Konflikt
Schweizerischer Turnverband: Der Streit um die Gymnastinnen eskaliert

Das Regionale Leistungszentrum Biel und Region unterstellt den nationalen Verantwortlichen, die Rhythmische Gymnastik und ihre Spitzenathletinnen fallen zu lassen.

Odilia Hiller
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Die 16-jährige Livia Maria Chiariello gilt derzeit als grösstes Talent der Rhythmischen Gymnastik. Sie trainiert am RLZ Biel und Region.

Die 16-jährige Livia Maria Chiariello gilt derzeit als grösstes Talent der Rhythmischen Gymnastik. Sie trainiert am RLZ Biel und Region.

Bild: PD

Sie habe den Schweizerischen Turnverband (STV) wieder und wieder auf Missstände hingewiesen und werde nun dafür ­bestraft. Zusammen mit den Kaderturnerinnen der Rhythmischen Gymnastik, die der Turnverband offensichtlich aufgegeben habe.

Elisabeth Gehrig-Bossi, Präsidentin des Regionalen Leistungszentrums Biel und Region.

Elisabeth Gehrig-Bossi, Präsidentin des Regionalen Leistungszentrums Biel und Region.

Bild: PD

Deutliche Worte wählt eine aufgewühlte Präsidentin des Regionalen Leistungszentrums (RLZ) Biel und Region an diesem Freitagmorgen. Elisabeth Gehrig-Bossi berichtet an einer Medienkonferenz im Hotel Bellevue Palace in Bern von Angst, Unmut und mangelnder Planungssicherheit, was die Zukunft der Rhythmischen Gymnastik angehe.

Sie tue dies im Namen des gesamten Vorstands des Leistungszentrums – von dem sich allerdings niemand ausser ihr traue, namentlich hinzustehen. Zu sehr fürchteten Eltern von Athletinnen Repressalien des Turnverbands gegen ihre Töchter, wenn sie sich öffentlich positionierten.

Ein offener Brief an den Turnverband

Zeitgleich geht ein langer offener Brief mit Vorwürfen an den Schweizerischen Turnverband. Darin geht es um angebliche Versäumnisse des Verbands seit mindestens Februar 2020, als das Bieler Leistungszentrum die Geschäftsleitung und den Zen­tralvorstand des Turnverbands auf Missstände in der Rhythmischen Gymnastik im Bereich Ethik und Verhaltenskodex aufmerksam gemacht hatte. An die breite Öffentlichkeit gelangten die Missstände im Herbst mit den «Magglinger Protokollen» des «Magazins», als eine Reihe von Turnerinnen schwere Vorwürfe gegen ihre ehemaligen Nationaltrainerinnen erhob.

Die Präsidentin macht ebenfalls publik, dass die Ethikkommission des Turnverbands Ende August 2021 eine Untersuchung gegen ihre Person eröffnet habe. Darüber, welche Verstösse sie begangen haben soll und wer bei der Ethikkommission gegen sie Meldung erstattet habe, werde sie allerdings im Dunkeln gelassen – unverständlicherweise, sagt die Präsidentin.

Engagement der entlassenen Nationaltrainerin in Biel wirft Fragen auf

Zudem sei die RLZ-Präsidentin vom Turnverband praktisch zeitgleich zur Eröffnung der Untersuchung mit einem Schreiben konfrontiert worden, worin sie Fragen zur Einstellung der vom Verband entlassenen ehemaligen Nationaltrainerin Aneliya Stancheva als Teilzeittrainerin am Leistungszentrum Biel zu beantworten hätte. Und ja, der Schweizerische Turnverband habe zuvor von der Einstellung der entlassenen Nationaltrainerin am RLZ Biel dringend abgeraten.

Man habe die Trainerin erst nach eingehender Prüfung und langen Gesprächen unter Auflagen eingestellt – weil sie eben doch eine gute Trainerin sei, eine Wandlung durchgemacht habe, und die Auswahl klein sei, so Gehrig. Das Training der Kadergymnastinnen müsse weitergeführt werden.

Mietvertag in Magglingen gekündigt

Zumal der Turnverband die Sportart offensichtlich fallen lasse, wie die Auflösung der Nationalkadergruppe, fehlende Nachfolgeregelungen in fast allen ­Bereichen der Rhythmischen Gymnastik sowie der Austritt des Verbands aus dem Bauprojekt einer Multisporthalle in Zusammenarbeit mit der Stadt Biel zeige.

Auch gebe es Informationen, wonach der Turnverband den Mietvertrag mit dem Bundesamt für Sport in Magglingen per Ende September gekündigt habe: dem einzigen Trainingsort der Schweiz, wo für die Elitegymnastinnen ein dämpfender Schwingboden zur Verfügung stehe.

Der Turnverband weist die Vorwürfe von sich

David Huser, seit 1. Juli 2021 Chef Leistungssport beim Schweizerischen Turnverband.

David Huser, seit 1. Juli 2021 Chef Leistungssport beim Schweizerischen Turnverband.

Bild: PD

Der Schweizerische Turnverband wirkt über den offenen Brief des RLZ Biel einigermassen fassungslos. David Huser, neuer Leiter Spitzensport seit 1. Juli, reagiert betroffen:

«Ich bedauere den Unmut des RLZ Biel und verstehe in einem gewissen Mass, dass die aktuelle Situation für die Athletinnen frustrierend ist.»

Offensichtlich sei es dem STV noch nicht gelungen, das Vertrauen des Leistungszentrums Biel zurückzuerlangen. Die neue Führung des Turnverbands setze sich aber zum erklärten Ziel, jederzeit transparent zu informieren.

«Ich bin seit dem 1. Juli im Amt. Die Erlangung eines Überblicks und die Aufarbeitung der Geschehnisse der Vergangenheit nehmen bisher viel Zeit in Anspruch.» Dennoch sei man im Begriff, die Stelle der Ressortleitung Rhythmische Gymnastik im Verband neu zu besetzen.

«Wir verschleppen nichts»

«Wir verschleppen nichts. Ein bisschen Zeit muss man uns geben, um die neuen RG-Strukturen nachhaltig aufzubauen.» Ohne eine tragfähige Basis bringe es nichts, in die Spitze zu investieren. Kategorisch ist der Spitzensportchef in der Frage der Anstellung der entlassenen Nationaltrainerin am Bieler Leistungszentrum: «Das ist aus unserer Sicht ein äusserst ungünstiger Schritt.»

Von der Untersuchung der Ethikkommission gegen die Präsidentin des RLZ Biel habe man Kenntnis. Da die Kommission unabhängig arbeite, wisse aber auch der STV nichts weiter, als dass sie existiere, und dass sie nicht vom Verband in Auftrag gegeben worden sei.

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