Das nennt man dann wohl einen Traumstart. Unter seinem neuen Trainer Dan Ratushny hat der HC Lausanne seine ersten drei Spiele allesamt gewonnen. Heute Abend folgt bei den ZSC Lions der erste Härtetest. Grund genug, sich ein wenig mit dem neuen Mann an der Lausanner Bande mit Oltner Vergangenheit zu unterhalten. Wir haben ihn an seinem neuen Arbeitsort, der Pationire de Malley, getroffen.

Wissen Sie noch, was am 11. März 2011 war?

Dan Ratushny: Das war am Ende meines zweiten Jahres in Olten. Haben wir da gegen Langenthal gespielt? Nein … (überlegt.)

Ich helfe Ihnen. Es war Ihr letztes Spiel mit Olten. Und es fand …

… hier in Lausanne statt, genau! Jetzt erinnere ich mich. Ich weiss noch, dass es hier immer sehr laut war. In unserem ersten Playoff-Spiel im Jahr zuvor kassierten wir zu Beginn gleich zwei Bankstrafen wegen Wechselfehlern. Meine Spieler verstanden vor lauter Lärm meine Anweisungen gar nicht (lacht). So etwas ist mir seither nie mehr passiert.

Welche Erinnerungen haben Sie noch an Ihre Zeit in Olten?

Ich weiss noch, dass wir eine tolle Truppe hatten. Viele gute Charaktere mit einer tollen Arbeitsmoral. Ich stehe immer noch mit einigen Spielern aus der damaligen Mannschaft in Kontakt. Zum Beispiel mit Richi Stucki. Es waren wirklich zwei tolle Jahre.

Und es war Ihre erste Trainerstelle im Profi-Eishockey. Was haben Sie zu Beginn gelernt?

Ich lernte die Basics des Trainerjobs. Beispielsweise, dass es Spieler gibt, die sich gerne an einem System festhalten und eng geführt werden wollen. Aber dass es auf der anderen Seite auch Spieler gibt, die sich nicht so einfach in ein Schema hineinpressen lassen. Ich musste lernen, wie gross meine Einflussnahme sein darf während eines Spiels. Oft suchen die Spieler beim Trainer nach Antworten, wenn es nicht läuft. Aber Eishockey ist letztlich ein Reaktionsspiel.

Das heisst?

Wenn man den Spielern zu viele Instruktionen gibt, dann denken sie zu viel nach und verzögern dadurch das Spiel. Ich will, dass sie mehr ihrem Instinkt folgen.

Wenn aber alle nur nach Instinkt spielen, dann herrscht bald einmal Chaos.

Klar. Man muss den Spielern gute Gewohnheiten beibringen. Wie verhalte ich mich korrekt in der Defensive? Wie verhalte ich mich richtig in der Offensive? Trotzdem sollte man sich als Coach zurückhalten. Auch wenn es manchmal hart ist.

Ihre Trainer-Laufbahn lief bisher linear nach oben: NLB, DEL, Meister in Österreich, Nationaltrainer, jetzt NLA. Steckt dahinter ein Karriere-Masterplan?

Es sieht von aussen vielleicht so aus. Aber auch in meiner Karriere gab es viele Auf und Abs.

Aber der Durchschnitt zeigt klar nach oben ...

Das stimmt. Mit der Zeit habe ich auch an Selbstvertrauen gewonnen. Trotzdem habe ich mir vor meinem Engagement hier in Lausanne wieder die Frage gestellt, ob ich schon genug weiss, ob ich bereit bin für diesen Job.

Immerhin wurden Sie noch nie entlassen. Sie haben Ihre Klubs immer auf eigenen Wunsch verlassen. Das können nicht viele Trainer von sich behaupten. Haben Sie eine Erklärung dafür?

Darüber habe ich mir ehrlich gesagt noch keine Gedanken gemacht. Für mich sind die Resultate von sekundärerer Bedeutung. Mir geht es um den Prozess, um den Fortschritt. Ich weiss, das tönt jetzt wie ein Klischee. Aber Eishockey eignet sich bestens, um diesen Prozess des Fortschritts zu beobachten.

Wie muss man sich das Vorstellen?

Nehmen wir unser Spiel gegen Kloten. Wir haben 5:1 gewonnen, aber der Gegner hatte mehr Chancen. Ich konnte meiner Mannschaft bei der Aufarbeitung des Spiels diverse Problemfelder aufzeigen. Das ist für mich wichtig. Wenn wir unsere Defizite ausmerzen können, dann kommen die guten Resultate von selber. Das ist der Prozess.

Welches ist Ihre grösste Qualität als Trainer?

Genau dieser Fokus auf den Prozess. Dadurch habe ich gelernt, mit dem Druck, den dieser Job mit sich bringt, umzugehen. Ich versuche, all meine Energie dafür einzusetzen und all die Nebengeräusche auszublenden.

Was hier in Lausanne ja nicht unbedingt einfach sein wird.

Ich bin zum Beispiel nicht in den ganzen Social Media präsent. Sobald ich von dort oder aus der Zeitung erfahren muss, wie es um mein Team steht, dann stimmt sowieso etwas nicht. Darum versuche ich mich, total auf meinen Job zu konzentrieren. So wie Sie das in Ihrem Job vermutlich auch tun.

Wie würden Sie Ihren Umgang mit den Spielern beschreiben?

Ich sage immer: Als Coach sollte es nicht das oberste Ziel sein, von den eigenen Spielern geliebt zu werden. Vielmehr sollten sie erkennen, was man investiert und so versucht, Qualität in die Arbeit zu bringen. Man sollte aber auch demütig genug sein, eigene Fehler einzugestehen. So wird man von den Spielern hoffentlich respektiert als Trainer. Natürlich will man geliebt werden – das will ja jeder Mensch. Aber als Coach kann das auch für Unruhe sorgen. Darum steht an erster Stelle: Professionalität – und zwar auf beiden Seiten.

Haben Sie mit einem NLA-Angebot gerechnet oder damit spekuliert?

Seit ich die Schweiz 2011 verlassen habe, habe ich mir immer vorgestellt, hierhin als Trainer zurückzukehren. Aber es ist schwierig, hier einen Job zu bekommen. Darum habe ich auch Salzburg, wo ich ein erfolgversprechendes Umfeld hatte, verlassen. Ich musste diese Gelegenheit packen. Man weiss nie, ob und wann man noch einmal so eine Chance erhält.

Wie kam der Kontakt mit Lausanne zustande?

Ich stand über die Jahre immer in Kontakt mit Lausanne-Sportchef Jan Alston. Als sich dann diese Gelegenheit hier ergab und er mich fragte, ob ich am Job interessiert sei, musste ich nicht lange überlegen. Auch wenn es auf einem persönlichen Level schwierig war, Salzburg zu verlassen. Ich habe mich dort heimisch gefühlt, habe viele Freunde zurücklassen müssen.

Ihr Vorgänger Heinz Ehlers galt als ein Trainer, der aus seinem Team das Maximum herausholen kann. Aber das war den Verantwortlichen in Lausanne nicht mehr gut genug. Wie lautet Ihr Leistungsauftrag?

Zuallererst möchte ich an dieser Stelle Heinz ein Kompliment machen. Er hat hervorragende Arbeit geleistet. Ich habe meine eigene Spielphilosophie. Und im Gespräch mit den Lausanner Verantwortlichen habe ich gespürt, dass ihnen dieser Stil gefällt. Sie wollten einen Stilwechsel.

Was nicht ganz ungefährlich ist. Ehlers hat aus einer mässig talentierten Mannschaft sehr viel herausgeholt. Also ist die Ausgangslage auch für Sie nicht so einfach.

Ich denke, dass in dieser Mannschaft vom Talent her noch mehr Potenzial vorhanden ist. Der Vorteil ist, dass besonders die defensive Basis hervorragend ist. Darauf lässt sich aufbauen. Wichtig ist, dass meine Spieler ohne Angst auftreten und den Puck nicht wie eine heisse Kartoffeln behandeln, sondern auch unter Druck clevere Entscheidungen treffen.

Der Saisonstart ist mit drei Siegen in drei Spielen perfekt. Müssen sie schon auf die Euphoriebremse stehen?

Nein, hier kommt wieder der Prozess ins Spiel. Der hilft nicht nur, bei Siegen das grosse Ganze nicht aus den Augen zu verlieren, sondern auch, wenn man mal ein paar Niederlagen in Serie kassiert.