Ski alpin
Wie die streitbare Lara Gut-Behrami den Weg zurück zum Erfolg fand

Lara Gut-Behrami gehört in ihrer 14. Weltcupsaison in den Speedrennen nach einer zwischenzeitlichen Baisse wieder zum Favoritenkreis. Eine Diplomatin wird die 29-Jährige aber auch im Alter nicht.

Rainer Sommerhalder
Merken
Drucken
Teilen
Lara Gut-Behrami sorgte in Crans-Montana bisher für mehr Wirbel neben als auf der Strecke.

Lara Gut-Behrami sorgte in Crans-Montana bisher für mehr Wirbel neben als auf der Strecke.

Jean-Christophe Bott / KEYSTONE

Kommentarlos und in Rekordtempo verlässt Lara Gut-Behrami nach ihrem enttäuschenden 16. Platz in der ersten Abfahrt von Crans-Montana das Zielgelände. Ist vielleicht besser so, dann sagt die 29-jährige Tessinerin zumindest nichts, was anderen in den falschen Hals gerät. So wie zwei Tage zuvor, als sie nach dem ersten Training die Organisatoren im Wallis mit der Bemerkung, die Piste befinde sich «in einem katastrophalen Zustand» zur Weissglut treibt.

Zweite Garde rettet in der Abfahrt die Schweizer Bilanz

Bis die Startnummer 27 in Crans-Montana ins Ziel kam, drohte das schlechteste Schweizer Abfahrtsergebnis seit langem. Die Teamleaderinnen Corinne Suter und Lara Gut-Behrami schafften es trotz nahezu fehlerfreier Fahrten nicht in die Top 10. Wie weit der zeitweise böige Wind dabei eine Rolle spielte, war schwierig einzuschätzen. Corinne Suter sagte dazu: «Es ist nie ein gutes Zeichen, wenn man den Wind als Fahrerin unterwegs spürt.» Sie könne nicht mehr als das Rennen abhaken. Nicht beirren von den äusseren Einflüssen liess sich die Italienerin Sofia Goggia, die mit ihrem angriffigen Fahrstil den dritten Abfahrtserfolg in Serie bejubelte. Als Retter der Schweizer Bilanz feiern lassen durften sich derweil zwei Fahrerinnen, die es selten ins Scheinwerferlicht schaffen. Jasmine Flury fuhr mit der besagten Nummer 27 auf Platz 5, ihre Teamkollegin Priska Nufer doppelte mit der 29 und der siebtbesten Zeit nach. «Es tut extrem gut, im Rennen umsetzen zu können, was im Training schon länger funktioniert», sagte die 27-jährige Flury. «Einfach der Hammer: das beste Abfahrtsresultat meiner Karriere», freute sich die ein Jahr ältere Nufer. (rs)

Crans-Montana will die WM 2027 organisieren. Da kommen kritische Voten der eigenen Aushängeschilder denkbar unpassend. Entsprechend heftig fällt die Reaktion der OK-Spitze aus. Doch anstatt einer Entschuldigung gibt es von der streitbaren Tessinerin einen Tag später die Rückmeldung: «Das ist die Wahrheit. Soll ich denn lügen, wenn ich nach der Qualität der Piste gefragt werde?»

Fokus aufs Wesentliche und eine neue Gelassenheit

Lara Gut-Behrami wird auch im Alter keine Diplomatin. Sie war in ihren beeindruckenden 13 Jahren auf Weltniveau immer wieder mal mit sich selbst beschäftigt und stand sich damit sportlich mehr als einmal im Weg. Vor gut einem Jahr sagte sie dem Fachmagazin «Fitness Tribune» in einem Interview: «Erfolg ist ein Spagat zwischen Erfahrung und Sturheit».

Zwei Dinge haben sich in jüngster Vergangenheit zum Guten verändert. Sie hat die Anzahl energiefressender Nebenschauplätze deutlich reduziert und die Verantwortlichen von Swiss Ski haben eine unaufgeregte Art entwickelt, um mit den vereinzelten Ausbrüchen von Lara Gut-Behrami umzugehen. Konsequenz anstelle von Skandalen.

Lara Guts Top-3-Plätze im Weltcup

SAISON: ANZAHL:
2020/21 2
2019/20 3
2018/19 2
2017/18 3
2016/17 9
2015/16 13
2014/15 2
2013/14 9
2012/13 2
2011/12 0
2010/11 4
2009/10 0
2008/09 2
2007/08 1

So auch in diesem Sommer, als die 27-fache Weltcupsiegerin resolut und emotional ein Anstellungsverhältnis für ihren Vater und Trainer Pauli Gut einforderte. Swiss Ski sagte ebenso klar «Nein», da aus dem Privatteam von Lara Gut-Behrami bereits Alejo Hervas vom Verband entlöhnt wird. Der 44-jährige Spanier kümmert sich um ihre körperliche Fitness und wird von ihr als «wichtiges Puzzleteil für den Erfolg» gelobt.

Der Schweizer Cheftrainer Beat Tschuor sagt, Hervas sei ein kompletter Skitrainer und «ein echter Teamplayer». Von seiner Kompetenz profitieren auch die anderen Fahrerinnen. Überhaupt verläuft das Verhältnis zwischen Verband und der Athletin, die als 17-Jährige erstmals im Weltcup gewann, derzeit in ruhigen Bahnen. Das liegt einerseits darin, dass die Schwäche von Gut-Behrami auch eine Stärke ist. Sie schaut nicht nach links und rechts, konzentriert sich stur auf sich selbst. Nestwärme innerhalb des Frauenteams braucht die 29-Jährige offensichtlich nicht, um glücklich und schnell zu sein.

Von den Vorgesetzten gibt es Lob und Anerkennung

Andererseits sorgt Alpinchef Walter Reusser mit der Philosophie «maximale Flexibilität innerhalb eines abgesteckten Rahmens» für Regeln, denen sich auch Lara Gut-Behrami beugt – ab und zu zähneknirschend. Sie erhält von den Swiss-Ski-Vertretern dafür viel Lob. Cheftrainer Tschuor: «Lara zeigt eine grosse Professionalität, sie ist sehr fokussiert und physisch in einer ausgezeichneten Verfassung».

Und sein Vorgesetzter Reusser sagt: «Ihr Erfolg basiert auf harter Arbeit. Sie hat die Situation angenommen wie sie ist, im Training das Richtige gemacht und ist ihren Weg konsequent gegangen.» Reusser windet auch den Trainern ein Kränzchen. Diese hätten sich nicht «an ihr Gärtchen geklammert» und damit innerhalb einer Teamstruktur die Individualität im Training für Gut-Behrami und weitere Ausnahmeathletinnen erst ermöglicht. Ein wichtiger Puzzlestein für den Erfolg.