Genau vor zehn Jahren und zehn Tagen stürzte Lara Gut im wahrsten Wortsinn ins Rampenlicht. Als 16-Jährige kam sie am 2. Februar 2008 in der Weltcup-Abfahrt in St. Moritz vor dem Ziel zu Fall – und wurde dennoch Dritte. Es war ein traumhafter Beginn. Doch viel zu früh stand sie im Fokus. Immer beachtet und trotzdem meist allein. Heute sagt sie: «Es ist schwierig, allein zu sein.» Die 26-Jährige hat dies auf die harte Tour gelernt.

Rückblick: Gewählt hat die Familie Gut den Alleingang als Privatteam selbst. Am Anfang der Profikarriere waren es schwierige Jahre. Immer wieder erntete Lara Gut Kritik. Von den Medien und selbst vom Schweizer Ski-Verband. 2010 wurde sie sogar für zwei Weltcup-Rennen gesperrt. Swiss Ski warf ihr «respektloses Verhalten»vor.

Heute sagt die Tessinerin: «Deutsch ist meine dritte Sprache». Eine Fremdsprache, was sehr oft vergessen geht, weil Lara Gut sehr früh in sehr gutem Schweizerdeutsch Interviews gab. Nur: «Wenn ich etwas auf Deutsch gesagt habe, ist es oft missverstanden worden. Es kam härter rüber, als ich es meinte.»

So wirkte Lara Gut gegenüber Deutschschweizern unfreiwillig arrogant, manchmal unnahbar. Wie jemand, der sich als etwas Besseres sieht. «Auf Italienisch spreche ich exakt aus, was ich fühle. Auf Deutsch kann ich mich nicht so genau ausdrücken, kürze ab und es entsteht ein falsches Bild», sagt sie. Deswegen wurde Lara Gut erneut unfreiwillig noch mehr isoliert, als es der Weg mit dem Privatteam sowieso schon mit sich brachte.

Lara Gut: "Vielleicht klappt es wieder mit dem schnellen Schwung."

Lara Gut: «Vielleicht klappt es wieder mit dem schnellen Schwung.»

Genau ein Jahr nach ihrem Sturz und ihrer Verletzung an der WM in St. Moritz ist Lara Gut zuversichtlich, dass sie bald wieder so schnell fährt wie vor dem Unfall. «Vielleicht klappt es am Montag wieder mit dem schnellen Schwung», sagt die Tessinerin in Pyeongchang. Am Montag bestreitet die Mitfavoritin im Super-G vorerst einmal den Riesenslalom.

«Zu Beginn meiner Karriere war ich die Kleine in einem Team mit ausschliesslich deutschsprachigen und älteren Athletinnen.» Versuchte sie, sich an Gesprächen zu beteiligen, fiel es ihr schwer. Weil die Sprachbarriere zu grösseren Problemen führte als gemeinhin angenommen. «Darum habe ich Distanz zum Team gesucht», sagt sie heute. Selbst in gemeinsamen Trainings war Lara Gut allein.

Wieder Licht in den Augen

Wie sehr die Einsamkeit an ihr zerrte, spürte sie lange gar nicht. Ihr rasanter Aufstieg an die Weltspitze musste schliesslich weitergehen. Lara Gut setzte sich unter Druck. Und plötzlich rannte sie und rannte sie und wusste gar nicht mehr wofür. «Ich lernte in meinem Leben als Athletin: Selbst wenn ich das Gefühl habe, dass ich nicht mehr kann, geht es eben doch noch irgendwie», erzählte sie dem «Tages-Anzeiger».

Zwar wurde die Beziehung zwischen ihr und Swiss Ski ab 2012, als der Österreicher Hans Flatscher Cheftrainer bei den Frauen wurde, immer besser – und die Integration ins Team schritt voran. Doch das Gefühl der Einsamkeit hielt sich hartnäckig. Genau wie das Mantra: arbeiten, arbeiten und noch mehr arbeiten. Sehr oft allein mit ihrem Privatteam.

Jahre lang ging das so. Lara Gut lernte, ihre Gedanken zu ignorieren. Eigentlich sagten ihr die Gefühle spätestens im März 2016, als sie die grosse Kristallkugel für den Gewinn des Gesamtweltcups erhielt: Stopp, und zwar jetzt!

Jedes Rennen ein Highlight!

Jedes Rennen ein Highlight!

Die Schweizer Medaillenhoffnungen Lara Gut und Wendy Holdener stellten sich heute vor ihrem Riesenslalom-Start in Pyeongchang gut gelaunt den Medien.

Lara Gut fühlte sich leer. Es waren vielleicht erste Anzeichen eines Burnouts. Doch es musste weitergehen. Und es ging weiter. Bis sie sich am 10. Februar des vergangenen Jahres an der WM in St. Moritz schwer verletzte. Ein Kreuzbandriss sorgte für die lange nötige Vollbremsung.

«Mein Freund sagte mir, als er mit mir den Film über mich (‹Laras Lauf›, ein Dok-Film; die Red.) anschaute: ‹Nach dem Unfall hattest du wieder Licht in den Augen.› Und genau so fühlte ich mich», erzählt sie in Pyeongchang.

Die Olympischen Winterspiele in Südkorea stehen für eine neue Lara Gut. So stark wie nie ist sie ins Team integriert. Man sieht sie auf Fotos mit Wendy Holdener und Co. beim Abflug. Man sieht sie im Bus und in der Skihütte neben den Kolleginnen sitzen. «Es tut gut, dabei zu sein», sagt sie. Die Routiniers von früher sind zurückgetreten. Mit der neuen Generation versteht sie sich viel besser.

Den Weg mit ihrem Privatteam wird sie weiterhin gehen. Ihr Erfolg beruht darauf. Doch der nächste Schritt aus der Einsamkeit könnte trotzdem etwas auslösen. Eine Goldmedaille an einem Grossanlass fehlt Lara Gut noch. Nach dreimal WM-Silber und zweimal WM-Bronze und Bronze an den Winterspielen 2014 ist es Zeit für Gold. Zehn Jahre später würde Lara Gut stärker denn je ins Rampenlicht treten.