Ski alpin
Lara Gut und das Geheimnis der Toblerone-Hüttchen

Das Skiwunder Lara Gut nahm auf 3200 m ü.M. am Griesgletscher seinen unkonventionellen Anfang. Die «nordwestschweiz» wirft einen Blick zurück auf die ersten Versuche auf Plastikski, den Sieg des berühmtesten Kinderskirennens der Welt, die Krönung zur argentinischen Meisterin und den Sesastionssieg als 15-Jährige an den Schweizer Meisterschaften.

Richard Hegglin
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September 2007: Wer ist das 16-jährige Mädchen inmitten der Skistars? Lara Gut tauchte rasant an der Spitze auf.

September 2007: Wer ist das 16-jährige Mädchen inmitten der Skistars? Lara Gut tauchte rasant an der Spitze auf.

Keystone

Es sind oft die ersten Eindrücke, die bleiben. 9 Uhr im März 2007, Tag des Super-G der Schweizer Meisterschaften, Schauplatz Talstation Piste de l’Ours in Veysonnaz. Die Top-Athletinnen stehen mit hängenden Köpfen herum. Was ist los?

Rennen abgesagt? Nein, es ist schon zu Ende! Vorgezogen ins Morgengrauen wegen schlechten Wetters. Und wer hat gewonnen? «Die da!» Wer ist «die da»? Da stand ein kleines Mädchen mitten in den Stars von Swiss Ski mit einem ausgeleierten blauschwarz-gepunkteten Anzug der spanischen Ski-Nationalmannschaft. Es war Lara Gut. Im Ersatzanzug ihrer Trainingskollegin Jose Maria Rienda Contreras, damals Seriensiegerin im Weltcup, fuhr die 15-Jährige in ihrem ersten Meisterschaftsrennen allen Stars um die Ohren und gewann den Titel vor Fabienne Suter und der Olympia-Zweiten Martina Schild.

Der Vater, der Künstler

So ging es überall, wo Lara Gut in jener Saison 2006/07 auftauchte. Vorher hatte sie keine FIS-Rennen bestreiten dürfen. Die Limite liegt bei 15 Jahren. An der Trofeo Topolino in Italien, dem berühmtesten Kinderskirennen der Welt für 11- bis 14-Jährige, hatte sie zwar mit einem Sieg schon ihre Visitenkarte abgegeben. Aber davon nimmt man in der Schweiz kaum Notiz, obwohl die Siegerliste dort ein Who-is-who des Skisports ist: Janica Kostelic, Lindsey Vonn, Tina Maze, Anna Fenninger, Mikaela Shiffrin – und eben Lara Gut.

Da Lara Gut Tessinerin war, rutschte sie ohnehin unter dem Radar der Deutschschweizer Medien durch. Kaum jemand bemerkte, was sich in der Sonnenstube tat. Dass da ein unbekümmerter Teenager im Begriff war, die Skiwelt aufzumischen. Dabei waren in ihrem Skigebiet, der Alpe Pescium in Airolo, schon zwei Ikonen des Skisports gross geworden – Michela Figini und Doris de Agostini.

Doris de Agostini ging mit Laras Vater Pauli in die Schule. Und sie alle waren Mitglieder des Skiklubs Airolo. Aber Doris de Agostini war Pauli weniger wegen seines skifahrerischen Könnens aufgefallen als wegen seiner musischen Begabung: «Er hatte aussergewöhnliches Talent im Zeichnen. Er malte geniale Bilder.»

So ging dann Pauli Guts Weg mehr in Richtung Kunst als Sport. «Ich ging», erzählt er, «nach Mailand in die Kunstakademie und liess mich später zum Lehrer ausbilden.» In Lugano erhielt er eine Anstellung, zog von Airolo nach Comano und lernte seine Frau Gabriella kennen, eine Sportlehrerin aus dem Jura mit italienischen Wurzeln. Deren Vater stammte aus Brescia, die Mutter aus Liechtenstein, weshalb Lara, die 1991 auf die Welt kam, auch die italienische und liechtensteinische Nationalität besitzt.

Hoch oben

So begann das Skiwunder Lara Gut. Und als Lara als Zweijährige von ihrer Tante Plastikski bekam, war sie nicht mehr zu bremsen, zuerst im Garten, dann auf Schnee. Sie besass einen natürlichen Instinkt für dieses Gerät und einen unwiderstehlichen Bewegungsdrang. «Sie hatte keine Stunde Skischule», sagt Mama Gabriella, «sie machte automatisch alles richtig.»

«Wir hatten, da wir beide Lehrer waren, im Sommer viel Zeit», erzählt Pauli Gut. Airolo, wo Vater Pauli mit seinem Jugendfreund Mauro Pini im elterlichen Betrieb als Schreiner gearbeitet hatte, wurde zum Basislager, Pini später zum Co-Trainer. «Primär», so Gut, «machten wir das aus Plausch, weil Lara Spass daran hatte.» Doris de Agostini traut sich nicht zu, das aussergewöhnliche Talent von Lara schon damals erkannt zu haben: «Sie fuhr sehr gut, aber ich sah sie zu wenig. Meist weilten die Guts in ihren Toblerone-Hüttchen am Griesgletscher.»

Papa Gut erklärt das Geheimnis dieser Toblerone-Häuschen, die wegen des spitzen Giebeldachs so genannt wurden: «Das war auf 3200 Meter. Ich habe sie zusammen mit meinem Vater gebaut. Wir verbrachten viel Zeit auf dem Gletscher. Einmal waren wir 10 Tage am Stück dort oben, nur Lara und ich.» Was für die Kostelics einst ein klappriger VW-Bus war, waren für die Guts die Toblerone-Häuschen – eine Herberge der anderen Art.

46 Rennen in einem Winter

Und so mutierte der Plausch allmählich in Sport, in knallharten Spitzensport. Paul Gut gründete einen eigenen Skiklub, weil sich seine Ideen mit jenen des SC Airolo nicht mehr deckten. Und kaum war Lara 15, gings los mit FIS-Renneinsätzen. Die erstbeste Gelegenheit bot sich in Las Leñas, wo Lara auf Anhieb Zweite und drei Tage später argentinische Meisterin wurde – und Ende Saison auch Schweizer Meisterin.

46 Rennen bestritt sie in ihrem ersten Skiwinter, mehr als heute. Dazu gehörten auch die Junioren-WM, wo sie hinter Tina Weirather den Titel um 0,07 Sekunden verpasste. Notfallmässig war für sie ein Rennanzug angefertigt worden, da sie ja nicht in spanischen Kleidern antreten konnte. «Political correctness» war schon damals nicht ihre Stärke...