Es ist ein Fakt, ob man es wahrhaben will oder nicht: im Schweizer Skisport dreht sich (fast) alles um Lara Gut. Die 24-jährige Tessinerin ist so etwas wie die Lebensversicherung der Nationalmannschaft – und zurzeit wichtiger denn je.

Nach dem Ski-Tsunami vor drei Jahren mit dem Absturz auf den 7. Platz der Weltrangliste leitete Lara Gut schon im ersten Rennen der Folge-Saison den Turnaround ein. Sie siegte in Sölden. Und Ende Saison klassierte sich die Schweiz wieder standesgemäss auf dem 2. Platz der Nationenwertung. Ohne die Punkte von Lara Gut, seit fünf Jahren ununterbrochen beste Schweizerin in der Jahreswertung, wäre sie Fünfte geworden.

Harmonie in den Schnittstellen

Dabei ist Lara Gut «nur» ein Team im Team, aber in Wahrheit das Team im Team. Dank Cheftrainer Hans Flatscher und Swiss-Ski-Direktor Markus Wolf sind jetzt immerhin die Schnittstellen so justiert, dass weitgehende Harmonie besteht. Nach dem gemeinsamen Trainings-Camp in Ushuaia im argentinischen Feuerland geriet Flatscher fast ins Schwärmen: «Lara hat sich fast mütterlich um die jungen Fahrerinnen gekümmert.»

Sie selber sieht ihren Status pragmatisch: «Ich profitiere vom Team – und umgekehrt.» Die Rolle als Leaderin, von der Gedeih oder Verderb der Equipe abhängig ist, relativiert sie: «Die Mannschaft ist nicht abhängig von mir. Wenn ich gewinne, ist es cool für mich und tut der Mannschaft gut. Wenn eine andere gewinnt, ist es genauso. Ich kann ohnehin nur meine Leistung bringen und spüre deshalb auch nicht Verantwortung für das ganze Team.»

Gut freut sich auf Fenningers Rückker

Die medialen Mechanismen folgen aus ihrer Optik einer simplen Arithmetik: «Fährt eine nicht gut, fehlen die Punkte von ihr und es passiert nicht viel. Fahren vier nicht gut, fehlen die Punkte von vieren – und man spricht von Krise. Und wenn mal eine schnell fährt, spricht man schon von der nächsten Weltcup-Gesamtsiegerin. So funktionieren die Medien.»

Jetzt ist sie nach der Verletzung von Anna Fenninger medial in die Favoriten-Rolle auf den Gesamtsieg gerückt. «Dabei», so Gut, «scheinen die Journalisten zu vergessen, dass auch Lindsey Vonn, Mikaela Shiffrin, Viktoria Rebensburg und Tina Weirather mitfahren». Fenningers Ausfall löst bei ihr nicht ansatzweise Überlegungen auf erhöhte Siegchancen aus: «Anna ist eine mega gute Freundin und wird mir fehlen. Ich freue mich jetzt schon auf ihre Rückkehr.»

Ein gelungener Umstieg auf das neue Material

Seit diesem Jahr sind die zwei, die früher gemeinsam in die Ferien reisten, Markenkolleginnen. Fachgespräche überlassen sie indes ihren Serviceleuten. Lara Guts neuer Betreuer ist der Amerikaner Chris Krause, der einst die Ski von Bruno Kernen, Didier Cuche und Bode Miller schnell machte. Er gilt in der Branche als «Verrückter». Head-Rennsportchef Rainer Salzgeber stellt beruhigt fest: «Krause ist ziemlich relaxed. Das ist bei einem wie ihm ein sehr gutes Zeichen.»

Für Lara Gut ist der Umstieg auf das neue Material positiv verlaufen: «Sie sind am Anfang der Kurve ruhiger. Das ist das, was ich gesucht habe.» Während einer Woche führte Tüftler Didier Cuche Gut auf dem Stilfserjoch in die Geheimnisse der Head-Ski ein und steht ihr bei Bedarf jederzeit zur Verfügung. «Meist genügt eine SMS oder ein kurzes Telefonat», sagt Gut. «Er hat auf jede Frage eine Antwort. Wenn er nur einen Zehntel von dem, was er ausprobiert hat, weitergeben kann, ist das sehr viel.» Cuche spielt den Ball zurück: «Ich habe geglaubt, ich spüre viel. Lara spürt noch viel mehr.»

Sölden nicht aussagekräftig

Vor zwei Jahren gewann Lara Gut in Sölden und liess diesem Sieg sechs weitere folgen. Im vergangenen Jahr schied sie – mit der fünftbesten Zwischenzeit – aus und kam nachher in dieser Disziplin nicht mehr über einen 9. Rang hinaus. Sie sieht darin keinen Zusammenhang: «Aus Gletscherrennen kann man wenig Schlüsse ziehen.»

Vielmehr aus den optimalen Trainingstagen auf der Diavolezza, als sich Weirather und Gut gegenseitig zu Bestzeiten hetzten und auch der Rest des Teams gut mithielt. «Das ist ein Zeichen, dass alle gut sind», sagt Trainer Luis Prenn. Und fügt an: «... oder alle schlecht», was der Trainer-Fuchs aus dem Südtirol aber eher als ironischen Scherz verstanden haben will.