Kunstturnen
Späte Erkenntnis bei Superstar Simone Biles: «Ich hätte schon lange vor Tokio aufhören sollen»

Ausnahmeturnerin Simone Biles sagt, sie hätte gar nicht an die Olympischen Spiele nach Tokio reisen dürfen.

Raphael Gutzwiller
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Simone Biles: «Ich habe 18 Jahre lang geturnt. Ich bin aufgewacht und habe es verloren.»

Simone Biles: «Ich habe 18 Jahre lang geturnt. Ich bin aufgewacht und habe es verloren.»

Saul Loeb / AP

Auf Simone Biles lastete an den Olympischen Spielen in Tokio riesiger Druck. Standhalten konnte die Amerikanerin ihm aber nicht. Die weltbeste Turnerin, seit den Spielen vor fünf Jahren mit vier Olympiasiegen in Amerika zum absoluten Megastar aufgestiegen, hatte mit physischischen Problemen zu kämpfen. Vier Finals liess sie verstreichen, um zum Abschluss noch zurückzukehren und Bronze zu gewinnen.

Eigentlich hätte sie gar nicht erst nach Tokio reisen sollen, erzählt nun Biles in einem Interview mit dem New Yorker Magazin. «Wenn man sich ansieht, was ich in den vergangenen sieben Jahren alles durchgemacht habe, hätte ich nie wieder einem Olympiateam angehören dürfen. Ich hätte schon lange vor Tokio aufhören sollen», sagt sie.

Alles wird zu viel

Nachdenklich: Simone Biles während den Olympischen Spielen in Tokio.

Nachdenklich: Simone Biles während den Olympischen Spielen in Tokio.

Gregory Bull / AP

Der zeitweilige Rückzug des amerikanischen Superstars hatte für grosses Aufsehen gesorgt. Für viele Beobachter war er total überraschend gekommen. Doch Biles hatte Traumatisches erlebt in den Jahren zuvor. Sie gehört zu den Opfern eines der grössten Missbrauchsskandals der Sportgeschichte. Im Januar 2018 wurde dem ehemaligen Teamarzt der Amerikanerinnen, Dr. Larry Nassar, der Prozess gemacht. Dieser hatte Hunderte Turnerinnen sexuell missbraucht. Auch Biles. Sie sagte beim Prozess gegen ihren ehemaligen Teamarzt aus, Nassar verbüsst heute eine lebenslange Haftstrafe.

Von Simone Biles wurde erwartet, dass sie auch nach Bekanntwerden des Skandals einfach so weiterturnt wie zuvor. Die Erwartungen an sie, die nach ihren Spielen in Rio auf eine Stufe mit dem Sprinter Usain Bolt oder dem Schwimmer Michael Phelps gehoben wurde, waren riesig. Doch der Umgang damit war schwierig. Die 24-Jährige offenbarte nun, dass ihre mentalen Probleme schon vor langer Zeit begonnen haben und nicht erst in Tokio. «Es war zu viel», sagte die viermalige Olympiasiegerin mit Blick auf den Missbrauchsskandal um den ehemaligen US-Mannschaftsarzt Larry Nassar: «Aber ich wollte nicht zulassen, dass er mir etwas wegnimmt. Also habe ich das so lange verdrängt, wie mein Geist und mein Körper es mir erlaubten.»

Plötzlich ist das Augenlicht weg

In Tokio traf es die Ausnahmeturnerin dann mit voller Wucht. Wegen einer mentalen Blockade bei Drehungen um die Längsachse sah die 24-jährige Amerikanerin keine andere Möglichkeit, als die Notbremse zu ziehen – und auf die Kritiker zu pfeifen. «Sagen wir, du hast bis 30 dein komplettes Augenlicht. Eines Morgens wachst du auf und kannst einen Scheissdreck sehen. Aber dir wird gesagt, du sollst normal weitermachen. Du wärst verloren, oder?», sagte Biles: «Ich habe 18 Jahre lang geturnt. Ich bin aufgewacht und habe es verloren. Wie soll ich weitermachen?»

Wegen einer mentalen Blockade bei Drehungen um die Längsachse sah Simone Biles keine andere Möglichkeit, als die Notbremse zu ziehen.

Wegen einer mentalen Blockade bei Drehungen um die Längsachse sah Simone Biles keine andere Möglichkeit, als die Notbremse zu ziehen.

Ashley Landis / AP

Trotz ihrer Worte: Das Turnen hat die Rekordweltmeisterin noch nicht aufgegeben, derzeit tritt sie bei der «Gold over America»-Tour an. Parallel kämpft sie aber um ihre mentale Gesundheit – und wähnt sich in einem langen Prozess: «Daran werde ich wahrscheinlich 20 Jahre arbeiten.»

Weitere zahlreiche Skandale im Turnsport

Der haarsträubende Fall im US-Team hat eine regelrechte MeToo-Bewegung im Turnsport ins Rollen gebracht. Zahlreiche andere Missbrauchsfälle wurde seither öffentlich: in Grossbritannien, den Niederlanden, Australien, Deutschland und in der Schweiz. Dabei geht es in den aller meisten Fällen um keine Schwerverbrecher wie Nassar. Es geht um Trainerinnen und Trainer, die ihre Macht über die jungen Sportlerinnen ausnützen, psychische Gewalt anwenden. Sie reden die Athletinnen klein, kritisieren sie wegen des Gewichts, zwingen sie, trotz Verletzung zu turnen. Es sind Methoden, um jungen Turnerinnen zu brechen.

Nationaltrainer Fabien Martin musste gehen.

Nationaltrainer Fabien Martin musste gehen.

Patrick Huerlimann / Keystone

Auch in der Schweiz packten ehemalige Turnerinnen öffentlich darüber aus, wie sie gequält wurden. Seither blieb kein Stein auf dem anderen im Turnverband. Nach einigen personellen Veränderungen an der Spitze musste zuletzt auch Nationaltrainer Fabien Martin gehen.

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