Ski-WM St. Moritz

Lara Gut muss weiter warten – die Tessinerin gewinnt WM-Bronze und verpasst erneut die ersehnte Goldmedaille

Nachdem am Montagabend die alpine Ski-WM in St. Moritz offiziell eröffnet wurde, stand am Dienstag mit dem Super-G der Frauen das erste Rennen an. Nach drei Siegen in vier Super-G-Rennen ging Lara Gut als Topfavoritin an den Start, die Tessinerin konnte ihre Favoritenrolle jedoch nur teilweise bestätigen und wurde hinter Überraschungssiegerin Nicole Schmidhofer und Tina Weirather «nur» Dritte.

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Wer sich an Titelkämpfen eine Medaille erobert, hat grundsätzlich das primäre Ziel schon einmal erreicht. Im Falle von Lara Gut war Platz 3 hinter der überraschenden Österreicherin Nicole Schmidhofer und der Liechtensteinerin Tina Weirather aber dennoch fast eine leise Enttäuschung.

Denn nach ihren Leistungen im bisherigen Winter war die Tessinerin die erste Anwärterin auf den Sieg. Die ersten drei Super-G der Saison hatte sie gewonnen, zuletzt in Cortina war sie auf dem Weg zu einem weiteren Erfolg durch Sturz ausgeschieden.

Prellungen an Oberarm und Oberschenkel hatte sie sich beim Ausfall in den Dolomiten zugezogen. Dieses Handicap wog wohl zu schwer. Erst am Montag hatte sich Lara Gut erstmals wieder auf den Schnee begeben können.Der wohl berühmteste Fan der Schweiz hat sich getraut zu sagen, was viele in St. Moritz dachten. «Natürlich ist es eine Medaille. Aber ich bin auch enttäuscht, weil ich von Lara Gold erwartet habe», sagte Sigi, der mit seiner Trompete bei jedem Spiel der Schweizer Fussball-Nati zu hören ist – und auch leidenschaftlich gerne die Skirennen in der Schweiz besucht.
Es schien eben alles angerichtet für die erste Gold-Medaille von Lara Gut an einer WM. Drei von vier Super-G hatte die 25-Jährige in dieser Saison gewonnen. Sie selbst sagt: «Der Super-G ist meine Lieblingsdisziplin.» Die spätere Siegerin Nicole Schmidhofer sagte: «Ich habe mit Lara gerechnet, so bestechend ist sie in dieser Disziplin gefahren.» Nur leider nicht am Dienstag.
So weinte die Österreicherin Schmidhofer auf dem Podest Freudentränen. Lara Gut wischte sie ihr vom Bronzeplatz aus weg. Es war eine tolle Geste der Schweizerin, die am Dienstag ihre fünfte WM-Medaille gewann. Nur eben nicht Gold.

An den Olympischen Spielen 2014 in Sotschi hatte Lara Gut in der Abfahrt ebenfalls Bronze gewonnen – und im Zielraum vor Enttäuschung geweint. «Ich wusste, dass die Goldmedaille an diesem Tag für mich möglich gewesen wäre, darum war ich so enttäuscht», erklärte sie später ihr Verhalten, das für Kritik sorgte.

Am Dienstag weinte sie nicht. Zumindest nicht öffentlich. 20 Minuten lang zog sich die Tessinerin nach ihrer Zielankunft zurück. Später erklärte sie: «Ich musste sofort in die Physiotherapie.» Lara Gut war sichtlich bemüht, sich ernsthaft zu freuen. «Bronze ist nicht Rang vier und es ist cool, zum Auftakt eine Medaille zu gewinnen.»

Schmerzen nach dem Rennen

Tatsächlich merkte man nur in ganz wenigen Momenten, dass eben doch Enttäuschung mitschwingt. «Natürlich wäre ich lieber sehr gut in die WM gestartet, aber der Anfang war auch so gut. Es war mein erstes Rennen nach dem Zusammenprall mit der Torstange in Cortina. Darum ist ein Podestplatz nicht so schlecht.» In Cortina war Lara Gut am 29. Januar im Super-G mit Bestzeit unterwegs, ehe sie in ein Tor fuhr und ausfiel. Dabei hatte sie sich starke Prellungen am rechten Arm und Bein zugezogen.
«Ich war in der letzten Woche gefühlt öfter in der Physiotherapie als während meiner ganzen Karriere zuvor», sagte sie. Erst am Montag trainierte Lara Gut erstmals seit dem Malheur auf Schnee. Darum war die Enttäuschung am Dienstag nicht ganz so gross wie 2014 in Sotschi. Weil die Voraussetzungen nicht ganz so gut waren. Und weil ihr Gefühl auf der WM-Piste in St. Moritz alles andere als stimmte.

«Als ich ins Ziel kam, hat mir mein Gefühl gesagt, ich hätte total versagt», sagte Lara Gut. «Ich konnte nie wirklich voll attackieren. Der Schnee fühlte sich irgendwie komisch an.» Die Schneefälle in den Tagen zuvor hatten die Strecke aufgeweicht. Lara Gut mag aber harte Pisten. Als Ausrede wollte sie das aber nicht verstanden haben. «Ich hätte es trotzdem besser machen können», sagte sie.

Höhere Ansprüche

Den anschliessenden Pressemarathon absolvierte sie hingegen souverän. Obwohl sie Schmerzen plagten. «Auf der Piste habe ich überhaupt nichts gespürt von meinen Prellungen. Aber jetzt tut es richtig weh.» Darum stand danach erneut eine lange Therapiesitzung auf dem Programm. «Im Moment braucht mein Körper ich deutlich länger, um zu regenerieren. Doch es wird von Tag zu Tag besser.»

Die Möglichkeit, sich rangmässig im Rennen zu verbessern, bietet sich Lara Gut bereits in den nächsten Tagen. In der Kombination am Freitag und in der Abfahrt am Sonntag hat sie erneut gute Chancen auf WM-Medaillen. In diesen Rennen wird die Erwartungshaltung an die Schweizerin dann auch etwas tiefer sein – wenn auch nur marginal. Anders als im Super-G ist sie nicht klare Topfavoritin, sondern nur eine Anwärterin auf Gold.

Auch darum bilanzierte der Direktor von Swiss-Ski, Markus Wolff, am Dienstag: «Ein Medaille zum WM-Auftakt ist toll. Erst recht, wenn man an ihre Verletzung denkt und berücksichtigt, welch grosser Druck auf Lara Gut lastete. Doch mir ist auch bewusst, dass ihre persönlichen Ansprüche andere sind.» Nur das Beste ist gut genug.

Trompeten-Sigi verliess den Zielraum mit einem gemischten Gefühl. Soll man sich über Bronze freuen oder das verpasste Gold betrauern? Selbst Lara Gut weiss das nicht genau.

Das Rennen zum Nachlesen im Liveticker von Jan Kutschera:

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