der Finals. Wenn Sie einen Tag eine andere Person sein könnten, wer würde das sein? «Roger Federer ist eine Legende und ein Vorbild für jeden Sportler der Welt. Um ihn herum ist ein sehr grosses Team, trotzdem ist er ein Athlet wie jeder andere.» (KEYSTONE/Ti-Press/Pablo Gianinazzi)
Salomé Kora; Alter: 25; Wohnort: St.Gallen; Starts: 100m, Sprintstaffel Prognose: Eine Zeit von 11,13 katapultierte Kora sensationell in die erweiterte Sprint-Weltspitze. Noch fehlt aber die Bestätigung für den Exploit. Wenn Sie in einem Film mitspielen dürften, welchen würden Sie wählen? «‹Die Töchter des Monsieur Claude›. Er ist super witzig und spielt mit den kulturellen Unterschieden, die ich aufgrund meines Ursprungs ebenfalls wahrnehme.» (KEYSTONE/Ennio Leanza)
Angelica Moser; Alter: 21; Wohnort: Andelfingen; Starts: Stabhochsprung Prognose: Sie ist ein Versprechen für die Zukunft. Und sie ist ein absoluter Wettkampftyp, wie der EM-Titel bei den U23 beweist. Aber für einen WM-Final reicht ihr Potenzial noch nicht. Wenn Sie eine Zeitreise machen könnten, in welcher Epoche möchten Sie landen? «Ich würde hoffen, dass die Zeitmaschine nicht funktioniert, denn ich bin voll und ganz zufrieden, wo ich jetzt gerade bin!» (KEYSTONE/Gian Ehrenzeller)
Géraldine Ruckstuhl; Alter: 21; Wohnort: Altbüron; Starts: Siebenkampf Prognose: WM-Elfte 2017, EM-Neunte 2018 – man vergisst bisweilen, wie jung sie ist. Ruckstuhl verbessert ihre Bestleistungen wie am Fliessband. Auch in Doha ist dies ein Ziel. Wenn nicht Leichtathletik, in welcher Sportart hätten Sie es weit gebracht? «In fast jeder. Ich habe in der Schule Tennis, Volleyball, Handball, Basketball oder Geräteturnen betrieben. Ich habe wohl deshalb Siebenkampf gewählt.» (KEYSTONE/Ennio Leanza)
Léa Sprunger; Alter: 29; Wohnort: Lausanne; Starts: 400m Hürden, Staffel Prognose: Sie ist amtierende Europameisterin und WM-Fünfte 2017 in London. Aber ihre Saisonbestleistung reicht nicht für den WM-Final. 16 waren in diesem Jahr besser.Wenn Sie einen trainingsfreien Tag hätten, was würden Sie am liebsten tun? «Dann bleibe ich zu Hause und mache Gartenarbeiten. Ich habe neu einen riesigen Garten, in dem ich mich sehr gerne betätige.» (KEYSTONE/Anthony Anex)
Julien Wanders; Alter: 23; Wohnort: Genf; Starts: 5000m, 10000 m Prognose: Wanders lief eine sensationelle Saison, in der er alle seine Bestzeiten knackte. Trotzdem bleibt er gegen die afrikanische Übermacht ein krasser Aussenseiter. Wenn Sie einen Tag eine andere Person sein könnten, wer würde das sein? «Ich wähle Kenenisa Bekele, den Weltrekordhalter über 5000 m und 10000 m. Ich möchte wissen, wie es sich anfühlt, seine Beine zu haben.» (KEYSTONE/Urs Flueeler)
Alex Wilson; Alter: 29; Wohnort: Basel; Starts: 100m, 200m Prognose: Über 100 m ist er einer von vielen, über 200 m waren in diesem Jahr nur 12 Sprinter schneller. Für den WM-Final muss Wilson aber eine Zeit unter 20 Sekunden abliefern. Wenn Sie in einem Film mitspielen dürften, welchen würden Sie wählen? «Die Marvel-Verfilmung ‹Black Panther›, weil dort ein Schwarzer der Superheld ist.» (KEYSTONE/Jean-Christophe Bott)
4x100m (Ajla Del Ponte, 23, Losone / Mujinga Kambundji, 27, Liebefeld / Salomé Kora, 25, St.Gallen / Sarah Atcho, 24, Cugy / Géraldine Frey, 22, Unterägeri (nicht auf dem Bild) / Cornelia Halbheer, 27, Winterthur (nicht auf dem Bild)) (KEYSTONE/Jean-Christophe Bott)
4x400m (Fanette Humair, 27, Boécourt (im Bild) / Yasmin Giger, 19, Romanshorn / Rachel Pellaud, 24, Biel / Giulia Senn, 17, Bellikon / Léa Sprunger, 29, Lausanne / Veronica Vancardo, 19, Granges) (KEYSTONE/Ennio Leanza)

Tadesse Abraham, Alter: 37, Wohnort: Genf; Starts: Marathon
Prognose: An der EM 2018 gewann er Silber, bei Olympia in Rio 2016 wurde er Siebter. Doch Abraham wird nicht jünger. Ein Platz in den Top 10 wäre ein Erfolg.
Wenn Sie nicht Sportler wären, welchen Beruf würden Sie ausüben? «Am liebsten etwas Handwerkliches – nur ja nicht Gärtner. Ich musste als Junge fast jede freie Minute beim Säen und Ernten helfen. Schreiner käme für mich infrage.» (KEYSTONE/APA/HANS PUNZ)

Kamera unter dem Po: Weg mit dem Blödsinn

Die deutsche Sprinterin Gina Lückenkemper sagt zu den Bildern einer Kamera, die im Startblock zwischen den Beinen filmt: «Ich glaube nicht, dass dies die Idee einer Frau war.» Die Absicht, in den letzten Augenblicken vor dem Startschuss direkt in die Gesichter der Athletinnen und Athleten zu blicken, mag reizvoll sein. Auf diesen neuen Blickwinkel kann die Leichtathletik aber getrost verzichten. «In den knappen Sachen über diese Kamera zu steigen, finde ich sehr unangenehm. Ich weiss nicht, wer gerne von unten gefilmt wird», meint Lückenkemper. Da ändert auch die Beteuerung des Verbandes, die Bilder würden nicht gespeichert, nichts daran. Und dieser Blickwinkel war mit Garantie nicht der Wunsch von Katar.

Zuschauer im Stadion: Man passt sich eben an

Niemand kann behaupten, die Leichtathletik sei in Doha ein Strassenfeger. Das leere Stadion an den ersten zwei WM-Tagen war beschämend. In dieser Situation wird man erfinderisch, senkt die Kapazität von 48 000 mithilfe von riesigen Bannern auf 21 000 und spricht danach in einer offiziellen Reaktion von 70 Prozent Auslastung. Den vielen Gastarbeitern sei Dank hatte es gestern ungleich mehr Leute im Stadion. Bei einigen Laufwettbewerben wurde es sogar so richtig laut im beeindruckenden Oval, in dem dank neuartiger Kühlanlage auch bei grösster Hitze kein Zuschauer schwitzen muss. Höchstens das Klima.

Hitze beim Marathon: Nicht zum letzten Mal

Beim Frauen-Marathon bei 32 Grad und 73 Prozent Luftfeuchtigkeit gaben 28 von 68 Starterinnen auf. Der Schweizer Olympia-Arzt Patrik Noack sagt: «Es ist sicher nicht optimal, aber mit Akklimatisation, Flüssigkeitsaufnahme und angepasstem Tempo durchaus machbar. Vielleicht gewinnt man dann einfach nicht.» Letztlich kann man bilanzieren, dass trotz der extremen Bedingungen die Favoritin gewonnen hat. 2020 bei Olympia in Tokio wird es nicht besser.

Aktuelle Nachrichten