Fussball

Laurent Prince: Der Entwickler will kein Sesselkleber sein

Laurent Prince: Mit Leib und Seele für den Fussball engagiert.

Laurent Prince: Mit Leib und Seele für den Fussball engagiert.

In seinen fünf Jahren als Technischer Direktor hat Laurent Prince beim Fussballverband einiges auf den Weg gebracht. Mitte Mai tritt er ab.

Am letzten Sonntag hat Laurent Prince seinen Augen nicht getraut. Als Technischer Direktor des Schweizerischen Fussballverbands hat er ja schon unzählige Spiele beobachtet, analysiert und ausgewertet. Eine solch berauschende Leistung wie jene des FC St. Gallen in Basel, hat aber auch er von einem Schweizer Team in der Super League noch selten gesehen. Wie «mutig und erfrischend» die Ostschweizer die Tabellenspitze eroberten, liess das Herz des 49-Jährigen hüpfen.

So, wie vor ein paar Jahren die Schweizer Juniorinnen bei der U17-EM in Island, die ihn mit ihrer gelebten Begeisterung und Leidenschaft für den Fussball glücklich machten. In solchen Momenten erhält Prince die Bestätigung, dass es sich lohnt, tagtäglich seriös für die Entwicklung des Schweizer Fussballs zu arbeiten.

Vom Offensivfestival zum tiefen Verteidigen

Schon am Tag nach der St. Galler Offensivdemonstration hat er sich beruflich jedoch mit dem puren Gegenteil beschäftigt. An einer Klausur im Tessin mit den Schweizer Nationaltrainern lautete ein Thema: Das tiefe Verteidigen – welche Entwicklungen gibt es? «Vor fünf Jahren kannte man das noch nicht. Da wurde nie so weit hinten verteidigt», sagt Prince. Das Ziel der neuen Ausrichtung: den Gegner herauslocken, um Platz für schnelles Umschaltspiel zu schaffen.

Zurück aus der Südschweiz, sitzt Prince nun am Dienstagnachmittag in seinem Büro im Haus des Fussballs in Muri bei Bern. Seit er vor fünf Jahren vom SFV zum Technischen Direktor befördert wurde, ist er schon oft gefragt worden, was genau er denn mache. Er fasst es dann jeweils so zusammen: «Ich versuche mittel- bis langfristig positiv zu beeinflussen, was auf dem Platz passiert. Bei Spielern, Trainern und Schiedsrichtern, bei Männern und Frauen.»

Dazu gehört, dass es gelungen ist, einen gemeinsamen Rahmen für Spiel- und Ausbildungsphilosophie zu schaffen, Leistungszentren im Juniorenspitzenfussball zu installieren, die A-Nati in der erweiterten Weltspitze zu halten, die Frauen zwei Mal an ein grosses Turnier zu bringen, den Schiedsrichtern professionellere Bedingungen zu bieten und für die Klubs Spielanalysten auszubilden.

Dennoch wird immer wieder Kritik laut an den ungenügenden Resultaten der Nachwuchsnationalteams. So wartet die U21 seit 2011 auf eine EM-Teilnahme und liegen die WM und EM-Titel der U 17 weit zurück. Prince sagt: «Die Alimentierung des A-Teams hat höchste Priorität. Deshalb, und zu ihrer optimierten Förderung, werden immer wieder jüngere Spieler bei den älteren Jahrgängen eingesetzt.

Das führt dazu, dass in EM-Qualifikationen oft nicht mit den stärkstmöglichen Teams gespielt wird.» Prince verweist aber darauf, dass sich die A-Nati für die EM 2020 qualifiziert habe, die Frauen auf gutem Weg dazu seien wie auch die U21 der Männer. Und die U17 und U19 beider Geschlechter würden in den Eliterunden um die EM-Teilnahmen spielen.

Warum aber werden die Schweizer Klubs im Uefa-Ranking derart nach unten durchgereicht? Prince sagt: «100 der besten Schweizer spielen im Ausland und fehlen damit den Klubs.» Claude Ryf, der mit Xamax einst grosse Europacuptriumphe feierte, habe ihm kürzlich in Erinnerung gerufen, dass sie damals sechs Schweizer Internationale im Team gehabt hätten. Heute unvorstellbar.

Keine Reibereien mit Pierluigi Tami

Im Januar ist bekannt geworden, dass Prince im Mai den SFV verlassen wird. Über seine mögliche Nachfolge und allfällige Strukturänderungen wird derzeit im Verband diskutiert. Wer indes die Vermutung äussert, sein Entscheid habe mit dem Umbruch beim SFV zu tun – neuer Präsident, neuer Generalsekretär, neuer Direktor der Nationalmannschaften, neuer Kommunikationschef – dem widerspricht Prince: «Da gibt es keinen Zusammenhang.» Wer behauptet, der neue Nati-Verantwortliche Pierluigi Tami habe seine Kompetenzen beschnitten, dem antwortet er: «Auch da ist nichts dran. Wir arbeiten gut zusammen.»

Warum aber gibt er dann diesen gut dotierten, prestigeträchtigen und mit schönen Reisen verbundenen Managerjob von sich aus auf? «Ich bin seit 2013 Jahren beim Verband. Sieben Jahre sind ein idealer Zeitraum, um Projekte zu erarbeiten und umzusetzen», sagt Prince. Und dann aufzuhören. Er will kein Sesselkleber sein und nicht betriebsblind werden.

Im Sommer wird er 50. Er sieht den Zeitpunkt gekommen, noch einmal etwas Neues zu machen. Sein Rucksack ist prall gefüllt: Sekundarlehrer, Fussballer, Trainer, Leiter Sportschule Kriens, Leiter Nachwuchs beim FC Luzern, Betriebswirtschaftsstudium, Technischer Direktor SFV. Er kann sich vieles vorstellen, was er künftig tun wird. Etwas im pädagogischen Bereich? In der Privatwirtschaft? Weiter im Fussball, vielleicht im Management?

Sein bevorstehender Rücktritt ist mit der Familie abgesprochen. Mit den drei «starken Frauen», wie er es nennt. Die Töchter Lara und Melanie sind bald erwachsen und fordern Prince in Diskussionen wie: «Papi, weshalb fährst du 55'000 Kilometer im Jahr mit dem Auto?» Er freut sich über diesen Austausch.

«Ich bin ein politischer Mensch», sagt der Jurassier Prince, der in Luzern aufgewachsen ist und sich als halber Luzerner fühlt, dessen Eltern nach ihrer Pensionierung aber nach Delémont zurückgekehrt sind. Er lese viel und bewege sich gerne auf ausgedehnten Spaziergängen, sagt Prince.

Das anfänglich noch leere Blatt der Zukunftsplanung füllt sich langsam mit Ideen und Optionen.

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