FCB-Trainer

Kritik und Zweifel sind treue Wegbegleiter von Marcel Koller: Wie macht er das nur?

Ganz bei sich: Marcel Koller, Trainer des FC Basel. Vielleicht stellt er sich gerade die Frage, ob es für ihn bei Rotblau weitergeht.

Ganz bei sich: Marcel Koller, Trainer des FC Basel. Vielleicht stellt er sich gerade die Frage, ob es für ihn bei Rotblau weitergeht.

Marcel Koller hat gelernt, mit Zweifeln und Misstrauen umzugehen. Dafür erhält er sogar Lob aus der Bundesliga.

Was passiert mit Marcel Koller? Ist er auch in der nächsten Saison noch Trainer des FC Basel? Schon in zwölf Tagen läuft sein Vertrag mit Rotblau aus. Weil seine Mannschaft aber noch auf drei Hochzeiten tanzt – in der Meisterschaft, im Cup und in der Europa League – , ist anzunehmen, dass sein Kontrakt um zwei Monate verlängert wird.

Was danach geschieht, ist offen. Zwar verlängert sich der Vertrag um ein Jahr, falls er mit dem FCB Meister wird, doch auch in diesem Fall ist eine Trennung möglich. Der mit einem Defizit von gegen 20 Millionen Franken finanziell ins Strudeln geratene Klub kann sich einen Trainer mit einem geschätzten Salär von 1,5 Millionen Franken kaum mehr leisten.

Lässt er sich denn eigentlich nie provozieren?

Schon im letzten Sommer ist unklar gewesen, wie es mit Koller weitergeht. Doch der Zürcher hat sich nie vom unwürdigen Basler Machtspiel provozieren lassen und weitergearbeitet, als wäre nichts gewesen. Platzt ihm denn nie der Kragen? Lässt er alles mit sich machen?

, sagt Koller. «Ich habe schon in jungen Jahren Bücher zu Themen wie Gelassenheit und Menschenführung gelesen und in diesem Bereich an mir gearbeitet. Inzwischen sind auch das Alter und die Erfahrung dazugekommen.»

Als Koller 1997 nach über 17 Jahren und 480 Pflichtspielen für GC sowie als langjähriger Nationalspieler beim FC Wil Cheftrainer wird, staunt Spieler Patrick Winkler nicht schlecht: Der Star aus Zürich ist sich für nichts zu schade und packt überall mit an. Ob als Fahrer oder in der Waschküche.

Auch später beim FC St.Gallen weiss Winkler die akribische Arbeit Kollers zu schätzen. Doch dem heutigen Trainer des FC Gossau imponiert vor allem die menschliche Art der Teamführung. Diese sei 2000 die Basis für den sensationellen Meistertitel gewesen, ist er überzeugt.

Ab 2002 arbeitet Koller als Trainer bei GC und hat Mathias Walther als Sportchef an seiner Seite. Gemeinsam werden sie Meister, und gemeinsam endet wenig später ihre Zeit bei den Zürchern. Walther erinnert sich, wie Koller mit dem schmählichen Abgang umgegangen ist: «Wie ein Monsieur!» Es habe zwar in ihm gebrodelt, aber er sei über der Sache gestanden.

Nur einen Monat später wird Koller vom abstiegsgefährdeten Bundesligisten 1. FC Köln und dessen Manager Andreas Rettig verpflichtet.

, sagt Rettig. «Wir hatten ihm gar viel zu verdanken, weil er Lukas Podolski herausbrachte.» Rettig sagt: «Koller hätte im Haifischbecken der Kölner Medien oft Grund gehabt, aus der Haut zu fahren. Doch er bewies immer Format und liess sich nie provozieren.»

Der Beweis, kein Duckmäuser zu sein

Nach einem Jahr Pause wird Koller im Sommer 2005 von Sportchef Dieter Meinhold vom soeben in die zweite Liga abgestiegenen VfL Bochum verpflichtet. «Marcel war und ist ein kompetenter, disziplinierter und akribischer Fussballfachmann, von dem ich einiges gelernt habe», berichtet der 65-jährige Meinhold. «Seine Frau hat sich damals oft beklagt, dass er sich auch daheim bis tief in die Nacht Fussball-Videos anschaut habe. Aber Marcel hat unsere klare Zielsetzung, den Wiederaufstieg, souverän erfüllt.» Dass Koller aber kein Duckmäuser ist, erlebt Meinhold am eigenen Leib. «Eines Tages fehlte ich im Trainingslager beim Frühstück, weil ich dringend telefonieren musste», erzählt Meinhold. «Das passte Marcel aber überhaupt nicht und er beschied mir deutsch und deutlich, dass der Sportchef an den Tisch gehöre. Er liess eben kein Rädchen auf dem Weg zum Erfolg ausser Acht.» Und verliert auch dann die Contenance nicht, als er nach viereinhalb Jahren vom Hof gejagt wird. Meinhold ist zu jenem Zeitpunkt längst weg.

Gut zwei Jahre später wird Koller österreichischer Nationaltrainer und straft mit seinem Erfolg Berufskritiker wie Robert Prohaska und Hans Krankl Lügen. Teamspieler Marc Janko, heute Experte bei Sky, sagt: «Marcel ist feinfühlig und besitzt viel Menschenkenntnis. Er hat uns vorkommuniziert, wie man mit schwierigen Charakteren umgehen muss.» Als er dann nach sechs Jahren verabschiedet und mit Dreck beworfen wird, schämt sich der frühere FCB-Spieler Janko für den schlechten Stil. «Aber Marcel verlor kein schlechtes Wort, obwohl er jedes Recht dazu gehabt hätte – er ist eben ein Sir. Wir hatten eine wunderbare Zeit», sagt Janko. In jene fällt auch einer von Kollers raren öffentlichen Gags, als er nach der Qualifikation für die EM in Frankreich mit Béret und Baguette zur Pressekonferenz erscheint.

Schon damals, und wie jetzt beim FCB, hat Koller den Österreicher Thomas Janeschitz als Assistent an seiner Seite gehabt. «Wir stehen für dieselben Werte und haben den gleichen Umgang mit Menschen», sagt der 53-Jährige. «Es kommt schon vor, dass es kracht zwischen uns. Aber das ist auch gut so, und wir bleiben dabei auch immer sachlich. Marcel strahlt stets eine enorme Gelassenheit aus.» Und hat die ganz grosse Gabe, sich auf das Wesentliche konzentrieren zu können.

Lamberti: «Für ihn zählt nur die Leistung»

Seit 23 Jahren ist Koller nun Trainer. Spieler- und Trainerberater Dino Lamberti hat ihn von Beginn an betreut und bezeichnet ihn als «ehrlichen und authentischen Menschen». Der 51-Jährige sagt: «Als er im vorletzten Winter einige Spieler gegen sich hatte, wäre es ihm nie eingefallen, sich an ihnen zu rächen. Für ihn zählt nur die Leistung. Und weil diese stimmte, liess er sie spielen. Das hat ihm Respekt verschafft.»

Trotz des Cupsiegs will Marco Streller ihn dann aber weghaben. Letztendlich ist es jedoch der Sportchef, der den Hut nehmen muss. Was den Ausschlag dafür gegeben hat, wissen nur die Direktbeteiligten. Klar scheint, dass sich Kollers Strategie, weder zu poltern noch Geschirr zu zerschlagen, ein nächstes Mal bewährt hat.

Ein Lautsprecher wie Jürgen Klopp ist er definitiv nicht und wird er auch nie sein. Für Koller gilt: Klappern gehört nicht zum Handwerk. «Das überlasse ich gerne anderen», sagt der FCB-Trainer. «Auch die Spieler schätzen die Ruhe.»

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Autor

Markus Brütsch

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