Olympische Spiele
Giulia Steingruber verpasst den Sprung-Final, erlebt ein Déjà-vu und sagt: «Ich wurde von den Kampfrichtern hart beurteilt»

Giulia Steingruber verpasst bei ihren wohl letzten Olympischen Spielen in Tokio alle Gerätefinals, steht aber im Mehrkampffinal. Verletzungen hatten die Vorbereitung erschwert und führten dazu, dass sie den Anschluss an die Weltspitze verloren hat.

Simon Häring, Tokio und Gabriel Vilares
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Giulia Steingruber verpasst in ihrer Paradedisziplin haarscharf den Sprung-Final.

Giulia Steingruber verpasst in ihrer Paradedisziplin haarscharf den Sprung-Final.

Freshfocus / Thomas Schreyer

Vier Mal war sie am Sprung Europameisterin – letztmals liess sie sich im Frühling in Basel Gold umhängen. Dazu kamen Bronze an der WM vor vier Jahren und 2016 in Rio de Janeiro die Krönung mit Bronze, als Giulia Steingruber als erste Schweizer Turnerin eine Medaille bei Olympischen Spielen gewinnen konnte. Nun verpasst sie in Tokio alle Gerätefinals der besten acht Athletinnen, jenen im Sprung als Neunte denkbar knapp. 0,05 Punkte fehlten, nun ist die 27-Jährige erste Ersatzturnerin. Es ist ein unerfreuliches Déjà-vu: Schon 2019 bei den Weltmeisterschaften in Stuttgart hatte sie mit dieser Rolle vorliebnehmen müssen.

In Tokio wurde ihr zum Verhängnis, dass ihr Standardrepertoire seit Jahren unverändert ist. Steingruber hatte zwar immer wieder neue Sprünge trainiert, aber keinen davon zur Wettkampfreife bringen können. Immer wieder machten ihr Verletzungen einen Strich durch die Rechnung. In Tokio kam dazu, dass sie ihre Sprünge – erst den Tschussowitina, dann den Jurtschenko mit Doppelschraube – nicht sauber stand. Leise Hoffnungen auf den Gerätefinal hatte sie sich auch am Boden gemacht, doch davon war sie an diesem späten Nachmittag weit entfernt: Rang 22. Am Ende blieb die Qualifikation für den Mehrkampffinal vom 1. August, den sie als 24. erreichte und als «Trostpflaster» bezeichnete.

Am Boden verpasste Giulia Steingruber deutlich.

Am Boden verpasste Giulia Steingruber deutlich.

Freshfocus / Thomas Schreyer

Subtile Kritik an der Notengebung

Die Vorbereitung auf ihre dritten und wohl letzten Olympischen Spiele nach London 2012 und Rio de Janeiro 2016 waren nicht nach Wunsch verlaufen. Im April erlitt sie einen Muskelfaserriss im linken Oberschenkel, der dazu geführt hatte, dass sie bei den Europameisterschaften in Basel auf den Bodenfinal verzichtete. Die Genesung nahm mehr Zeit in Anspruch als erhofft. Im Juni brach die Verletzung nochmals auf. Vor den Wettkämpfen sagte sie zwar, sie habe Vertrauen in ihren Körper, doch uneingeschränkt scheint es nicht zu sein. Dazu hatte sie sich im Training auf dem harten Boden am Fuss verletzt. Dennoch sagt sie: «Das ist keine Entschuldigung.»

Leicht irritiert zeigte sich Steingruber hingegen über die Bewertungen ihrer Übungen durch die Kampfrichterinnen. Steingruber sagt:

«Die Benotung am Boden empfand ich als recht happig. Ich hatte das Gefühl, dass ich nicht so eine schlechte Übung gezeigt habe. Oder am Balken. Dort hatte ich Wackler, ja, aber dass es gleich eine so tiefe Note gab, ist schon überraschend.»

Sie hielt jedoch fest, dass generell streng benotet worden sei und sie sich nicht benachteiligt fühle. Steingruber sucht die Schuld nicht bei anderen, das tat sie noch nie. Bereits kurz nach dem Wettkampf, als noch nicht fest stand, dass sie den Sprungfinal verpassen würde, sagte sie: «Ich denke, mit der Vorbereitung, die ich hatte, kann ich zufrieden sein mit der Leistung. Ich habe meine Übungen gemacht und keine Fehler gemacht.» Das ist richtig, aber es braucht nicht viel Fantasie, um in ihren Ausführungen der letzten Wochen eine gewisse Wettkampfmüdigkeit auszumachen.

Ihre Übungen beurteilt Giulia Steingruber wohlwollender als die Kampfrichterinnen.

Ihre Übungen beurteilt Giulia Steingruber wohlwollender als die Kampfrichterinnen.

Freshfocus / Thomas Schreyer

Im März feierte Steingruber ihren 27. Geburtstag, seit den Olympischen Spielen 2016 kämpfte sie immer wieder mit Verletzungen. 2016 hatte sie sich einen Teilanriss des Aussenbandes sowie Knochenabsplitterungen im Sprunggelenk zugezogen. Im Sommer 2018 riss sie sich das Kreuzband im linken Knie. Auf die Sprünge angesprochen, an denen sie gearbeitet, aber die sie nie in Wettkämpfen gezeigt hatte, sagte sie in Tokio: «Ich möchte nicht meine Gesundheit riskieren.»

Die Frage nach der Zukunft bleibt offen

Angesichts der Tatsache, dass sich ihre Karriere dem Ende nähert, und sie auch nach der Karriere ein aktives Leben in einem gesunden Körper wird führen wollen, ist diese Haltung nicht nur verständlich, sondern sogar löblich – gerade in einem Sport, bei dem in der Vergangenheit auch in der Schweiz ehemalige Athletinnen von zweifelhaften Methoden und Raubbau am Körper berichtet haben.

Doch es wirft auch die Frage auf, wie lange Steingruber ihre Karriere fortsetzt, wenn sie zur Erkenntnis gelangt, dass sie ihr Repertoire nicht mehr erweitern und den Ausgangswert ihrer Übungen erhöhen kann, um mit der Konkurrenz Schritt halten zu können. Schon jetzt trainiert sie in anderer Intensität als der Nachwuchs und sagt, der Körper brauche mehr Erholung. Bisher liess Giulia Steingruber offen, ob sie nach den Spielen weitermacht. Vor einem Monat hatte sie gesagt: «Ich plane meine Zukunft zwar ein bisschen, aber spruchreif ist noch nichts.» Sicher ist: Resultate wie jenes in Tokio werden sie auf Dauer wohl nicht glücklich machen.

Oksana Tschussowitina sagt Adieu

Sicher ihren letzten Auftritt im Kunstturnen hatte Oksana Tschussowitina. Im Alter von 46 Jahren verabschiedete sich die Usbekin von der grossen Bühne. Die achten Olympischen Spiele waren die letzten – Rekord. Keine andere Turnerin hat mehr erlebt. In der gleichen Subdivision wie Giulia Steingruber wollte sie den Sprung-Final erreichen. Die 14,166 Punkte reichten jedoch nicht. Als sie dies realisierte, flossen die Tränen.

«Ich möchte mehr Zeit mit meinem Sohn verbringen, der vor zwei Jahren nach Italien gezogen ist. Er studiert dort seit diesem Jahr und ich möchte bei ihm sein», so Tschussowitina vor den Spielen in Tokio. Seit 2013 turnte sie wieder für ihr Heimatland Usbekistan. Zwischen 2006 und 2012 war sie für unser Nachbarland Deutschland am Start. Ihr Sohn erkrankte an Leukämie und wurde in Köln von deutschen Ärzten behandelt, deshalb der Nationenwechsel. 1992 gewann die heute 46-Jährige Gold in Barcelona mit der Mannschaft, 2008 Sprung-Silber in Peking. Die lange Reise von Tschussowitina nimmt nun ein Ende. Nicht nur wegen dem nach in benannten Sprung wird sie im Turnsport eine Legende bleiben.

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