Interview

Kunstturnerin Giulia Steingruber: «Biken ist für mich ein Krampf»

Giulia Steingruber mit Medaille: Im Interview erzählt sie, welche Teile des Trainings ihr nicht so liegen.

Giulia Steingruber mit Medaille: Im Interview erzählt sie, welche Teile des Trainings ihr nicht so liegen.

Die Ostschweizerin Giulia Steingruber spricht im Interview über ungeliebte Trainings, süsse Versuchungen und ihre Lieblingsbücher.

Lange war Magglingen der einzige Ort, an dem Spitzensportler noch normal trainieren konnten. Nach der Verschiebung der Olympischen Spiele um ein Jahr schloss jedoch auch die Sportanlage oberhalb von Biel. So trainiert die 26-jährige Giulia Steingruber nun in Gossau, wo ihre Eltern leben.

Kunstturner brauchen Geräte, um zu trainieren. Wie machen Sie das zu Hause?

Giulia Steingruber: Ich habe keine Geräte und kann deshalb meine Übungen auch nicht machen. Dank Mentaltraining kann ich mich jedoch zurückversetzten in Wettkämpfe. Wir kennen unsere Übungen auswendig, sie sind automatisiert. Deshalb ist es für mich einfach, sie im Kopf abzuspulen.

Ist das eine Trainingseinheit wie Kraftübungen?

Ich mach es nicht jeden Tag, aber vielleicht jeden zweiten. Manchmal setze ich mich nach dem Training eine halbe Stunde hin und gehe die Übungen durch, manchmal mache ich es am Abend im Bett. Es kommt ganz darauf an, wie ich mich fühle und ob ich Lust habe.

Wie sieht ihr restliches Training aus?

Ich versuche mich vor allem fit zu halten mit Kraftübungen. Unsere Trainer haben uns dafür ein paar Programme geschrieben. Wir arbeiten vor allem mit unserem eigenen Körpergewicht. Zudem verwende ich Medizinbälle und Therabänder. Damit kann ich sehr viel machen. Daneben arbeite ich ein wenig an meiner Ausdauer, was ich jedoch nicht gleich gerne mache. Ich war ein paar Mal biken und gehe ich hin und wieder Joggen. Mein Fokus liegt jedoch ganz klar auf der Muskelerhaltung.

Wie kam es, dass Sie biken?

Mein Vater ist gerne auf dem Bike unterwegs und konditionell sehr fit. Er hat mich gefragt, ob ich nicht mitkommen will. Für mich ist es schon ein rechter Krampf und ich hinke ihm immer etwas hinter her. Ich hoffe, dass nicht allzu viele Leute sehen, wie ich strample, während er locker voraus fährt. Es ist aber auch schön, die Umgebung zu erkunden und raus in die Natur zu kommen.

Sie haben Mountainbike-Weltmeister Nino Schurter auf Facebook um Hilfe gebeten. Konnte er Ihnen einen Tipp geben?

Er meinte, er gebe mir eine Lektion, sobald die Krise vorbei sei.

Also fahren Sie auch danach weiter?

Wenn wir wieder in der Halle trainieren können, dann wahrscheinlich weniger. Ich bin froh, wenn ich mich am Wochenende jeweils erholen und die Beine hochlegen kann. Aber vielleicht steige ich in den Ferien wieder auf das Bike oder dann, wenn meine Karriere als Turnerin vorbei ist. Dann muss ich ohnehin schauen, dass ich mich weiterhin bewege. Je leichter es wird beim Biken, desto mehr Freude werde ich daran haben. Mentale Stärke ist im Kunstturnen entscheidend.

Wie schafft man es, in dieser Zeit nicht in ein Loch zu fallen?

Ich muss zugeben, dass es auch für mich nicht ganz einfach ist, motiviert zu bleiben. Es hilft mir aber, einen Rhythmus zu haben. So versuche ich mich von Montag bis Samstag an einen Trainingsplan zu halten und meine Kraftübungen zu machen. Manchmal mache ich auch zwei Tage Pause am Wochenende, normalerweise ziehe ich den Plan jedoch durch. Es ist wichtig, etwas zu haben, das einem Freude macht. Das gute Wetter macht es zudem etwas einfacher, aber die Situation ist dennoch schwierig für mich.

Liegt es auch daran, dass 2020 ein Grossanlass fehlt?

Ja, so ist es. Praktisch niemand weiss, was passiert und welche Wettkämpfe doch noch stattfinden. Kein Ziel zu haben, ist extrem schwierig für einen Sportler. Klar, nächstes Jahr finden die Sommerspiele in Tokio statt. Aber das sind noch über 16 Monte bis dahin. Es würde deshalb helfen, kleine Ziele zu haben. So könnte man Schritt für Schritt nehmen.

Was für ein kleineres Ziel haben Sie sich genommen?

Bis im Juni wurden alle unsere Wettkämpfe abgesagt. Und danach sind keine weiteren geplant, weil dann die Spiele hätten stattfinden sollen. Es wird noch diskutiert, ob die EM in den Herbst verschoben werden soll. Das wäre super und würde etwas Abwechslung und Motivation bringen. Aber man weiss nicht, was alles noch passiert. Deshalb will ich mich nicht zu fest darauf versteifen. Ich probiere einfach mich fit zu halten, damit es mir einfacher fällt, nachher wieder ins Training einzusteigen, damit ich dann nicht zu sehr leide.

Sie haben nun viel mehr Zeit als sonst. Wie nutzen Sie diese?

Ich konnte viel Schlaf nachholen, was mir gut getan hat. Ich war schon lange nicht mehr so erholt wie jetzt. Ich lese auch viel auf dem Balkon an der Sonne, vor allem Psychothriller.

Haben Sie einen Buchtipp?

Von Michael Robotham habe ich gerade «Schweige still» gelesen. Das ist ein super Buch – wie alle von ihm. Auch die Bücher von Sebastian Fitzek kann ich empfehlen.

Haben Sie auch einen Ernährungstipp? Im Homeoffice ist die Versuchung ja gross, ständig etwas zu Essen.

Ich versuche gerade, mehr zu trinken. Mit Tee funktioniert das recht gut. Und wenn ich etwas Naschen möchte, dann probiere ich, eher einmal zu einer Frucht zu greifen als zu etwas Süssem. Das ist nicht ganz einfach. Ich erwische mich immer wieder, wie ich Schokolade esse – gerade über Ostern. Aber man darf sich auch einmal etwas gönnen. Sonst fängt man beim Essen plötzlich an zu hamstern.

Was gönnen Sie sich?

Ich liebe Süsses. Mein Problem sind vor allem die kleinen Schokolädchen, die herumliegen. Zudem mag ich Brot zum Abendessen, was ja auch nicht gerade ideal ist.

Was möchten Sie als erstes machen, wenn die Coronakrise vorbei ist?

Ende März hatte ich Geburtstag, ein Tag später eine gute Freundin von mir. Wir feiern jeweils zusammen. Im Kollegenkreis ist es zur Tradition geworden, dass wir für solche Anlässe in die Spaghetti Factory in Zürich essen gehen. Und danach trinken wir jeweils noch etwas und geniessen die Zeit zusammen. Es wäre schön, wenn wir das noch nachholen könnten.

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