Ski Alpin
Lara Gut spricht erstmals seit ihrer schweren Knieverletzung im Februar

Lara Gut ist glücklich. 228 Tage nachdem sie sich an der WM in St. Moritz schwer verletzte, sprach sie gestern erstmals öffentlich. Und sie sagt: «Es geht mir gut.»

Martin Probst
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Lara Gut spricht erstmals seit Februar vor den Medien.

Lara Gut spricht erstmals seit Februar vor den Medien.

Keystone

Eigentlich ein banaler Satz. Zu banal für das, was sie erlebt, ja erlitten hat in den letzten Monaten. Und dann sagt sie die Worte auch noch im alten Kinosaal von Zermatt, wo schon Klassiker der Filmgeschichte mit Dialogen für die Ewigkeit abgespielt wurden.

Nur eben täuscht – nicht nur im Film – oft der erste Eindruck. Ist der Gärtner selten der Mörder. Wenn der Besucher dann genauer hinschaut und hinhört, merkt er, dass der Satz viel mehr ist als banal.

Lara Guts Worte beziehen sich nur am Rand auf ihr linkes Knie, das sie nach den schweren Verletzungen am Kreuzband und Meniskus wieder schmerzfrei belasten kann. Natürlich freut sie das, und es legt die Basis für ihr Comeback im Ski-Weltcup.

Zurück auf die Rennpiste kehrt sie aber noch nicht beim Saisonstart in Sölden am 28. Oktober, sondern frühestens Ende November in den USA.

«Ich habe mich nur noch als Objekt gefühlt».

Und sowieso: Das Knie allein ist nicht der ganze Mensch. «Nachdem ich den Gesamtweltcup gewonnen habe, haben mich alle gefragt, wo die Kristallkugel steht», sagt Lara Gut.

Nachdem ich mich an der WM schwer verletzt habe, wollten alle wissen, was mit meinem Knie ist. Doch niemand fragte, wie es mir geht.» Dem Menschen – nicht der Athletin. «Ich habe mich nur noch als Objekt gefühlt».

Die Athletin in der Hauptrolle

Lara Gut merkte nach der Verletzung im Februar, dass «ich mich in den vergangenen Jahren selbst verloren habe». Sie liess sich anstecken vom Rummel um die erfolgreiche Athletin, die schon seit sie 17 ist, im Rampenlicht steht.

Ihr Lebensfilm wurde zu einem sportlichen Blockbuster. Mit der Athletin Lara Gut in der Hauptrolle. Der Mensch Lara Gut durfte nicht einmal die Nebenrolle spielen. «Das letzte Mal, als ich nur auf mich geschaut habe, war ich minderjährig, erst 16. Jetzt bin ich eine Frau. Schon 26.»

Plötzlich Frau. Es wäre ein typischer Titel für einen Hollywood-Film. Aber irgendwie auch für die Story von Lara Gut, die gestern in Zermatt Premiere feierte. Seit dem Schock von St. Moritz schaut sie wieder auf sich.

Balance zwischen Athletin und Mensch

«Vielleicht hat es diese Verletzung gebraucht, damit ich die Balance zwischen Athletin und Mensch finden konnte.» Konkret will sie sich selbst mehr Zeit geben. Wieder mehr Bücher lesen, Freunde treffen. «Auch mal um Mitternacht spontan mit Freundinnen eine Glace essen.» All das habe sie seit Februar nachgeholt. «Und all das hat auch neben dem Spitzensport Platz.»

Den Vater zurückgewonnen

Nur gab Lara Gut all dem in den vergangenen zehn Jahren zu wenig Platz. Und auch ihre Familie kam zu kurz. «Mein Vater war als Trainer zwar fast immer an meiner Seite. Doch eben als Trainer. Ich habe ihn als Vater fast verloren.»

Seit der Verletzung in St. Moritz habe sie die Zeit als Sportlerin nun fast nur mit ihren Physiotherapeuten verbracht. «Mein Vater war plötzlich wieder nur mein Vater», sagt sie. «Ich fühle mich meiner Familie noch näher verbunden als zuvor.»

Mittlerweile ist Vater Pauli Gut aber auch wieder in Lara Guts Leben als Skiprofi präsent. Seit Anfang September trainiert die Tessinerin wieder auf Schnee – mit ihrem Vater als Trainer. «Vor den ersten Schwüngen war ich nervös. Doch es fühlte sich sofort wieder natürlich an.»

So natürlich und vertraut, dass sie sich in Chile, wo eigentlich nur freies Skifahren vorgesehen war, schon nach wenigen Tagen wieder zwischen die Tore wagte. Trotzdem will sie nichts überstürzen.

Verzicht auf Start in Sölden

«Ich will so stark wie möglich zurückkommen und nicht so schnell wie möglich», sagt sie. Darum, aber auch wegen des Rummels, verzichtet sie auf Sölden. «In Sölden lächelt man von einer Kamera in die nächste, hetzt von einem Medientermin zum nächsten. Fast geht vergessen, dass da noch ein Rennen ist.»

Dieses Leben als Sportstar im Mittelpunkt, als Athletin, die alle interessiert, darf noch etwas warten. Vorerst will sie ihr eigenes Drehbuch schreiben und vor allem spielen. Die Zeiten, als sie auf andere hörte, sind vorbei. Plötzlich Frau. Oder vielleicht auch: Plötzlich erwachsen. Nach zehn Jahren im selben Film ist es Zeit für eine neue Hauptrolle.