Fussball
König Johan – ein Nachruf an einen der Grössten der Fussballgeschichte

Genie, Querdenker, Visionär. Johan Cruyff war seinen Gegnern meistens einen Schritt voraus – als Spieler und als Trainer. Am Freitag verlor er im Alter von 68 Jahren den Kampf gegen den Lungenkrebs. Der Fussball trauert um einen der Grössten.

Thomas Renggli
Merken
Drucken
Teilen
Johan Cruyff weigerte sich einst, im Adidas-Trikot aufzulaufen. Sein Sponsor war Puma.

Johan Cruyff weigerte sich einst, im Adidas-Trikot aufzulaufen. Sein Sponsor war Puma.

Keystone

Ernst Happel wusste genau, wen er brauchte, um die holländische Nationalmannschaft 1978 in Argentinien zum WM-Titel zu führen: Johan Cruyff. Der geniale Offensivvirtuose hatte seine Länderspielkarriere im Oktober 1977 mit dem Qualifikationsspiel gegen Belgien beendet. Doch Happel hoffte bis zuletzt, dass er Cruyff zum Comeback überreden konnte – vergebens.

Johann Cruyff und der argentinische Spieler Roberto Perfumo während des WM-Spiels Niederlande-Argentinien 1974.
12 Bilder
2011 während der 14-Jahr-Feier der Johan Cruyff Foundation.
Der Ex-Fussballer spielt Rollstuhl-Basketball.
Cruyff 2013 während eines Trainings von Lausanne-Sport.
Cruyff und Ex-Fifa-Chef Sepp Blatter.
Johann Cruyff ist am 24. März 2016 mit 68 Jahren an Lungenkrebs verstorben.
Seine wohl bitterste sportliche Niederlage: Johann Cruyff unterlag mit Holland im WM-Final 1974 gegen Deutschland mit 1:2 - rechts Franz Beckenbauer.
Cruyff 1974 an der WM mit seinem schwedischen Gegenspieler Kent Karlsson.
Johan Cruyff und der Argentinier Roberto Perfumo im WM-Spiel 1974.
Cruyff 1972 als Spieler in Amsterdam. Dreimal holte er mit diesem Verein den Europapokal der Landesmeister.
Johann Cruyff erhält 2006 einen Award für sein Lebenswerk: 1971, 1973 und 1974 wird er Europas Fussballer des Jahres.
Johan Cruyff an einem Benefiz-Spiel

Johann Cruyff und der argentinische Spieler Roberto Perfumo während des WM-Spiels Niederlande-Argentinien 1974.

Keystone

Johan Cruyff liess sich nicht erweichen – und drückte damit seinen Protest gegen die Militärdiktatur im Land des WM-Veranstalters aus. Vor diesem Hintergrund mutet es wie Zynismus der Geschichte an, dass Holland im Finale von Buenos Aires an Argentinien scheiterte.

Johan Cruyff steht für eines der schönsten und revolutionärsten Kapitel in der Moderne des Fussballs: den «Voetbal Totaal» (den totalen Fussball), eine Mischung aus aggressivem Pressing und ständigen Positionswechseln – mit dem Ballbesitz als höchstem Gut: «Wenn wir den Ball haben, können die anderen kein Tor schiessen», sagte Cruyff lapidar. Pep Guardiola dürfte ihm beipflichten.

Xabi Alonso (spanischer Fußball-Weltmeister 2010): "Die '14' wird niemals mehr dieselbe sein."
11 Bilder
Boris Becker (dreimaliger Wimbledonsieger): "Ruhe in Frieden Johan Cruyff. Meine Gedanken und Gebete gelten seiner Familie."
Diego Maradona (argentinische Fußball-Legende, Weltmeister 1986): "Wir werden dich nicht vergessen, Dünner!"
Bert van Marwijk (ehemaliger niederländischer Nationaltrainer): "Ich habe Cruyff immer sehr bewundert. Ich bin zutiefst bestürzt."
Lionel Messi (fünfmaliger Weltfußballer): "Eine Legende hat uns verlassen."
Jürgen Klinsmann (Fußball-Weltmeister 1990): "Der Tod von Johan Cruyff ist eine sehr traurige Nachricht. Er war ein fantastischer Spieler, Trainer, Lehrer und Mensch."
ichael van Praag (KNVB-Präsident): "Wir haben unseren besten Fußballer, unsere Nummer 14 verloren. Wir sind am Boden zerstört. Johan hat den niederländischen Fußball in neue Höhen getragen. Als KNVB sind wir ihm ewig dankbar, ich persönlich werde meinen Freund unheimlich vermissen."
Gianni Infantino (FIFA-Präsident): "Johan Cruyff war ein überragender Spieler, einer der Größten, den die Welt je gesehen hat, ein Symbol der Eleganz, eine Inspiration, eine Quelle der Bewunderung für die Fans. Er hat die Geschichte des Fußballs für immer geprägt. Ich bin sehr traurig über seinen Tod, er wird schrecklich vermisst werden."
Joseph S. Blatter (ehemaliger FIFA-Präsident, bis 2021 gesperrt): "Johan Cruyff war eine einzigartige Figur im Weltfußball. Er hat dem Fußball einen Touch gegeben, den viele versucht haben zu kopieren. Ich bin tief bewegt. Zusammen mit Rinus Michels hat er den Fußball total verändert. Der Fußball wird Johan Cruyff vermissen."
Franz Beckenbauer (Fußball-Weltmeister 1974): "Ich bin geschockt. Johan Cruyff ist tot. Er war nicht nur ein sehr guter Freund, sondern wie ein Bruder für mich."
Die Fussballwelt ist bestürzt: Reaktionen zum Tod von Johan Cruyff

Xabi Alonso (spanischer Fußball-Weltmeister 2010): "Die '14' wird niemals mehr dieselbe sein."

Keystone

Die Nummer 14

«Er war der beste Spieler der Geschichte», sagt Michel Platini über Johan Cruyff. «Er war der grösste Stratege unserer Zeit», fügt Günter Netzer an. Und Sepp Blatter bezeichnet den Verstorbenen als «Genie und Visionär». Der frühere Fifa-Präsident lernte eine andere Seite des Holländers kennen: «Er war ein Charakterkopf, der keine Kompromisse einging. Er eckte an und zog seinen Plan konsequent durch.»

Dies bekam auch die Fifa zu spüren. Gerne hätte sie Cruyff nach dessen aktiver Karriere für die globalen Entwicklungsprogramme eingespannt, doch die Interessen liessen sich nicht unter einen Hut bringen. Cruyff stellte immer seine eigene Stiftung in den Vordergrund, die «Johan Cruyff Foundation», die benachteiligten und behinderten Kindern den Zugang zum Fussball ermöglichte.

Als Spieler stand Cruyff aber oft sich selbst am nächsten – war quasi Solist im Mannschaftssport. Weil er einen persönlichen Ausrüstervertrag mit Puma besass, weigerte er sich an der WM 1974, die Adidas-Trikots der holländischen Nationalmannschaft zu tragen. Als einziger Spieler seiner Equipe trat Cruyff mit bloss zwei Streifen auf den Ärmeln an. Die von ihm bevorzugte Rückennummer 14 erforderte 1974 ebenfalls eine Sonderbewilligung. Die Mitglieder der Startauswahl waren damals von 1 bis 11 durchnummeriert. Zum ersten Mal hatte Cruyff die 14 getragen, als er 1970 nach einer Hüftoperation in die Formation von Ajax Amsterdam zurückkehrte und seine gewohnte Nummer (9) besetzt war. Auch von der Suchtprävention liess er sich nicht in ein Schema pressen: Selbst während der WM 1974 soll sich der leidenschaftliche Raucher in der Pause gerne eine Zigarette angezündet haben. Sportlich ging Holland die Luft erst im Finale aus – bei der 1:2-Niederlage gegen Deutschland.

Das grosse Missverständnis

Trotzdem dürfen die 1970er-Jahre als holländisches Zeitalter der Fussballhistorie bezeichnet werden – mit dem brillanten Techniker Cruyff in der ersten Reihe. Als verlängerter Arm der holländischen Trainerikone Rinus Michels führte er das Spiel bei Ajax Amsterdam (Meistercup-Siege 1971 bis 1973), Barcelona und mit der holländischen Landesauswahl in eine neue Epoche. Als Trainer (Meistercup-Sieger mit Barcelona 1992) setzte er diese Entwicklung fort.

Die Frage, wie sich der Fussball ohne Johan Cruyff entwickelt hätte, harrt einer Antwort. Sicher aber ist: Cruyffs Ideale vom Offensivspiel, von läuferischer Souplesse und taktischer Disziplin prägen sowohl die holländische Nationalmannschaft wie den FC Barcelona bis heute. Dass Cruyff auf Nationalmannschaftsstufe ohne Titel blieb, ist eines der grössten Missverständnisse der Fussball-Geschichte. «Er war der bessere Spieler als ich – aber ich war Weltmeister», stellt Franz Beckenbauer mit kaiserlicher Distanz fest. Doch auch Cruyff wurde geadelt – unter anderem von einer Fachjury dreimal mit dem Ballon d’Or und von der Öffentlichkeit als «König Johan».

Cruyff stand am Ursprung der orangenen Revolution im Fussball – einer Revolution der Ästhetik und des Spektakels. Der König ist tot! Lang lebe der König! Die Fussballwelt verneigt sich vor Johan Cruyff.