Kunstturnen
«Längere Pausen kann ich mir nicht mehr erlauben» - Steingrubers schwieriger Spagat

Die Olympia-Dritte muss vor den Weltmeisterschaften ihre Ungeduld zügeln. Denn nach ihrer Operation am rechten Fuss ist sie bei 85 Prozent ihres Leistungsvermögens. Nun muss sie sich Schritt für Schritt zu alten Leistungen zurückfinden

Simon Häring
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Giulia Steingruber reist mit geringen Erwartungen nach Montreal.

Giulia Steingruber reist mit geringen Erwartungen nach Montreal.

KEYSTONE

Einfach Turnen. Losgelöst von Notendruck und Erwartungen. Ohne den lähmenden Vergleich mit anderen. «Es gab eine Zeit, in der wusste ich nicht, wer gut ist. Ich habe einfach nur geturnt», sagt Giulia Steingruber. Es ist die Zeit, als sie mit 14 Jahren aus der Ostschweiz nach Magglingen kommt, ins nationale Leistungszentrum. Es klingt nach einer romantischen Verklärung in einem Sport, der dem Körper alles abverlangt. «Turnen ist ein knallhartes Geschäft», sagt sie selber. «Man muss es wirklich wollen.» Sie will es, noch immer. Obwohl sie fünffache Europameisterin ist. Obwohl sie 2016 in Rio de Janeiro mit Bronze im Sprung zur ersten Schweizer Turnerin wird, die an Olympischen Spielen eine Medaille gewinnt. «Ich kann mir ein Leben ohne Turnen einfach noch nicht vorstellen», sagt sie.

Fernziel sind die Olympischen Spiele 2020 in Tokio, die Weltmeisterschaften in Montreal ab dem 2. Oktober nur eine Etappe. Auch deswegen wird sie in Kanada kaum um Medaillen turnen. Nach ihrer Auszeit und einer Operation am rechten Fuss sei sie bei 85 Prozent ihres Leistungsvermögens. Im Vergleich zum letzten Jahr turnt sie ein einfacheres Programm. «Es wurmt mich schon. Ja, es nervt mich, dass es noch nicht geht. Aber ich muss das akzeptieren und Schritt für Schritt nehmen. Ich kann es nicht erzwingen», sagt Steingruber.

Giulia Steingruber wird an der WM in Montreal nicht 100 Prozent ihrer Leistungen abrufen können

Giulia Steingruber wird an der WM in Montreal nicht 100 Prozent ihrer Leistungen abrufen können

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Achterbahnfahrt der Gefühle

Zwar sagt sie, die Zuversicht und das Vertrauen in den Körper seien zurück, doch noch immer diktiert dieser den Trainingsplan. Nach dem Training ist der Fuss geschwollen, fast täglich ist sie in der Physiotherapie. Sie sei zwar im Fahrplan, aber «es ist ein Auf und Ab». Was auf sie als Turnerin zutrifft, lässt sich auch auf ihr Leben übertragen. Im Januar werden ihr drei Knochensplitter im rechten Fuss entfernt, ein Aussenband neu fixiert und ein Knorpelschaden im Sprunggelenk behandelt. Als sie sich vom Eingriff erholt, verstirbt ihre drei Jahre ältere Schwester Désirée, die seit ihrer Geburt körperlich und geistig behindert war, an einer Lungenentzündung. Steingruber benötigt Zeit, um ihr inneres Gleichgewicht wieder zu finden und ihre Gefühlswelt neu zu ordnen.

Eine wichtige Stütze ist bei diesem Prozess der zum Cheftrainer beförderte Franzose Fabien Martin, der nach den Olympischen Spielen Zoltan Jordanov ablöste, mit dem Steingruber acht Jahre zusammengearbeitet hatte. Ihm gelingt es offenbar besser, auf Zwischentöne zu achten. «Er ist aufmerksam und wir suchen gemeinsam Lösungen. Vorher war es schwieriger, Kompromisse zu finden», sagt Steingruber. Ihr kommt auch entgegen, dass der Trainer sie aus der Schusslinie nimmt, indem er das Team in den Vordergrund stellt. Martin sagt: «Sie hat keinen Druck und ist auf einem guten Weg.» Das Ziel? Tokio.

Steingrubers Ziel sind die Olympischen Spiele in Tokio

Steingrubers Ziel sind die Olympischen Spiele in Tokio

KEYSTONE/SALVATORE DI NOLFI

Turnen ohne Gedanken an Notenblättern

Kein Druck. Ausprobieren. Feilen an Details und Elementen. Turnen, ohne Gedanken an Notenblätter. Es soll ein bisschen wie damals sein, als sie nach Magglingen kam. Die Erinnerung daran soll ihr dabei helfen, den schwierigen Spagat zwischen Anspruch und Realität zu meistern. «Ich versuche, nicht zu sehr auf die anderen zu achten und mich auch mich zu konzentrieren», sagt sie selber. «Sonst denke ich nur: Ich will noch mehr, noch mehr. Dann mache mir nur zu viel Druck.» An Weltmeisterschaften nicht an der eigenen Leistungsgrenze zu turnen, muss für sie, die Ungeduldige, eine quälende Konzession für das Fernziel Tokio sein.

Die Zeit vergehe schnell, mahnt sie. «Längere Pausen kann ich mir nicht mehr erlauben.» Auch darum nicht, weil sie dort den Sprung zeigen will, für den sie sich in Rio de Janeiro nicht bereit Gefühl hatte: den Tschussowitina mit zusätzlicher halber Schraube. Doch davon, diesen Sprung erstmals nicht nur im Training, sondern auch im Wettkampf zu zeigen, ist die 23-Jährige derzeit noch weit entfernt. Entsprechend zurückhaltend formuliert sie ihr persönliches WM-Ziel: das Erreichen des Mehrkampffinals. Der Fokus liege auf dem nächsten Jahr. Und doch ist es nicht mehr wie damals, als es nur sie, ihren Körper, die Geräte und die Gedanken an die Notenblätter gab. «Es ist ein Wiedereinstieg», sagt Steingruber. «Aber man hat ja trotzdem Ziele.»