Luci’s Flick Flack

Kunstturner und ihr steiniger Weg nach ganz oben

Lucas Fischer glaubt an das Potanzial von Giulia Steingruber. Sie hat sich an der WM in Glasgow für die Mehrkampf-, Sprung- und Boden-Finals qualifiziert.

Lucas Fischer glaubt an das Potanzial von Giulia Steingruber. Sie hat sich an der WM in Glasgow für die Mehrkampf-, Sprung- und Boden-Finals qualifiziert.

Der zurückgetretene Kunstturner Lucas Fischer schreibt in seiner Kolumne «Luci’s Flick Flack», was ihn in der Welt der Turner gerade bewegt. Diesmal schreibt er über Opfer, die man bereits als Kind für die grosse Liebe zum Kunstturnen eingehen muss.

Was für ein Resultat für das Frauen-Team um die Leaderin Giulia Steingruber. Alle gesetzten WM-Ziele wurden erreicht! Trotz grosser Startschwierigkeiten schafften die Schweizerinnen den so wichtigen 16. Rang. Und trotz eines Sturzes am Balken erturnte sich Steingruber den grandiosen zweiten Platz in der Mehrkampf-Qualifikation und den Einzug in zwei Gerätefinals. Welchen Weg muss eine Turnerin oder ein Turner gehen, um ein solch grandioses Resultat zu erzielen?

«Dieser Weg wird kein leichter sein, dieser Weg ist steinig und schwer» – wenn Xavier Naidoo mit seiner Liedpassage auf einen Kunstturner anspielen würde, hätte er den Nagel auf den Kopf getroffen. Für eine Karriere als Kunstturner braucht es einen eisernen Durchhaltewillen und die Stärke, Schmerzen aushalten zu können.

Gesucht werden Kinder im Alter von rund fünf Jahren mit Talent in Kraft, Beweglichkeit und Koordination. Es ist wichtig, so jung anzufangen, um die Kids mental und körperlich zu formen. Blessuren und Verletzungen sind an der Tagesordnung. Man muss früh lernen, damit umgehen zu können und auf den eigenen Körper zu hören.

Bei mir war es am Anfang immer schwierig, auch mal einen Gang runterzuschalten. Als sich meine Liebe zu diesem Sport entwickelte, wuchs die Gefahr, zu viel zu wollen. Geduld ist der Schlüssel zum Erfolg. Kunstturnen ist eine der zeitintensivsten Sportarten, die es gibt. Wie viel Zeit darin steckt, kann man sich als Aussenstehender fast nicht vorstellen.

Schon im Alter von zehn Jahren trainiert man viermal pro Woche drei Stunden lang. Schnell geht es zu sechs Trainings à je vier Stunden. Es war nicht einfach, in meinen jungen Jahren diese Doppelbelastung von Schule und Sport zu bewältigen. Ich war nicht der aufmerksamste Schüler und habe meine Lehrer öfters auf die Palme gebracht. Stillsitzen war schwierig für mich und im Herumalbern war ich Weltmeister.

Ich war noch ein Kind und die Schule war fast der einzige Ort, an dem ich das Kindsein ausleben konnte. Die anderen Schüler hatten dafür ihre Freizeit. Für mich war dann harte, disziplinierte und gezielte Arbeit angesagt. Darum habe ich das in der Schule kompensiert.

Nach der Oberstufe gibt es für einen Kunstturner nur zwei Möglichkeiten – KV oder Gymnasium. Für meine Lehre als Kaufmann benötigte ich sechs Jahre, weil ich beim obligatorischen Praktikum wegen des Trainings nur 30 Prozent arbeiten konnte. Wenn ein Turner später mit der Berufung ins Nationalkader nach Magglingen in dieses «Dorf der Sportler» zieht, ändert sich sein ganzes Leben. Man verlässt sein ganzes Umfeld und die Heimat. Das ist eines von vielen Opfern, welche ein Turner eingehen muss. Fast täglich wird dort sechs Stunden lang trainiert.

Der Weg eines Kunstturners ist unglaublich steil, sehr hart und man muss sich zu 100 Prozent darauf fokussieren. Doch umso schwerer die Arbeit ist, desto schöner ist dann auch der Erfolg. Davon kann ich seit dem Gewinn meiner Silbermedaille an den Europameisterschaften 2013 in Moskau ein Lied singen.

Wird sich die Arbeit auch für Giulia Steingruber an diesen Titelkämpfen in Glasgow ein weiteres Mal auszahlen und wird sie ihre allererste Medaille an einer WM gewinnen? Sie kann es schaffen, ich spüre es.

Lucas Fischer holte 2013 EM-Silber am Barren. Der 25-Jährige musste seine Karriere vor gut einem Monat aus Verletzungsgründen beenden.

Meistgesehen

Artboard 1