Es ist einer dieser kalten, windigen Morgen im Dezember. Giulia Steingrubers Laune ist trotzdem prächtig. Auf der Geschäftsstelle des Schweizerischen Turnverbands in Aarau spricht die Kunstturnerin über ihr vergangenes Jahr. Danach stehen Planungs-Sitzungen an, bei denen besprochen wird, wie es 2018 weitergeht.

Darum begleitet Mutter Fabiola Steingruber ihre Tochter. Diese muss als Erstes einen Kleiderwechsel vornehmen. Der schöne Pullover darf nicht aufs Foto, sonst könnten die Sponsoren böse werden. Gesagt, getan. Im Sport-Shirt zurück, geht das Gespräch über ein bewegendes Jahr los.

Giulia Steingruber, was war Ihr schönster Moment 2017?

Giulia Steingruber: Als ich Anfang Oktober an der WM in Montreal Bronze gewonnen habe. Es war meine erste WM-Medaille überhaupt. Und die Belohnung für ein Jahr, das nicht ganz einfach war und viele Höhen und Tiefen hatte.

Die Medaille kam wohl auch für Sie überraschend, einige Monate zuvor fragten Sie sich: «Werde ich jemals wieder so gut wie früher?»

Ich hätte tatsächlich nie damit gerechnet. 2017 begann ich mit der Operation an meinem rechten Fuss. Ich musste meine Erwartungen zurückschrauben. Ich war lange weit entfernt von meinen früheren Leistungen. Und hätte mir darum nicht einmal erträumt, überhaupt ins Sprungfinale zu kommen.

Und die Überzeugung, dass Sie noch besser werden können als je zuvor, ist zurück?

Ich hoffe es sehr. Ich kann meinen Fuss zwar noch immer nicht 100 Prozent belasten. Und hole darum im Moment die Reha-Stunden nach, die während der WM etwas zu kurz gekommen sind. Ich weiss jetzt schon, dass 2018 ein extrem strenges Jahr wird. Um noch einmal besser zu werden, muss alles zusammenpassen – die Gesundheit und der Trainingsfortschritt.

Zu Ihrem Jahr 2017 gehört auch der Tod Ihrer älteren Schwester Désirée, die seit Geburt schwer behindert war. Konnten Sie diesen Schicksalsschlag verarbeiten?

Ich habe auf meine Art und Weise getrauert. Aber das braucht sicher noch etwas Zeit.

Sie haben Désirée eine Bodenübung gewidmet. Wie viel Kraft konnten Sie daraus ziehen?

Sehr viel. Ich habe schon früher immer gesagt, dass ich das Gefühl habe, mit der Kraft für zwei turnen zu können.

In der Sportwelt mehren sich die Erzählungen von Athletinnen und Athleten, die sich in einem Hamsterrad befinden, weil Druck und Erwartungen immer grösser werden. Wie erleben Sie das?

Diese Tendenzen bemerke ich auch. Was sicherlich aber auch mit Erfolgen zusammenhängt. Eine Olympia-Medaille oder eine WM-Medaille bedingen auch Verpflichtungen. Vor allem aufs Jahresende spüre ich das jeweils noch viel mehr. Der Begriff Hamsterrad fasst es ziemlich gut zusammen. Meine Eltern erleben das fast noch ein bisschen mehr als ich. Sie nehmen mir sehr viel ab, damit ich mich voll auf den Sport konzentrieren kann.

Nach den Olympischen Spielen haben Sie sich eine dreimonatige Auszeit gegönnt, waren unter anderem sechs Wochen in Australien. Welche Erkenntnisse haben Sie gewonnen?

Es war wunderbar. Ich konnte vollkommen abschalten, den Kopf freikriegen. Einfach in den Tag hineinleben. Pläne gab es nur, wenn es darum ging, wann wir an den nächsten Ort reisen wollten. Ansonsten haben wir einfach gemacht, worauf wir Lust hatten. Ohne Verpflichtungen. Das habe ich sehr genossen.

Hatten Sie in Ihrem Leben schon einmal eine solche Genuss-Phase?

Das ist schon sehr lange her. Normalerweise muss ich in meinen Ferien viele kleine Büroarbeiten erledigen. Aber es gehört ja auch dazu, dass man mal ein Dankeskärtchen schreibt. Und das mache ich auch gerne.

Sehen Sie Ihre Tochter im Hamsterrad, Frau Steingruber?

Fabiola Steingruber: Die Erwartungen und der Druck waren vor allem nach den Olympischen Spielen in Rio 2016 extrem. Giulia war so fokussiert, dass sie um sich herum nichts mehr wahrgenommen hatte. Als dann – in ihrer Wahrnehmung: «endlich» – die Medaille kam, fiel sie in ein Loch. Es schien für sie schwer zu erkennen, dass es neben dem Sport noch ein anderes Leben gibt. Deshalb war die Auszeit das Beste, was ihr passieren konnte. Der Flug nach Australien war bereits gebucht, deswegen konnte sie nicht anders, als sich wirklich die Zeit für sich zu nehmen, die sie brauchte. Sonst wäre sie wahrscheinlich verloren gegangen.

Hatten Sie Angst um ihre Tochter?

Angst ist das falsche Wort. Ungewissheit würde es besser beschreiben. Wir wussten nicht, will sie wirklich noch turnen oder fühlt sie sich nur uns, den Sponsoren, dem Turnverband und sich selbst gegenüber verpflichtet? Der Spass am Turnen hatte und hat in unserer Familie immer Priorität. Wir wollten, dass sie will – nicht muss.

Giulia, haben Sie sich je als «Ich-muss-Turnerin» gefühlt?

Giulia Steingruber: Nicht direkt. Ich habe nach Rio lange überlegt, ob ich nun bereits meinen Höhepunkt erreicht habe. Ob es darum nun der beste Moment wäre, um meine Karriere zu beenden. Aber ich konnte mich nie mit dem Gedanken anfreunden, ohne das Turnen zu leben. Das war für mich Beweis genug für meine Leidenschaft und Liebe zum Turnen.

Sie haben sich mit dem Gedanken auseinandergesetzt, aufzuhören?

Ja, ich habe mich mit dieser Frage auseinandergesetzt. Ich fragte mich: Was ist, wenn ich mich nicht mehr beweisen kann? Was, wenn ich den ganzen Erwartungen nicht mehr gerecht werde? Was, wenn ich mit einer Enttäuschung aufhören muss? Doch ich bin zur Erkenntnis gekommen, dass ich mein Turnerleben gerne führe – nicht nur wegen des Erfolgs.

Hand aufs Herz: Würden Sie einem 7-jährigen Mädchen das Kunstturnen empfehlen?

Ja. Jederzeit.

Täuscht der Eindruck oder mussten Sie zuerst etwas überlegen, bis Ihnen das «Ja» über die Lippen gekommen ist?

Nein. Ich musste kurz an das Buch von Ariella Kaeslin denken. Aber da ich es anders erlebt habe als sie, würde ich es aus tiefstem Herzen empfehlen.

Sie erwähnen das Buch. Es trägt den Titel: «Leiden im Licht: Die wahre Geschichte einer Turnerin.» Haben Sie es gelesen?

Ja.

Darin kommen Aussagen vor wie: «Wenn ich einen Knopf hätte drücken können und nachher tot gewesen wäre, dann hätte ich den Knopf gedrückt!» Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie das gelesen haben?

Dazu äussere ich mich nicht. Ich durfte drei Jahre mit Ariella trainieren und habe gewisse Situationen miterlebt oder mitbekommen. Das Buch beschreibt ihren Weg, wie sie ihn erlebt hat. Ich erlebe ihn auf meine Weise.

Wieder einmal aktuell ist das Thema Missbrauch und Belästigungen im Kunstturnen. In diesem Herbst kamen die schrecklichen Taten eines ehemaligen US-Teamarztes ans Licht. Haben Sie je eine Situation erlebt, die Ihnen unangenehm war?

Nein, zum Glück nicht. Ich wäre aber auch jemand, der sich zur Wehr setzen würde, wenn mir etwas nicht passt.

Können Sie sich vorstellen, dass dies nicht allen leicht fällt?

Inwiefern meinen Sie?

Dass sich ein junges Mädchen nicht zu wehren getraut. Oder gar nicht weiss, wo Grenzen liegen.

Ja, ich kann mir vorstellen, dass es für 11- oder 12-Jährige schwieriger ist im Vergleich mit Älteren. Die Missbräuche im US-Team sind abscheulich.

Fabiola Steingruber: In diesen Leistungszentren werden die Mädchen aber auch darauf getrimmt, erfolgreich zu sein. Das ist bei uns in der Schweiz nicht so extrem. In unserer Familie hatten wir immer engen Kontakt mit den Trainern. Und wir haben Giulia immer gesagt, dass sie es sagen kann, wenn ihr etwas nicht passt, einfach im richtigen Tonfall. Den Respekt erwarteten wir aber auch vom Trainer ihr gegenüber. Hier kommt jedoch ein anderer Punkt dazu. Es ist manchmal schwer zu definieren, was noch erlaubt ist und was ein Übergriff ist. Was darf ein Trainer heute überhaupt noch? Gar nicht anfassen – das geht einfach nicht in diesem Sport.

Giulia Steingruber: Wenn wir ein Element turnen, sichern uns die Trainer. Das geht so schnell, dass es vorkommen kann, dass der Trainer dann mal an eine ungünstige Stelle fasst – uns aber dadurch sichert. Und das alles komplett ohne Absicht.

Fabiola Steingruber: Der gesunde Menschenverstand gehört beim Turnen einfach dazu.

Giulia Steingruber: Bei den Amerikanerinnen war es aber der Arzt, nicht der Trainer.

Fabiola Steingruber: Bei solchen Terminen haben wir Giulia immer begleitet, zumindest bis sie volljährig war. Trotzdem denke ich: Wenn man in der Familie offen über Sexualität reden kann, würde ein Mädchen oder auch ein Knabe sagen, wenn etwas passiert wäre.

Im Kunstturnen gehört man als 23-jährige Athletin zu den sehr Erfahrenen. Im Gegensatz zu anderen Sportarten wie Tennis oder Fussball. Wie erleben Sie das?

National fühle ich mich schon eher alt (lacht). Eine Kollegin und ich, beide 23 Jahre alt, sind die Ältesten unseres Teams. Der Altersunterschied zu den Jüngsten beträgt acht Jahre. Die privaten Interessen sind dann auch ziemlich unterschiedlich. Und ich merke, dass die Jüngeren noch viel energiegeladener sind. Ich musste mit der Zeit lernen, dass ich meinem Körper mehr Zeit zur Erholung geben muss. Interessant ist aber, dass ich international gesehen mit meinen 23 Jahren altersmässig im Mittelfeld bin. Es gibt mittlerweile viele Turnerinnen, die schon auf die 30 zugehen. Es hat sich einiges verändert.

Sie sind als Sportlerin viel unterwegs, leben ein ziemlich anderes Leben als viele junge Frauen in Ihrem Alter. Haben Sie genügend Zeit für das Leben abseits des Sports?

Diese Zeit nehme ich mir. Vor allem die Wochenenden verbringe ich gerne mit Freunden oder auch zu Hause und mache einfach mal nichts. Das bringt aber meine Mutter auf die Palme, wenn ich den ganzen Tag faulenze (lacht).

Weshalb?

Sie hat das Gefühl, dass ein bisschen frische Luft nicht schaden würde und ich auf keinen Fall den ganzen Tag nichts tun kann, ausser herumzulungern.

Wie lenken Sie sich sonst vom Sport ab?

Mit Freunden. Es ist mir sehr wichtig, dass die mich als Giulia und nicht als Olympiamedaillen-Gewinnerin wahrnehmen.

Fragen Sie sich manchmal, wie Ihr Leben mit 35 aussieht?

Ich hoffe, dass ich auf einem Beruf arbeiten werde. Dass ich vielleicht eine Familie habe. Aber im Moment ist das schwer zu sagen, da ich so im «Turnerleben» drin bin. Ehrlich gesagt, weiss ich ja gar nicht, wie so ein Berufsleben aussieht. Aber es interessiert mich sehr und ich hoffe, dass ich dann mit beiden Beinen im Leben stehen werde.

Was war Ihr Traumberuf, als Sie ein kleines Mädchen waren?

«Cööplerin». (Mutter und Tochter lachen beide)

Das müssen Sie erklären!

Fabiola Steingruber: Ihr Grossvater arbeitete an der Kasse im Coop. Deshalb waren wir viel dort, um einzukaufen. Und Giulia sagte mir immer, das wolle sie auch einmal machen.

Giulia Steingruber: Ich fand die Vorstellung immer cool, an der Kasse zu arbeiten.

Und heute?

Lange Zeit wollte ich im Gesundheitswesen arbeiten. Nun interessiert mich die Psychologie. Und wenn ich dies irgendwie mit der Polizei kombinieren könnte, würde das mein Traumjob ergeben. Erst einmal steht aber das Abschliessen der Matur auf meinem Programm.

Sie möchten zur Polizei?

Das könnte ich mir gut vorstellen. Die Arbeit scheint ziemlich abwechslungsreich, man sieht und lernt viel. Und ich denke, die Polizei ist, wie das Turnen auch, eine extreme Lebensschule. Aber die Psychologie sollte schon im Vordergrund stehen.

Also Fallanalysen.

Genau!

Fabiola Steingruber: Klarer Fall, sie schaut zu viele Serien, CSI und so weiter (lacht).

Und über eine eigene Familie haben Sie auch schon nachgedacht?

Giulia Steingruber: Ich habe sehr gerne Kinder. Aber im Moment ist es noch zu früh, um darüber nachzudenken. In zehn Jahren wäre das aber sicher sehr schön.

Bleibt neben dem Spitzensport genug Platz für eine Beziehung?

Sagen wir es so: Mit einer Turnerin oder einem Turner zusammen zu sein, ist nicht immer einfach. Es muss viel Verständnis vorhanden sein.

Zum Schluss: Was wünschen Sie sich fürs neue Jahr?

Tönt ganz einfach: eine gute Zeit. Viel Gesundheit. Und dass ich im Sport wieder mit 100 Prozent dabei sein kann.