Kunstturn-EM
Giulia Steingruber spielt in Basel ein Spiel mit verdeckten Karten, ihre grössten Asse zaubert sie erst im Sommer aus dem Ärmel

Obwohl sie seit Monaten neue Elemente einstudiert, setzt Giulia Steingruber bei den Kunstturn-Europameisterschaften in Basel auf ein bewährtes Programm. Sie ordnet alles den Olympischen Spielen unter.

Simon Häring
Merken
Drucken
Teilen
Die EM als Standortbestimmung, die Olympischen Spiele als Höhepunkt: Giulia Steingruber legt noch nicht alle Karten auf den Tisch.

Die EM als Standortbestimmung, die Olympischen Spiele als Höhepunkt: Giulia Steingruber legt noch nicht alle Karten auf den Tisch.

Keystone

Ihr Medaillensatz bei Europameisterschaften ist längst komplett: 5 Mal Gold, 1 Mal Silber, drei Mal Bronze. Kommt in der kommenden Woche in Basel weiteres Edelmetall hinzu, wäre das eine herausragende Leistung. Weil sie sich 2018 das Kreuzband im linken Knie gerissen hat. Und weil sie seit Herbst 2019 keinen einzigen Wettkampf mehr bestritten hat. Und doch wäre eine weitere Medaille am Ende der Karriere nicht viel mehr als eine Randnotiz. Denn vor fünf Jahren gewann Giulia Steingruber in Rio de Janeiro im Sprung als erste Schweizer Kunstturnerin überhaupt eine Olympia-Medaille. Es ist der Massstab, an dem sie gemessen wird.

Giulia Steingruber weiss das. Sie sagt: «Wenn man einmal eine Medaille gewonnen hat, erwartet die Öffentlichkeit das immer wieder. Das erwarte ich von mir selbst ja auch.» Doch vor den Titelkämpfen in Basel, die ohne Zuschauer ausgetragen werden, dämpft sie die Erwartungen. Sie wisse nicht, wo sie stehe. Wie gut die Konkurrenz in Form sei. Und auch wenn Medaillen verteilt werden, wird klar, worum es ihr wirklich geht: «Es ist für mich eine Standortbestimmung vor den Olympischen Spielen.» Das Ziel: zwei Gerätefinals (am besten sind die Chancen in ihren Paradedisziplinen am Boden und im Sprung), dazu das Erreichen des Mehrkampfinals.

Ihren letzten Wettkampf bestritt Giulia Steingruber im Herbst 2019.

Ihren letzten Wettkampf bestritt Giulia Steingruber im Herbst 2019.

Keystone

Oberste Priorität: Verletzungen vermeiden. Denn knapp drei Monate nach den Europameisterschaften stehen die Olympischen Spiele in Tokio an. Nach London und Rio de Janeiro ihre dritten. «Und wahrscheinlich meine letzten», wie Steingruber sagt. Gerade in letzter Zeit hätten sich schwere Verletzungen bei der Konkurrenz gehäuft. «Ich sehe das als Spätfolge des Lockdowns im letzten Frühling, in dem die Feinmotorik sehr gelitten hat.» Viele hätten danach wegen der Olympischen Spiel zu schnell zu viel gewollt und zu hart trainiert. «Aber nicht jeder Körper macht das gleich gut mit.» Auch sie habe lernen müssen, auf ihren Körper zu hören.

Bei der letzten Heim-Europameisterschaften, 2016 in Bern, gewann Giulia Steingruber zwei Mal Gold, im Sprung und am Boden.

Bei der letzten Heim-Europameisterschaften, 2016 in Bern, gewann Giulia Steingruber zwei Mal Gold, im Sprung und am Boden.

Es ist wohl eine Laune des Schicksals, dass die Spiele von Tokio am 24. März 2020 um ein Jahr verschoben wurden. Am Tag, an dem Steingruber ihren 26. Geburtstag feierte. Doch die Absage spielte ihr auch in die Karten. Steingruber nutzte die Zeit, um sich neu zu erfinden. Die Übung am Barren hat sie umgestellt, und am Balken hat sie zwei neue Elemente einstudiert. Und sie feilt an zwei neuen Sprüngen: dem Yurchenko mit Doppelsalto rückwärts gehockt, den noch nie eine Frau gestanden hat, und der nach ihr benannt würde. Und am Yurchenko mit halber Drehung und anschliessendem Salto vorwärts gestreckt mit anderthalb Drehungen.

Doch in Basel wird Steingruber mit verdeckten Karten spielen und keines dieser Elemente zeigen. Zu gross ist die Angst vor einer Verletzung, zu kurz die Zeit vor den Olympischen Spielen. Zu viel steht auf dem Spiel. Sie sagt:

«Für mich ist wichtig, dass ich gut und sauber durch die Übungen komme. Im Sprung blieb einfach zu wenig Zeit und Wettkampfpraxis, um noch schwierigere Elemente einzubauen. Die Zeit war zu knapp. Ich möchte kein Risiko eingehen.»

Zwar wird Steingruber nach den Europameisterschaften in Basel ein paar Tage frei nehmen, doch sie lässt keine Zweifel daran, dass sie danach alle Kräfte mobilisiert, um in Tokio die Übungen ihres Lebens abzuliefern. «Ich weiss, es ist möglich, die neuen Elemente bis dahin zu integrieren und zu stabilisieren», sagt die 27-Jährige. «Ich habe nach der EM noch gute zwei Monate Zeit, Vollgas zu geben.» Ungewissheit scheint sie nicht zu plagen, im Gegenteil: «Ich kann nicht sagen, ob ich Medaillenchancen habe, ich habe wirklich keine Ahnung. Aber das macht es auch spannend.» Mental und körperlich sei sie in blendender Verfassung. «Ich habe Vertrauen in meinen Körper und habe keine Einschränkungen im Training», sagt sie.

2016 gewann Giulia Steingruber als erste Schweizer Kunstturnerin überhaupt eine Medaille bei Olympischen Spielen: Bronze im Sprung.

2016 gewann Giulia Steingruber als erste Schweizer Kunstturnerin überhaupt eine Medaille bei Olympischen Spielen: Bronze im Sprung.

Keystone

Souveräner Umgang mit Magglingen-Protokollen

Kritische Fragen zu den «Magglingen-Protokollen», in denen ehemalige Turnerinnen von Beschimpfungen, Drohungen und psychischer Gewalt berichtet hatten, die zu Essstörungen und Depressionen geführt haben sollen, begegnet sie souverän, sagt: «Es ist richtig und wichtig, dass diese Vorwürfe untersucht werden. Aber jede Athletin macht ihre eigenen Erfahrungen. Bei mir war alles positiv, deshalb hatte ich dazu einen gewissen Abstand.» Sie habe sich auf ihre sportlichen Ziele konzentrieren können, das Training habe darunter nicht gelitten. «Das war mir wichtig.»

Giulia Steingruber, die sich bei der Formulierung ihrer Ziele immer in Zurückhaltung geübt hat, die auch jetzt sagt, sie wolle sich «nicht zu weit aus dem Fenster lehnen», die nie vollmundige Ankündigungen gemacht hat, strahlt in diesen Monaten eine selten zuvor gezeigte Gelassenheit aus.

Sie wirkt dabei wie eine Frau, die noch das eine oder andere Ass im Ärmel hat. Und weiss, wann sie es ausspielen will: bei den Olympischen Spielen.