Kuriositäten im Fussball
Fünf «Engländer» sitzen am Katzentisch und «Gott» Ibrahimovic kämpft mit den Tränen

Fünf «Engländer» bewegen sich bei der deutschen Fussball-Nationalmannschaft in einer Blase in der Blase. Und: Grossspurig wie immer, aber ungewöhnlich emotional: Zlatan Ibrahimovic fiebert seinem Comeback für Schweden entgegen.

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(sid/swe) Der selbsternannte «Gott» verlor plötzlich die Fassung. Zlatan Ibrahimovic vergrub sein Gesicht hinter den Händen, kämpfte mit den Tränen und wirkte mindestens für einen Moment überraschend menschlich. «Das ist keine gute Frage, die Sie da stellen», sagte der 39-jährige Stürmerstar, der nach fast fünf Jahren sein Comeback in der schwedischen Nationalmannschaft feiert.

Zlatan Ibrahimovic an der PK vom Montag in Stockholm.

Zlatan Ibrahimovic an der PK vom Montag in Stockholm.

AP

Wenn es um die Familie geht, fällt bei Ibrahimovic die harte Fassade. Die Frage, wie seine beiden Söhne die Trennung vor seinem Eintritt in die Bubble der Blagult, der Blau-Gelben, aufgenommen hätten, wühlte «Ibrakadabra» auf. «Ich hatte Vincent hier, er hat geweint, als ich ihn verlassen habe. Aber es ist okay, es ist okay», sagte Ibrahimovic und schien sich selbst zu beruhigen. Kurz später strahlte der Profi des AC Mailand aber wieder die Vorfreude und Lust auf internationale Duelle aus, die ihn zurück ins Team von Trainer Janne Andersson bewegt hatte. Bei den WM-Qualifikationsspiele gegen Georgien und im Kosovo sowie gegen Estland können die schwedischen Fans nach einer langen Pause wieder auf magische Momente ihres Fussball-Idols hoffen.

Nach dem Vorrundenaus bei den europäischen Titelkämpfen 2016 hatte der Mann aus Malmö seine Länderspielkarriere nach 116. Auftritten und 62 Toren eigentlich beendet - nun vollzog er nach einem klärenden Gespräch mit Andersson seinen Rücktritt vom Rücktritt. Stilecht kündigte Ibrahimovic, ein Meister der Inszenierung, «Gottes Rückkehr» in den Sozialen Medien an.

Trainieren ja, zusammen Essen nein – eine absurde Situation

Die Blase in der Blase umhüllte die deutsche England-Fraktion schon bei der Anreise. Einem schwarzen DFB-Van entstieg vor dem Vier-Sterne-Hotel in Düsseldorf ein gut gelauntes Quintett Maskenträger aus der Premier League: Ilkay Gündogan, Timo Werner, Kai Havertz, Antonio Rüdiger und Bernd Leno – jene fünf Nationalspieler, die zwar mit ihren Kollegen trainieren und spielen dürfen, sich aber beim Essen und der Physiotherapie von ihnen fernhalten müssen.

Die Spieler beim Training im November 2020.

Die Spieler beim Training im November 2020.

DPA

Es ist eine absurde Situation. «Die UK-Spieler haben einen gesonderten Tisch im Hotel, wir stehen da bei den Mahlzeiten nicht in Kontakt», sagte Kapitän Manuel Neuer am Dienstag und sprach lachend über die grosse Gruppe jener, «die das europäische Festland bewohnen». Der DFB könnte seine «Engländer» behandeln wie alle anderen Spieler, das betonte Direktor Oliver Bierhoff. Schliesslich ist die Anweisung zur «Arbeitsquarantäne» aufgehoben, weil Grossbritannien von der Bundesregierung nicht mehr als Virusvarianten-Gebiet eingestuft wird. Aber, sagte Bierhoff:

«Wir wollen kein Risiko eingehen. Wir werden strengere Regeln von unserer Seite ansetzen.»
Teammanager Oliver Bierhoff.

Teammanager Oliver Bierhoff.

EPA

In dieser Lage ist es das richtige Zeichen, freiwillig härtere Massstäbe anzulegen. Gündogan wird das verstehen: Er hat immer wieder eindrücklich von seiner Corona-Erkrankung erzählt, von den schweren Symptomen und seinem weinenden Grossvater. Auch Havertz hatte Covid-19. In Düsseldorf, Duisburg und Bukarest müssen sich beide weitgehend von der Mannschaft isolieren. Kein Physiotherapeut, der einen aus der Fünfergruppe behandelt, wird vorher oder nachher einen der anderen Spieler massieren. Erlaubt ist hingegen die Teilnahme an allen Besprechungen. «Uns freut natürlich, dass wir auch auf diese Spieler zurückgreifen können», sagte Bundestrainer Joachim Löw.

Wie sich die Vorsicht damit verträgt, gemeinsam Zweikämpfe zu trainieren oder mit den Fussball-Blasen anderer Nationen auf dem Platz zu stehen, ist eines der Mysterien der Coronakrise. Der Fussball: Er zieht durch. «Die Bürger wollen nicht, dass mit zweierlei Mass gemessen wird, nur weil es um Millioneneinnahmen durch Fernsehübertragungen geht», hat der SPD-Politiker und Epidemiologe Karl Lauterbach darüber zuletzt gesagt.